Zum Tod von Mirco Nontschew Diese hochmotorige Gesichtsmuskulatur

Mirco Nontschew war ein Comedystar der Neunziger, zuletzt kehrte er mit »LOL« zurück. Er war ein Meister der Mimik und Situationskomik. Ein Nachruf.
Markante Gesichtszüge, Sprachtalent: Comedian Nontschew

Markante Gesichtszüge, Sprachtalent: Comedian Nontschew

Foto:

United Archives / kpa / picture alliance / United Archives

Es gibt ein Video , auf dem man sofort sieht, was Mirco Nontschews Comedy ausgemacht hat. Und auf dem man vielleicht erahnen kann, warum er für einige Zeit nicht mehr so erfolgreich war. Mitte der Neunzigerjahre, Nontschew sitzt bei Harald Schmidt, und es stechen sofort seine unwahrscheinlich markanten Gesichtszüge ins Auge. Scharfe Wangenknochen, eine Nase wie aus Stein gemeißelt und Augenbrauen, die ein Eigenleben zu haben scheinen. Mit diesem Gesicht zieht Nontschew völlig überzogene Grimassen, wechselt von einer Sekunde auf die nächste die Gemütslage, von entspannt zu erschrocken zu entrüstet. Und dann ist da sein eigentliches Markenzeichen, seine Stimme: Dialekte, echt oder ausgedacht, und vor allem Geräusche, die er nachmachen kann.

Er sitzt da also bei Harald Schmidt auf dem Sessel und schießt sein Mimik- und Geräuschfeuerwerk ab, macht zum Beispiel ein U-Boot-Periskop nach, was einfach nur verrückt aussieht. Man merkt förmlich, wie selbst Schmidt davon überfordert ist, von dieser anarchischen Performance. Das ist das Grandiose an Nontschew.

Andererseits zeigt das Video auch: Harald Schmidt, die Neunziger, das ist alles vorbei, und irgendwie überrascht es einen nicht, dass jemand wie Nontschew im letzten Jahrzehnt eher nicht mehr zu den Comedygrößen gehört hat.

Erst Feinmechaniker, dann Comedian

Der Comedian und Entertainer Mirco Nontschew wurde 1969 in Ost-Berlin geboren. Der Vater war Musiker aus Bulgarien, die Mutter Journalistin. Schon als Jugendlicher, so steht es auf seiner eigenen Homepage, verdiente er sich Geld mit Beatboxing dazu. Ende der Achtzigerjahre war er auch als Breakdancer unterwegs.

Die Eltern wollten, dass er nach der Schule etwas Handfestes lernt, also machte er eine Ausbildung zum Feinmechaniker für medizinische Geräte. Als solcher arbeitete er tatsächlich auch ein Jahr lang. Gleichzeitig nahm er Schlagzeug- und Gesangsunterricht. Er jobbte als Bühnentechniker an der Komischen Oper in Berlin und bewarb sich 1990 an der Hochschule der Künste im Fach Musical und Show – wurde allerdings abgelehnt.

Es war schließlich Hugo Egon Balder, der ihn 1992 fürs Fernsehen entdeckte und ihn in die Sendung »RTL Samstagnacht« holte, mit der Nontschew schnell zum bekannten Comedian der Neunzigerjahre wurde. Später spielte er auch in Filmen mit wie »7 Zwerge. Männer allein im Wald« oder »Otto's Eleven«, die beide von Otto Waalkes produziert wurden. Nontschew wurde unter anderem mit dem Bayerischen Fernsehpreis, dem Bambi und dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet.

Nontschew (Mitte unten) war auch beim Dreh der dritten Staffel von »LOL« wieder mit dabei

Nontschew (Mitte unten) war auch beim Dreh der dritten Staffel von »LOL« wieder mit dabei

Foto:

Frank Zauritz / dpa

Nach den schnellen Erfolgsjahren war es erst einmal ruhiger geworden um Nontschew, man sah und hörte ihn nur noch selten. Bis dann auf einmal die Show »LOL: Last One Laughing«, in der er mitwirkte, zum Überraschungshit wurde. Das Konzept der Amazon-Sendung: Unter der Beobachtung von Michael »Bully« Herbig müssen sich hochrangige Comedians – darunter Anke Engelke, Kurt Krömer oder eben Nontschew – gegenseitig zum Lachen bringen. Allerdings: Wer lacht, hat verloren. Ein Konzept also, das wie gemacht schien für den Mann mit der ultraschnellen Gesichtsmuskulatur. Vor allem, weil sein Talent nicht die Haltungscomedy war, nicht das Grundsatzprogramm, sondern die alberne, aber nie belanglose Situationskomik.

Auch bei der dritten Staffel war Nontschew wieder mit dabei, sie wurde bereits abgedreht und soll im Frühjahr 2022 gezeigt werden. Umso tragischer, dass Nontschew nun, da sich wieder ein breiteres Publikum für seine Kunst begeisterte, überraschend im Alter von nur 52 Jahren verstorben ist.

»Wir bestätigen den Tod unseres Freundes und Familienmitglieds. Die Familie bittet um Rücksichtnahme in dieser schweren Zeit« sagte sein Manager Bertram Riedel der »Bild«-Zeitung. Auch der Deutschen Presseagentur wurde der Tod Nontschews bestätigt. Die Todesursache ist noch unklar. Auf Instagram schrieb Hugo Egon Balder, der Nontschew einst entdeckt hatte: »Ich bin fassungslos, unendlich traurig und jetzt einfach nur stumm«. Mirco Nontschew hinterlässt zwei Kinder.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Otto Waalkes habe bei den Filmen »7 Zwerge. Männer allein im Wald« und »Otto's Eleven« Regie geführt. Tatsächlich hat Sven Unterwaldt Regie geführt, Waalkes hat sie produziert. Wir haben die Stelle korrigiert.

xvc
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.