Musical-Folge von "Grey's Anatomy" Schmetter' mir das Lied vom Tod

Musik spielt in der gefühlsgewaltigen US-Serie "Grey's Anatomy" stets eine wichtige Rolle. Nur folgerichtig also, die Krankenhaus-Soap komplett als Musical zu inszenieren. Die gesungene Episode, die nun im deutschen TV läuft, hat viele peinliche, aber auch anrührende Momente.

Das Ensemble von "Grey's Anatomy": Wer kann singen - und wer nicht?
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Das Ensemble von "Grey's Anatomy": Wer kann singen - und wer nicht?


Dieser Auto-Unfall! Viel scheint von Dr. Callie Torres nicht übrig zu sein, ihr Kopf ist eine einzige Wunde, ihr Gesicht unter all dem Blut kaum zu erkennen, sie liegt starr auf der Motorhaube inmitten von Glassplittern: Unangeschnallt schoss sie nach dem Aufprall durch die Frontscheibe der Limousine, ausgerechnet beim Heiratsantrag ihrer Freundin Arizona Robbins. Obendrein ist Torres schwanger. Mehr Drama geht kaum.

Der Tod klopft heftig an die Pforten, wie so oft bei "Grey's Anatomy", der besten aller Arztserien. Derzeit läuft auf ProSieben die siebte Staffel, deren 18. Folge allerdings die emotionale Schraube noch einmal kräftig anzieht. In "Der Song hinter dem Song" singen die Protagonisten buchstäblich das Hohelied der Leiden, die Episode, die im vergangenen März in den USA lief, ist komplett als Musical inszeniert. Die Macher der Serie haben sich offenbar von ähnlichen Versuchen bei "Buffy" oder "Scrubs" inspirieren lassen, eventuell auch von Regisseur Lars von Trier und dessen Schreckens-Musical "Dancer in the Dark", so forciert schmettern sich die Serien-Ärzte diesmal Szene für Szene die Seele aus dem Leib. Das ergibt anrührende wie peinliche Momente.

Ein Song sagt diesmal mehr als viele Dialoge: Tatsächlich singt nahezu das gesamte Ärzte-Team in dieser Episode, mit unterschiedlicher vokaler Kompetenz, denn auch in der deutschen Fassung erklingen beim Singen ausnahmsweise die Original-Stimmen der Akteure. Durch Höhen und Tiefen pflügen sich die Organe, wobei die echten Stimmen von Patrick Dempsey, Ellen Pompeo, Jessica Capshaw & Co. transportieren erheblich mehr Feeling als ihre deutschen Synchronsprecher. Die sind auch nicht schlecht, aber eben hörbar nur Ersatz.

Die "Grey's"-Macher greifen eine wichtige Serien-Tradition auf, denn gefühlige Songs ließen in allen Folgen stets die Emotionen lodern. Nur waren es bisher sorgfältig ausgewählte Singer/Songwriter-Stücke, passgenaue, getragene Kompositionen, die aber nicht in die Handlung integriert waren. Jetzt traut man Augen und Ohren kaum: Hinreißend, wenn die gepresste Stimme von Kevin McKidd (er spielt den rauen Ex-Militärarzt Owen Hunt) "How To Save A Life" von The Fray intoniert: Das ist schwer kitschig und eigentlich komplett daneben, aber im Serien-Kontext, der überlebensgroße Gefühlswallungen und fachsimpelnde Dialoggefechte kombiniert, fügt sich so ein Overkill harmonisch ein.

Callie klopft ans Himmeltor

Das sind die Rituale, die "Grey's"-Aficionados lieben: Als Callie Torres nach dem Unfall ins Krankenhaus Seattle Grace eingeliefert wird, passiert zunächst das, was immer in solchen Serien-Fällen passiert: Die verschachtelte Ärzte-Choreografie flankiert die Bahrenfahrt der Patientin in den Not-OP, das maschinengewehrartige Diagnosen-Staccato hämmert auf den Zuschauer ein, die üblichen Therapiedispute werden hektisch ausgefochten. Die Drehbuchautoren schreiben für diese "Pressure"-Phasen stets nur "Medical, medical, medical" ins Skript, die wissenschaftlich korrekten Darlegungen steuert anschließend ein authentisches Ärzteteam bei.

Mit der sympathischen Wuchtbrumme Callie Torres am Himmelstor öffnen sich alle Gefühlsschleusen leicht: Sara Ramirez, die die begnadete Orthopädin spielt, verfügt über eine druckvolle, voluminöse Stimme, die Snow Patrols "Chasing Cars" kräftig und sensibel interpretiert - von oben herab, denn sie sieht sich selbst im Koma liegen und singt um ihr Leben. Vielleicht war es Ramirez' Stimme allein, die den "Grey's"-Kreativen die Idee zur Gesangs-Episode einimpfte. Chandra Wilson, als Dr. Miranda Bailey eine Säule des Ensembles, verfügt über eine solide, mittlere Gospelstimme, mit der sie zum Beispiel "Chasing Cars" flankierend auskleidet und später mit Jesse Williams (alias Dr. Jackson Avery) eine kesse Sohle aufs OP-Parkett legt - Fred und Ginger wären neidisch.

Musik wirkt hier wie ein emotionales Bindemittel, eine Droge, die noch die härtesten Schicksalsschläge erträglich macht. Wie in Lars von Triers Kino-Musical zieht die Musik stets eine clever konstruierte emotionale Zwischenetage ein, in der man sich wohlig einrichten kann und die den Schmerz zur Seelenmassage sublimiert.

Wie man dies auf die Spitze treiben kann, zeigt diese bemerkenswerte Folge, die im amerikanischen Original "Song Beneath The Song" heißt. Die Zwischenwelt, den Schnittpunkt zwischen Leben und Tod, hat Dr. Callie Torres schon betreten - und blickt zurück. Zur Rettung ihres Babys wird sogar die abtrünnige "Grey's"-Kinderspezialistin Dr. Addison Montgomery (Kate Walsh) aus der Parallelserie "Private Practice" zum OP-Showdown eingeflogen. Fans der Serie wissen, dass nun wirklich alles passieren kann, sehr Schönes wie ganz Grausames. Seien Sie darauf gefasst.


"Grey's Anatomy": Mittwoch, 20.15 Uhr, ProSieben



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Bobby Shaftoe, 20.07.2011
1.
grey's anatomy - ist das nicht diese serie, in der permanent nur geheult wird?
svanha 20.07.2011
2. Einfach nur nervtötend!
Endlich passiert mal wieder was Spannendes, nachdem es in den letzten Folgen ausschliesslich um gähnend langweilige und vorhersehbare Beziehungskisten ging, und dann? Singen die sich da durch die Folge! Es ist einfach nur schrecklich nervig, ich war die meiste Zeit damit beschäftigt, zu spulen, bis sie zwischendurch mal wieder normal geredet haben. Keine Ahnung, wer die Macher auf den Trichter gebracht hat, zu singen. Furchtbar!
minelli 20.07.2011
3. Titel
Zitat von sysopMusik spielt in der gefühlsgewaltigen*US-Serie "Grey's Anatomy" stets eine wichtige Rolle. Nur folgerichtig also,*die Krankenhaus-Soap komplett als Musical zu inszenieren. Die gesungene Episode, die nun im deutschen TV läuft,*hat viele peinliche, aber auch anrührende Momente. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,775364,00.html
Also Entschuldigung. Die Beste Krankenhaus/Arztserie ist immer noch Dr. House!
miss-muscari 20.07.2011
4. 2 Fehler
1. beste Krankenhausserie EVER: Emergency Room 2. die Bahre ist für die Toten, Lebende werden bitte auf der Trage durch die Klinik gekurvt
curiouscat 20.07.2011
5. Anderes Universum
Zitat von minelliAlso Entschuldigung. Die Beste Krankenhaus/Arztserie ist immer noch Dr. House!
Und zwar SOWAS von! Wo lebt denn der Spiegel-Autor? Grey´s Anatomy ist eine klebrige, pseudophilosophische Laber-Masse, die um Werbeblöcke herumkonzipiert wurde um Hausfrauen zum Konsum von Lifestyle-Produkten zu verführen. House ist in puncto Storytelling und Ästhetik auf einem ganz anderen Level. Und macht auch noch weltweit mehr Werbeumsätze!:D
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