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"Tatort" aus München: Mach's noch einmal, Menzinger!

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München-"Tatort" über Polizeialltag Der Kumpel mit dem Killerblick

Machtgeil unter der Männerdusche, Sex gegen Frust und Schmerz: Der Münchner "Tatort" zeigt nackte Gewalt auf einem Polizeirevier. Ein grimmiger Cop-Krimi, bei dem nicht einmal die Wiederkehr des einst so drolligen Sidekick Menzinger für Lacher sorgt. Gut so.

"Das Gesetz bin ich." Tausendmal hat man den Satz schon gehört und 999 Mal überhört. Hier in diesem angemessen unschönen "Tatort" aus München bekommt er aber eine Wucht, die man kaum mehr für möglich gehalten hätte. Gesagt wird er von dem Streifenpolizist Matteo Lechner (Emilio De Marchi) als Fazit einer Tirade über die Zumutungen des Rechtsstaats und das Gesetz der Straße. Das Schlimme ist, dass man Lechner, der den Killerblick genauso beherrscht wie das Kumpellächeln, seine Hybris nicht mal übelnehmen kann.

Redet diesem selbstgerechten Polizisten denn keiner ins Gewissen? Ja mei, Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl), die intern zum Suizid eines Polizisten ermitteln, geben ihr Bestes: diktieren dem vor ihnen hockenden Lechner beim Verhör von oben herab die Regeln des Rechtsstaats, referieren über die Segnungen der Gewaltenteilung, appellieren an sein Polizisten-Ethos. Vergeblich, der Mann hört ja gar nicht mehr zu.

Und das Fernsehpublikum auch nicht. Längst ist es abgetaucht in die Cop-Welt, die in diesem "Tatort" so ausweglos, so zwingend, so körperlich in Szene gesetzt ist, dass sämtliche im "Tatort" obligatorischen Problematisierungs- und Missionierungsdialoge verhallen. Regisseur Thomas Stiller, der zuvor schon für die sehr ernste Münchner Episode "Der traurige König" verantwortlich zeichnete, hat einen "Tatort" gedreht, der mit einer Zwangsläufigkeit vorangetrieben wird wie ein Cop-Krimi von Sidney Lumet ("Serpico"). Bloß dass Brooklyn hier Bayern ist.

Holt euch eure Semmeln doch selbst!

Wir müssen dieses bajuwarische Bullenmilieu nicht mögen, aber wir sind auf einmal mitten drin. "Macht und Ohnmacht" lautet der Titel der Episode (Buch: Dinah Marte Golch, Bearbeitung: Edward Berger), und man spürt mindestens eines dieser beiden Gefühle in jeder Sekunde des Films. Manchmal sogar beide zusammen.

Dieser "Tatort" ist eine Zumutung. Die Selbstermächtigung und die Hilflosigkeit scheinen hier aus jeder Pore der Protagonisten zu kriechen: das berauschte Gejohle unter der Männerdusche im Revier, wenn man endlich mal junge Gewalttäter dingfest machen konnte. Das Frustvögeln des Polizistenpaars, das nicht über den Tod eines Kollegen wegkommt. So viel Nacktheit ist im "Tatort" selten. Und - Warnung - diese geballte Nacktheit ist nicht unbedingt eine Augenweide.

Ein bisschen wirkt es so, als wollten die Verantwortlichen mit aller Macht dem "Tatort"-Trend zum Schmunzelkrimi entgegenwirken. Münster, Saarbrücken und Ludwigshafen sind hier fern. Oh, wie gut diese Ernsthaftigkeit tut, jede Vorlage zur Pointe verkneift man sich.

Das wird besonders an dem Umstand deutlich, dass hier nach mehr als fünf Jahren Abstinenz Michael Fitz als Sidekick Carlo Menzinger wieder auftaucht. Musste der früher immer Semmeln holen und sich dafür auch noch von den beiden anderen Ermittlern verhohnepipeln lassen, zeigt er sich nun von einer nachdenklichen, ja fast unversöhnlichen Seite. In Thailand besitzt Menzinger, der reich geerbt hat, inzwischen einen Wellnesstempel; die alte Heimat München kommt ihm vor wie ein Hexenkessel, in dem seine ehemaligen Kollegen geschmort werden. Kein Anflug von Nostalgie zeigt sich in seinem Gesicht, und zur Hochzeit in der neuen Heimat lädt er die Weggefährten von einst auch nicht ein. Wie sollen die denn bitte den Flug bezahlen?

Damit kein Missverständnis aufkommt: Dieser "Tatort" erzählt nicht die Story vom ausgebeuteten Streifenbullen, er sympathisiert auch nicht mit Selbstermächtigungsmaßnahmen. Stattdessen zeichnet er streng die Dynamik innerhalb eines Milieus ab, in dem Macht und Ohnmacht ganz dicht beieinanderliegen. Ohne Didaktik, ohne Botschaft. Tadelloses Cop-Kino.


"Tatort: Macht und Ohnmacht", Ostermontag (!), 20.15 Uhr, ARD

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