Mohammed-Karikaturist bei "Lanz" Gespenstisches um Mitternacht

Ein irritierendes Szenario: Nur Sicherheitsleute waren im Studio, als Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard nach längeren Querelen endlich doch bei Markus Lanz auftrat - und auch das Gespräch verlief seltsam. Fast hatte man das Gefühl, der Zeichner müsse sich für seinen Mut rechtfertigen.

ZDF

Von Reinhard Mohr


Gerade hatte er sich noch ganz locker mit Peter Kraus und Sophia Thomalla unterhalten, da kündigte Markus Lanz um kurz vor Mitternacht an: "Das nächste Thema ist gar nicht so einfach" - und begrüßte einen Gast, der in knallroten Hosen und mit Gehstock auf den Knien fast ganz allein im Studio saß. Nur Beamte des Landeskriminalamts und des dänischen Geheimdienstes waren anwesend. Das Interview war vor der Sendung gesondert aufgezeichnet worden. Sicherheit geht vor.

Der Übergang vom Geplauder über die RTL-Show "Let's Dance" zum Gespräch mit dem von Islamisten verfolgten Mohammed-Karikaturisten Westergaard fiel allerdings eher holprig aus.

Um die Sachkenntnis der wenigen Fernsehzuschauer, die zu dieser nächtlichen Stunde noch aufgeblieben waren, etwas aufzufrischen, gab es einen mehrminütigen Einspieler zur Geschichte des Karikaturenstreits, der in Teilen der islamischen Welt in Wahrheit kein bloßer Streit, also eine Debatte oder Diskussion war, sondern in gewalttätigen Demonstrationen eskalierte, die, wie das ZDF vorrechnete, weltweit über 150 Todesopfer forderten.

Westergaard selbst wurde am Neujahrsmorgen 2010 in seinem Haus von einem 28-jährigen Somalier mit Axt und Messer angegriffen - erst im letzten Moment konnte sich der 74 Jahre alte dänische Zeichner samt seiner fünfjährigen Enkelin in den "Panikraum" seines Hauses retten. Bis heute wird er rund um die Uhr bewacht.

Nichts erfuhren die Zuschauer allerdings von den Querelen, die der Sendung selbst vorausgegangen waren. Erst wurde Westergaard vom ZDF eingeladen, dann wieder ausgeladen. Programmdirektor Thomas Bellut griff höchstpersönlich in den Fall ein und machte dabei keine allzu gute Figur.

"Wie gehen Sie abends ins Bett, wie gut können Sie schlafen" wollte Lanz, der Fachmann fürs Allzumenschliche, als Erstes wissen und erhielt umgehend einen Einschlaf-Tipp à la Dänemark: "Ich bin ein alter Mann und bin nicht mehr so ängstlich wie früher. Die Zukunft lässt sich absehen. Deshalb habe ich ein gutes Leben."

"Meine Karikatur ist einfach wahr"

Ob er wieder so handeln würde, wenn er die Konsequenzen voraussehen könnte? Ob es das "wert" gewesen sei?

Ja, was sonst, sagte Westergaard, der eben nicht hypothetisch, sondern ganz real gehandelt hat. "Wir können nicht davonlaufen." So spürt er auch "keine Reue", will also nicht abschwören oder sich entschuldigen. Wofür auch? Für die "Tradition der Satire" in Dänemark? Für die Ausübung seines Berufes? Für die Inanspruchnahme des Menschenrechts auf Meinungs- und Ausdrucksfreiheit?

Selbstverständlich dürfe auch die Religion kritisiert und satirisch aufs Korn genommen werden, und es hätte den Hinweis des Moderators auf den aktuellen Zustand der katholischen Kirche nicht gebraucht, um die Kritikwürdigkeit spezieller Ausprägungen des Christentums gleichfalls zu bejahen.

Auch Westergaard hat den Heiland des Christentums schon mehrfach karikiert, etwa mit einem Cartoon, auf dem Jesus im Armani-Jackett vom Kreuz heruntersteigt und seines Weges geht. Auf einem zurückgelassenen Zettel steht: "Sie können mich besuchen von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr."

Natürlich gab es auch in diesem Fall Proteste von Gläubigen, aber niemand trachtete dem Künstler nach dem Leben.

Ganz anders in der islamischen Welt, wo die angebliche "Beleidigung" des Propheten sehr leicht und sehr schnell gewalttätige Reaktionen hervorruft. "Die Terroristen erhalten viel geistige Unterstützung von Islamgläubigen in aller Welt, meine Karikatur ist einfach wahr", sagte Westergaard, der ein ums andere Mal betonen musste, nein, er sei "kein Rassist" und habe nichts gegen die überwältigende Mehrheit der friedlichen Muslime.

Gipfelpunkt der politischen Korrektheit

Im Verlauf des knapp 20-minütigen Gesprächs stellten sich jedoch ein merkwürdiges Gefühl ein und eine Frage: Muss sich hier eigentlich der von Fanatikern verfolgte Karikaturist für seinen Mut rechtfertigen, die teuer erkämpfte demokratische Freiheit des Westens in Anspruch genommen zu haben?

Wie ein schlechtes Sinnbild wirkte nun das klinisch leergeräumte Studio. Kein Publikum, das dem Mann warmen, warum nicht: solidarischen Beifall spendete, kein Gefühl, einer demokratisch gesinnten Gesellschaft anzugehören, die sich von Terroristen jedweder Couleur nicht einschüchtern lässt.

Stattdessen Hinweise auf die angeblich "sehr konservative Einstellung" Westergaards (warum eigentlich "konservativ"?) und jene "99,9 Prozent" absolut friedliebender Muslime, die nie und nirgends irgendjemand etwas zu Leide tun.

Auf dem Gipfelpunkt der politischen Korrektheit versuchte Lanz, das Tatmotiv des somalischen Attentäters irgendwie in den Kontext des ostafrikanischen Massenelends zu stellen. Zunächst schien Westergaard sogar zuzustimmen: Keinesfalls hasse er diesen "fehlgeleiteten" jungen Mann. Doch die schlichte Wahrheit sei: Viele Jahre lang lebe der Somalier schon im reichen und liberalen Dänemark. Sein Hass kommt also nicht aus der "Dritten Welt". Er entstand direkt hier, bei uns, im freien Europa.

Wenn der mitternächtliche Auftritt von Westergaard ein Menetekel gewesen sein sollte, dann dies: Bewahre uns Gott, wer immer und wo immer er sei, vor einer existentiellen Herausforderung, bei der die Freiheit einmal wirklich in Gefahr wäre.

Ihre aktiven Verteidiger würden ein kleines Häuflein bilden, das locker in ein ZDF-Studio passen würde. Wetten, dass...?

insgesamt 349 Beiträge
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Seite 1
almabu! 28.05.2010
1. Es ist nicht zu verkennen, dass eine Einschüchterung des Westens
Zitat von sysopEin irritierendes Szenario: Nur Sicherheitsleute waren im Studio, als Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard nach längeren Querelen endlich doch bei Markus Lanz auftrat - und auch das Gespräch verlief seltsam. Fast hatte man das Gefühl, der Zeichner müsse sich für seinen Mut rechtfertigen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,697230,00.html
bereits stattgefunden hat. Insofern war die stets abrufbare hell aufflammende Empörung und Gewalt erfolgreich. Wenn wir, der Westen ebenso irrational reagieren würden, hätten wir Innere Unruhen im Land. An diesem Punkt kollabieren dann Politik und Polizei zuverlässig mit den "Empörten"... Wir glauben uns durch Anpassung Inneren Frieden erkaufen zu können. Dies wird aber nur eine Zeit lang funktionieren.
bittrich 28.05.2010
2. Kontrolle
Zitat von sysopEin irritierendes Szenario: Nur Sicherheitsleute waren im Studio, als Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard nach längeren Querelen endlich doch bei Markus Lanz auftrat - und auch das Gespräch verlief seltsam. Fast hatte man das Gefühl, der Zeichner müsse sich für seinen Mut rechtfertigen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,697230,00.html
Wir sind dabei, die Kontrolle zu verlieren ob unserer unsäglichen politischen Korrektheit in diesem Land. Der Gegner handelt weder politisch noch moralisch korrekt.
Juro vom Koselbruch 28.05.2010
3. Westergaard traf den Punkt
Zitat von sysopEin irritierendes Szenario: Nur Sicherheitsleute waren im Studio, als Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard nach längeren Querelen endlich doch bei Markus Lanz auftrat - und auch das Gespräch verlief seltsam. Fast hatte man das Gefühl, der Zeichner müsse sich für seinen Mut rechtfertigen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,697230,00.html
Der Mann muss sich für nichts verantworten. Westergaard hat die gewalt- und terrorintensive Seite des Islam karikiert. Und die mörderischen Reaktionen darauf, die ca. 150 Menschen das Leben kosteten und auch ihm nach dem Leben trachteten, zeigen, dass er den Punkt getroffen hat.
Idomeneo, 28.05.2010
4. Über die Rückkehr des Obskurantetums
Kein Gott und kein Teufel soll uns davon abhalten, die Errungeschaften der Aufklärung und der politischen Emanzipation der Französischen Revolution, im Namen einer pseudoliberalen Toleranz, aufzugeben. Es ist schlicht und einfach ein Verrat an unsere europäische Identifikation...
das_zweite_Gesicht 28.05.2010
5. So ist es!
Zitat von sysopEin irritierendes Szenario: Nur Sicherheitsleute waren im Studio, als Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard nach längeren Querelen endlich doch bei Markus Lanz auftrat - und auch das Gespräch verlief seltsam. Fast hatte man das Gefühl, der Zeichner müsse sich für seinen Mut rechtfertigen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,697230,00.html
Sehr guter Artikel! Und der vorliegende Thread stellt die These auch gleich unter Beweis. Schweigen im Walde! Wo sind denn die ganzen linken Formus-Gutmenschen und Zeitgeistritter? Bereits jetzt leisten nur noch die verbliebenen Konservativen geistig-kulturellen Widerstand und wollen Grenzen aufzeigen. Im zynischen-leeren, linken Gleichmacherbrei findet man hingen nicht im Ansatz mehr die Kraft dazu, Werte zu behaupten. Wer immer allen alles Gleich machen und damit everybody´s darling sein möchte, ist eben everbody´s - und damit auch seiner selbst - lächerlicher Depp. Und wer schon einmal Neubürger mittelöstlicher Provinienz bspw. über die GRÜNEN oder hennahaarfarbene SPD-Frauen mit Doppelnamen hat sprechen hören, weiß was ich meine. Grüße
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