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"Der Uranberg": Nachkriegsdrama unter Tage

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Nachkriegsdrama auf Arte Brüderchen, knöpf mir die Bluse auf!

Begrenzte Strahlkraft: Der TV-Film "Der Uranberg" nimmt sich des Themas an, wie die Sowjets im Erzgebirge nach dem militärisch entscheidenden Rohstoff suchten. Leider verkommt das Zeitgeschichtsdrama sehr schnell zum steifen "Romeo und Julia"-Abklatsch.

Die Wangen sind rot, die Gesinnung ist es ebenso. Der junge Kurt (Vinzenz Kiefer) glüht für seine Überzeugungen. Im Antifa-Lager, aus dem er im Jahr 1947 ins Bergbauörtchen im Erzgebirge heimkehrt, gab es für Nachkriegsverhältnisse offensichtlich viel Gemüse, und auch dem Geist wurde reichlich Nahrung serviert. Politik, Philosophie und Literatur habe man ihm bei den Antifaschisten vermittelt, erzählt Kurt begeistert seinem Vater, dem Obersteiger Meinl (Christian Redl). Der raunt darauf nur verächtlich: "Nichts Anständiges?"

Einen Ersatz für den immer noch nicht recht entnazifizierten Vater findet der Nachwuchssozialist im russischen Major Burski (Henry Hübchen), der den Uranabbau im Erzgebirge vorantreiben soll. Er schickt den Jungen zur Exkursion in die örtlichen Schächte und verschafft ihm einen Studienplatz an der Bergbau-Akademie. So könnte aus dem einfachen Bergarbeitersohn, dem Sozialismus sei Dank, ein Akademiker werden.

Es wird eben jeder gute Mann gebraucht, denn den Sowjets sitzt die Angst im Nacken, die Atombombe der Amerikaner könnte zu ihren Ungunsten über die zukünftige Weltordnung entscheiden. Hier im Erzgebirge mit seinem massiven Uranvorkommen, doziert der russische Major Burski feierlich vor seinem deutschen Schüler, gehe es um nichts Geringeres als das globale militärische Gleichgewicht.

Ein großes, nichtsdestotrotz kaum ausgeleuchtetes Thema haben sich Drehbuchautor Hans-Werner Honert und Regisseur Dror Zahavi für ihr opulent ausgestattetes ARD-Zeitgeschichtsdrama, das am Samstagabend auf Arte Vorpremiere feiert, ausgesucht: Sie beleuchten die Vorgeschichte der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft Wismut, die später in den sechziger Jahren zum drittgrößten Uran-Lieferanten der Welt aufsteigen wird. Von brüderlicher sozialistischer Kooperation ist in den frühen Nachkriegstagen, die in "Der Uranberg" beschrieben werden, freilich noch nichts zu spüren. Die Sowjets misstrauen den frisch besiegten Deutschen, Fraternisierung wird bei ihnen immer noch mit dem Gulag bestraft.

Der erste Frost des Kalten Krieges

Das freilich macht es dem glühenden Sozialistenspund Kurt immer schwerer, an seiner Überzeugung festzuhalten - gerade weil sie für ihn eine echte Herzensangelegenheit ist. Schließlich raucht er mit der schönen strammen Tochter des Majors (Nadja Bobyleva) eine Zigarette nach der anderen im Stollen, und wenn die Stimmung mal wieder umzukippen droht, singt man sich fröhlich Mut mit sozialistischen Kampfgedichten zu: "Land, sei bereit! Vorwärts, die Zeit!" Den Imperativ "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" nehmen die beiden dann auch bald ganz wörtlich. Doch der erste Frost des Kalten Krieges muss jede aufkeimende Liebe erfrieren lassen, auf deutscher wie auf sowjetischer Seite betrachtet man die Liaison mit Missgunst. Liebe und Politik, Ideale und Ideologie - hier stehen sie sich unversöhnlich gegenüber.

Diese melodramatische Betrachtungsweise großer abstrakter Zeitgeschichtsverläufe kann durchaus funktionieren: Auch die furiose Polit-Soap "Weissensee", die im Herbst in der ARD lief, breitete die alte "Romeo und Julia"-Geschichte vor sozialistischer Kulisse aus. Wo in dem Sechsteiler allerdings aus dem ideologisch geprägten Rollenmuster komplexe Figuren erwachsen, da agieren und schwadronieren die beiden Liebenden in "Der Uranberg" selbst in intimsten Momenten so steif und feierlich, als hielten sie gerade eine Rede im Antifa-Lager: Brüderchen, knöpf mir die Bluse auf!

Regisseur Zahavi, der zuvor schon seine Multikulti-Polemik "Zivilcourage" mit allerhand Pappkameraden vollstellte, kann also kaum Bewegung in das menschliche Drama bringen, das sich hinter dem politischen verbirgt. Vielleicht wollte er auch einfach zu viel; der Stoff seines 90-Minüters wäre als klassischer Zweiteiler wahrscheinlich besser verarbeitet worden. Die ideologische Gemengelage unter Tage (Altnazis gegen Neusozialisten) bleibt diffus, und zum Schluss muss das Zeitgeschichtsdrama, so wollen es die Regeln des deutschen Eventfernsehens, dann auch noch in ein Katastrophen-Movie gewendet werden. Denn um den Weltfrieden zu retten, verheizen die Sowjets im Bergwerk deutsches Menschenmaterial und deutsche Rohstoffe; die Warnung von Kurts Vater, man grabe einen unterirdischen See an, wird in den Wind geschlagen. Welcher aufrechte Sozialist will sich schon von einem Altnazi wie Obersteiger Meinl belehren lassen?

Irgendwann bricht Wasser in die Stollen ein, der Film wird im wahrsten Sinne des Wortes zum Aufguss von "Das Wunder von Lengede", mit dem vor sieben Jahren die Eventisierung der deutschen Zeitgeschichte ihren Anfang nahm. Dramaturgie, Dialoge und die düstere Erzgebirgsdeko sind beim Einbruch der feuchten Massen sowieso schon lange abgesoffen. Am Ende, das ist wohl nur konsequent, ertränken alle Überlebenden ihren Frust im Wodka.


"Der Uranberg", Arte, 20.15 Uhr

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