Fotostrecke

"Nacht über Berlin": Die SA tötet, die Liebe lebt

Foto: ARD Degeto

NS-Fernsehfilm Mein Herz brennt - der Reichstag auch

Die SA marodiert durch die Straßen, während ein SPD-Politiker und eine Nachtclubdame einander verfallen. Der ARD-Film "Nacht über Berlin" mit Anna Loos und Jan Josef Liefers erinnert an den Reichstagsbrand vor 80 Jahren - und missbraucht eine Lovestory für eine Lehrstunde. Oder umgekehrt.

Wie kann das Fernsehen Geschichte zu Geschichten machen? Wie kann es Historie erzählen, verdichten, deuten? Als grundlegende Unterscheidung gilt hier die zwischen Dokumentation und Fernsehspiel. Die ARD stellt nun diese beiden Formen einander direkt gegenüber, genau eine Woche, bevor sich am 27. Februar zum 80. Mal der Reichstagsbrand jährt - ein Ereignis, das der damals frisch ins Amt gehobene Reichskanzler Hitler 1933 nutzte, um seinen Repressionsapparat auszubauen.

Auf den Mittwochsfilm "Nacht über Berlin" folgt "Nacht über Deutschland", eine Rekonstruktion der Geschehnisse, in der namhafte Historiker wie Norbert Frei zu Wort kommen. Diese Zweiteilung verschleiert einerseits ein wenig, wie viel Formung und Bearbeitung zwingend in jeder objektiv anmutenden Dokumentation stecken - aber sie schärft auch den Blick dafür, wie die Fiktion mit der Wirklichkeit umgeht und im Spielfilm beides ineinanderfließt.

Regisseur und Autor Friedemann Fromm gewann 2010 den Grimme-Preis für den außergewöhnlichen Dreiteiler "Die Wölfe", für den er historische Aufnahmen aus den Zeiten von Berlin-Blockade, Mauerbau und Mauerfall mit Spielszenen verband. In "Nacht über Berlin" geht er konventioneller vor: Die Katastrophe in Deutschland soll sich in den großen und kleinen Alltagskämpfen eines Liebespaars spiegeln. Der Arzt Albert Goldmann (Jan Josef Liefers) und die Nachtclub-Sängerin Henny Dallgow (Anna Loos) begegnen einander im August 1932 auf der Heimreise von Dänemark. Sie war auf eigene Faust mit dem Motorrad unterwegs, er zum Einsatz bei seinem plötzlich erkrankten Bruder Edwin.

Debatten im Zugabteil

Goldmann ist Jude und Abgeordneter der SPD, Henny eine selbstbewusste Lebefrau aus wohlhabendem christlichem Hause. Und kaum, dass es sie gemeinsam in ein Zugabteil verschlägt, lässt das Drehbuch den einen vom "Glauben an die Demokratie" erzählen - und die andere von den "Spinnern" im Parlament. Zwei Vertreter eines der wesentlichen Antagonismen der späten Weimarer Republik in einem Waggon vereint, wie praktisch. Doch voneinander lassen können sie nicht, nachdem Goldmann an der Grenze gefilzt wird - und seine Mütze samt brisanter Fracht bei Henny im Abteil liegenbleibt. Der Mediziner sollte nämlich für seinen Bruder, einen militanten Kommunisten, Dokumente ins Heimatland schmuggeln.

Friedemann Fromm, der gemeinsam mit Rainer Berg ("Die Gustloff") auch das Drehbuch verfasst hat, stopft seine Erzählung voll mit allzu exemplarischen Figuren und Situationen, die die gesellschaftliche Atmosphäre der sterbenden Demokratie zu repräsentieren haben. Da ist etwa der machtgierige Opportunist Erhart von Kühn (Sven Lehmann), der sich mit Hennys Schwester Uta (Claudia Eisinger) verlobt, einer politisch naiven Verharmloserin. Unmotiviert durch die Handlung lässt Fromm auch mal einen SA-Prügeltrupp durch die Straßen marodieren, damit der Zuschauer sehe: Aha, so war das also schon, noch bevor die Nazis offiziell an die Macht kamen. Und eines Tages, kurz bevor der Reichstag in Flammen aufgeht, sitzt doch tatsächlich ein Niederländer namens Marinus van der Lubbe mit verbrannten Händen in Albert Goldmanns Praxis.

Goldmann und Henny sind da längst ein Paar, und sie werden von Beobachtern und Leidtragenden der Geschehnisse zu Mitgestaltern. Eine riskante dramaturgische Strategie, die Grenze zwischen Verdichtung und Verfälschung der Wirklichkeit ist da schnell überschritten. Doch Fromms Film scheitert an etwas anderem: Er klebt so nah an seinen Hauptfiguren, dass ihm sein Gesellschaftspanorama viel zu holzschnittartig gerät. Aber er ist zu weit weg von ihren Gefühlen, um sie mit der nötigen Fallhöhe für das wahrhaft epische Melodram auszustatten.

So wirkt es bisweilen, als sei eine Liebesgeschichte mit historischer Bedeutsamkeit aufgeladen worden und eine Geschichtsstunde mit Emotionen - was wenigstens verhindert, dass "Nacht über Berlin" sich auch ebensogut als Lehrfilm verkaufen ließe.

Dennoch: Auch die gedeckten Braun- und Grautöne, die Außen wie Innen dominieren und die durch Hunderte von Filmen unsere Vorstellung vom Aussehen dieser Epoche geprägt haben, und vor allem der Auftritt von Max Raabe als Duettpartner von Henny Dallgow machen deutlich: Hier inszeniert jemand eine Ära nach den Codes und nach der Ästhetik, die die Nachgeborenen für sie definiert haben. Aufpassen, sonst nehmen wir das noch als wahr hin.


"Nacht über Berlin"; Mittwoch, 20.15 Uhr; ARD.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.