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ARD-Krimiserie: Chaos und Glamour in der Provinz

Foto: Michael Böhme / WDR

"Mord mit Aussicht"-Neunzigminüter Die Krimistory? Egal. Schäffer hat Geburtstag!

90 Minuten "Mord mit Aussicht", da jubeln die Fans. Doch so wunderbar das Wiedersehen mit den Provinzcops ist - aus den schrägen Figuren hätte man mehr rausholen können.

Dabei haben es einige Szenen durchaus in sich. Etwa diese: Sophie Haas kommt aus dem Aufzug, blickt nach rechts und sieht durchs Fenster - den Kölner Dom. Mit triumphierendem Lächeln schreitet sie im alarmroten Powerdress den Behördenflur runter - und wer der in die Provinz zwangsversetzten Kommissarin Haas (Caroline Peters) drei Staffeln lang bei der Arbeit im Kaff Hengasch zugeschaut hat, weiß, dass dieses Szenario ihren größten Traum zeigt: endlich wieder in Köln. Endlich wieder wer.

Nur konsequent also, dass der Dreh- und Angelpunkt ihres gesamten Daseins nun auch den Kern des Specials "Ein Mord mit Aussicht" bildet, das am Montag zu besten Sendezeit ausgestrahlt wird (funktioniert übrigens auch für jene, die die Serie nicht kennen).

Und alle sind dabei: die stets zwischen derb und exaltiert wandelnde Kommissarin, die vor allem wegen der grandiosen Darstellerin Peters schillert; der bräsige Polizist Dietmar "Bär" Schäffer (den Bjarne Mädel so liebevoll spielt, dass man nie weiß, in welcher Rolle man ihn großartiger findet: hier oder als Tatortreiniger Schotty); seine unkomplizierte Kollegin Bärbel (Meike Droste, ohne die diese Serie undenkbar wäre); sowie Schäffers Frau (die Petra Kleinert zu ihrer Paraderolle gemacht hat) und Bürgermeister und Haas-Lover Jan Schulte (Johann von Bülow).

Das Ensemble so in den Vordergrund zu rücken hat seinen Grund: "Mord mit Aussicht" ist eine jener Serien, die wegen ihrer Figuren so stark ist - die Krimistorys - ach, fast Nebensache. Und so ist auch im Film herrlich unentschieden, was wichtiger ist: der Mord an dem Polizeibehördenmacker (mit dem Matthias Matschke mal wieder zeigt, dass man ihn gern noch häufiger auf dem Bildschirm sehen würde), der über Haas' Versetzung entscheidet. Oder doch der Geburtstag von Polizist Schäffer.

Der Neunzigminüter als Pausenfüller

Doch die Sache hat einen Haken. Wenn eine Serie als Schmankerl eine Filmversion geschenkt bekommt (man denke an die "Muppets", "Akte X", "Downton Abbey"), kann dreierlei eintreten: Erstens, das Ding ist so großartig, dass sich alle freuen, den vertrauten Figuren länger als eine Folge zuschauen zu können; zweitens, es ist ein Desaster, und alle wünschen sich, der Film hätte ihre Helden nicht kaputtgemacht; drittens, der Plot des Specials enttäuscht und macht einen zugleich ganz sentimental, weil man merkt, wie sehr einem die verschrobenen Figuren im Wochenrhythmus fehlen.

Bei "Ein Mord mit Aussicht" ist es drittens. Der Film unter der Regie von Jan Schomburg (preisgekrönt für das Beziehungsdrama "Über uns das All" mit Sandra Hüller), der wie ein kleines Geschenk für jene daherkommt, die inständig auf eine vierte Staffel hoffen (man befinde sich in einer "kreativen Pause", so die aktuelle Information, eine Ende der Serie sei "definitiv nicht" geplant), überbrückt das Warten. Mehr aber auch nicht.

Denn nach einer halben Stunde voll mit vertrautem Dialog-Pingpong ändert sich alles. Im einen Moment steht Haas am Tatort und sagt zu Schäffer: "Sie rufen bitte die KTU", nach einer kurzen Pause schiebt sie leise nach: "Das steht für Kriminaltechnische Untersuchung. Haben Sie die Nummer?" Darauf Schäffer: "Finde ich raus."

Doch weil Haas dummerweise mit der Mordwaffe in der Hand am Tatort rumläuft, der noch dazu ein Kaff weiter, also nicht mehr in ihrem Revier, liegt, steht sie unter Mordverdacht, landet im Verhörraum der Kollegin (Nina Proll). Und damit verschiebt sich alles.

Nicht nur, dass das Team aus dem Nachbarort wie ein Störpartikel im Ensemble wirkt, der Plot der letzten Stunde killt den Großteil des Charmes. Denn Drehbuchautor Benjamin Hessler, der auch mehrere Serienfolgen mitgeschrieben hat, strickte den Film nach dem "Rashomon"-Prinzip: ein Ereignis - also der mögliche Tathergang - wird aus mehreren Perspektiven nacherzählt. Die Motivation dahinter ist offensichtlich: Bärbel, Schäffer, seine Frau und Haas sind so Helden ihrer eigenen kleinen Filme, ihre Eigenheiten treten klarer hervor.

Doch der Preis dafür ist hoch: Die vier sitzen eine Stunde lang im Verhörraum und beantworten Fragen - und zwar jener Kollegin aus dem Nachbardorf, die einen nicht interessieren. Das war's. Mann ey, nicht auszudenken, was man in diesen 60-Minuten -Film mit diesen umwerfenden Figuren alles hätte erzählen können!

Aber es gibt zum Glück Wiedergutmachung für den Frust: Die Serie wird derzeit in fast allen dritten Programmen wiederholt. Und wirklich, alle Staffeln "Mord mit Aussicht" kann man sich problemlos dreimal hintereinander reinziehen. So gut ist das Zeug.


"Mord mit Aussicht", Montag, 20.15 Uhr, ARD

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