Vorschau Das sind die Aufreger der nächsten "Tatort"-Saison

Fassbinder am Bodensee, Kubrick in Stuttgart, Sexsklavinnen in Wien: In der "Tatort"-Saison 2016/17 wird der Krimi-Klassiker wieder für Gesprächsstoff sorgen.
Eva Mattes und Irm Herrmann im Bodensee-"Tatort"

Eva Mattes und Irm Herrmann im Bodensee-"Tatort"

Foto: SWR/ Patrick Pfeiffer

Sicher, ein Krimimeisterwerk war der Berlin-"Tatort" am Sonntag nicht. Hier betasteten, begrabschten und beglupschten sowohl die jungen Verdächtigen als auch die Ermittler die ganze Zeit die Displays von iPhone und iPad, so richtig voran aber kam der Episodenplot nicht.

Immerhin: Mit den schwulen Sexszenen sorgte die Folge "Wir - Ihr - Sie" für Diskussionen. Wo der "Tatort" früher beim Thema Homosexualität immer sehr verschwiemelt daherkam, wurde das Krawall-Outing von Kommissar Karow in korrekten, expliziten Bildern inszeniert. Auch wie sich der Ermittler gegen die homophoben Sprüche seiner Kollegen zur Wehr setzte, hatte Stil.

Jetzt folgt erst einmal eine extra lange Sommerpause. Es deutet sich aber an, dass der "Tatort" auch in der Saison 2016/17 für Diskussionen sorgen wird. Hier ein paar mögliche Hoch- oder Tiefpunkte.

Fassbinder am Bodensee

Zugegeben, wir haben in den letzten Jahren an dieser Stelle reichlich gestöhnt über den Bodensee-"Tatort". Auf die letzte Folge aber, die um den Jahreswechsel herum ausgestrahlt wird, freuen wir uns diebisch. Die ehemalige Fassbinder-Aktrice Eva Mattes trifft in "Wofür es sich zu leben lohnt" als Kommissarin Klara Blum auf die ehemaligen Fassbinder-Aktricen Hanna Schygulla, Irm Herrmann und Margit Carstensen.

In den Frauenmelodramen von Rainer Werner Fassbinder ging es ja immer um männliche Gewalt und manchmal auch um weibliche Selbstermächtigung. Letzteres könnte auch in diesem, wie man hört, ausgesprochen kunstvoll inszenierten Frauenkrimi eine Rolle spielen. Inhalt: In Konstanz häufen sich die männlichen Leichen, während eine Schwesternschaft aus älteren Damen den Schulterschluss übt. Thema des Krimis laut ARD-Annonce: "das Recht der Schwächeren".

Wir hoffen auf eine Mixtur aus Fassbinders Sadistendrama "Martha" und den Racheschocker "Die Frau mit der 45er Magnum".

Kubrick in Stuttgart

Ken Duken im Big-Data-"Tatort" aus Stuttgart

Ken Duken im Big-Data-"Tatort" aus Stuttgart

Foto: SWR/ Johannes Krieg

Auch in Stuttgart fährt der SWR schwere cineastische Geschütze auf: "HAL" heißt die Episode mit den Kommissaren Thorsten Lannert und Sebastian Bootz, die Ende August nach dem ganzen Sportgerümpel die "Tatort"-Saison 2016/17 eröffnet, und sie spielt natürlich auf HAL 9000, den Bordcomputer des Raumschiffs "Discovery" in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" an.

Der Kubrick-Roboter erweist sich im Laufe der Handlung ja zusehends als schwieriger Charakter in dem Science-Fiction-Klassiker. Anzunehmen also, dass auch der Rechner in dem schwäbischen Daten-Thriller Trouble macht. Es geht um ein Sozialanalyse-Programm, das aufgrund riesiger Mengen von Informationen präzise Verhaltensprognosen abgeben können soll.

Big Data im "Tatort" - nach dem schwulen Sex im Berliner "Tatort" am letzten Sonntag ein weiteres Novelty-Thema. Befragen wir unsere eigenen Datensätze, stehen die Prognosen für eine gelungene Umsetzung des Risikostoffes gut: Regisseur und Autor Niki Stein hat für Lannert und Bootz zuvor den Aufreger Stuttgart 21 in einem bösen, doppelbödigen Psychothriller thematisiert.

Sexsklavinnen in Wien

A. Neuhauser (l.), H. Krassnitzer, K. Sprenger im Wien-"Tatort"

A. Neuhauser (l.), H. Krassnitzer, K. Sprenger im Wien-"Tatort"

Foto: ORF

Unvergessen der ORF-"Tatort", in dem die Ermittlerin Bibi Fellner Freiern die Arme verdrehte und Zuhältern an die Gurgel ging. So wutgetrieben die Episode "Angezählt" von 2013 inszeniert war, so genau beleuchtete sie die sozioökonomischen Gegebenheiten in der türkisch-bulgarischen Elendesprostitution von Wien. Dafür gab es den Grimme-Preis.

Für die "Tatort"-Folge "Die Kunst des Krieges", die im Herbst laufen soll, kehren Fellner und Kollege Moritz Eisner zurück ins Rotlichtmilieu. Es geht ein weiteres Mal um osteuropäische Sexsklavinnen, die über einen Schlepperring nach Österreich gelangen. So verbindet Autor und Regisseur Thomas Roth das Thema sexuelle Ausbeutung mit dem in Österreich besonders heißen Eisen Flüchtlinge.

Ein Krimi, der vor dem Hintergrund der erstarkten FPÖ in Österreich für Wirbel sorgen wird.

Wiedersehen in Leipzig

Hans Peter Hallwachs, Axel Milberg, Maria Furtwängler, Karin Anselm und Günter Lamprecht beim "Tatort"-Dreh

Hans Peter Hallwachs, Axel Milberg, Maria Furtwängler, Karin Anselm und Günter Lamprecht beim "Tatort"-Dreh

Foto: Marc Meyerbröker/ picture alliance / dpa

Der "Tatort", über den man unter historisch ambitionierten Hardcore-Fans am meisten diskutieren wird, dürfte die Jubiläums-Folge "Taxi nach Leipzig" werden. Taxi? Leipzig? Klingelt da was? Genau: Bereits im ersten "Tatort" im November 1970 ließ sich ein westdeutscher Kommissar in den Osten chauffieren. Der offiziell 1000. "Tatort" wird ein ähnliches Szenario auffahren.

Für das besondere Ereignis werden sich der von Axel Milberg gespielte Kieler Ermittler Borowski und die von Maria Furtwängler verkörperte Kollegin Lindholm gemeinsam in ein Auto quetschen. Die beiden werden mit einem ehemaligen KSK-Soldaten konfrontiert, der sich nach einem Einsatz in Afghanistan an seiner Ex-Freundin rächen will, bevor ihre Hochzeit mit einem Kameraden stattfindet.

In Nebenrollen werden viele legendäre Gestalten der "Tatort"-Geschichte auftreten - etwa Hans Peter Hallwachs und Günter Lamprecht, die in dem Ost-West-"Tatort" 1970 Oberleutnant und Offizier der Volkspolizei spielten. Taxi nach Leipzig anno 2016, ein kluges Referenzspiel oder ein nostalgisches Begräbnis? Darüber wird im Herbst zu diskutieren sein.