Serienhit "Narcos" "Legalisiert die Drogen endlich!"

Im Kreislauf aus Koks, Geld und Gewalt: Die zweite Staffel der gefeierten Netflix-Serie "Narcos" zeigt den Antihelden Pablo Escobar in all seinen gefährlichen Widersprüchen. Frank Steinhofer hat sich auf dem Set in Kolumbien umgesehen.


Escobar-Darsteller Wagner Moura
Netflix

Escobar-Darsteller Wagner Moura

"Dónde está la plata?" - "Wo ist die Kohle?" So schreit ein Scherge Escobars eine Prostituierte an. Die faucht zurück: "Du bist ein Dieb, aber kein Killer." Ein Schuss ertönt, die Frau wird vor den Augen ihres Kindes ermordet. Die Aufnahmen werden am Ende so cool aussehen, dass man jubelt - und doch gleichzeitig dagegen protestieren will. Das geht doch nicht! Oder geht das etwa doch?

Die provokante Szene wurde auf einem Anwesen in wunderschöner ungezähmter Natur, eine Stunde nördlich von Bogotá aufgenommen. Sie bringt die Einzigartigkeit des Netflix-Serienprojekts "Narcos" auf den Punkt. Es gibt eine Realitätsnähe, durch die der Schrecken der Gewalt eine nie gesehene Unmittelbarkeit erfährt. Die Dialoge sind über weite Strecken auf Spanisch (beachtlich für eine US-amerikanische Produktion), die Darsteller größtenteils aus Lateinamerika, Doku-Aufnahmen und der Dreh fiktionaler Szenen an Originalschauplätzen erzeugen eine hohes Maß an Authentizität.

Wieso aber überhaupt eine Serie über Pablo Escobar? Warum der Welt nicht mal ein Kolumbien jenseits der Kokainfolklore zeigen? Und läuft man nicht Gefahr, den Drogenboss zu verherrlichen?

"Die Hauptrolle in der Serie spielt eigentlich Kolumbien", erklärt der Schauspieler Pedro Pascal, der den Drogenfahnder Javier Peña mimt. Er schwärmt von der Herzlichkeit der Einheimischen, den hügeligen Straßen in Medellín und darüber, was der Himmel macht in Bogotá. Denn immer wieder reißen die Wolken über der kolumbianischen Hauptstadt auf; es regnet wie aus Kübeln, Sekunden später aber strahlt wieder die Sonne.

Gerade wird an einem Filmset mitten in der Stadt eine Szene in einer Drogenküche nachgebaut, draußen pulsiert das Metropolenleben. Alles wirkt sicher, friedlich. So nah am Paradies, so fern der Vergangenheit.

Einer der Regisseure, Andrés Baiz, hat auf die Frage nach dem Sinn oder Unsinn der Serie eine deutliche Antwort: "Ich gebe einen Scheiß auf die Kontroversen!" Und weiter: "Ich bin Kolumbianer. Pablo Escobar legte Bomben in meine Stadt Cali, ließ ein Flugzeug mit Unschuldigen in die Luft jagen. Natürlich halte ich ihn für ein Monster. Aber so einfach ist das nicht." Die Zeit sei reif, den komplexen Stoff neu aufzurollen. Mit all seinen Widersprüchen.

Doch welches neue Schlaglicht wirft die Netflix-Serie, die nach Angaben des Streaming-Dienstes besonders in Deutschland für Furore sorgt, auf das Leben von Pablo Escobar? Die erste Staffel beleuchtet den Aufstieg vom Kleinkriminellen zum größten Koksdealer des 20. Jahrhunderts. "Plata o Plomo" ("Kohle oder Blei") lautet die Losung, die Pablo Escobar in den Achtzigerjahren an die Spitze von Kolumbien katapultiert. Entweder lässt du dich bestechen, oder du wirst mit Kugeln vollgepumpt!

Escobar ist nicht zu fassen

Die zweite Staffel öffnet nun erneut ein Fenster zur Welt, zur Unterwelt. Der Ausbruch Escobars aus seiner Gefängnis-Suite "La Catedral" markiert den Beginn. Helikopter schwirren am Himmel. Am Boden suchen unzählige von Soldaten den Staatsfeind Nummer eins. Doch Pablo Escobar entkommt. Und er tut es immer wieder im Laufe der Serie.

Mit jedem Tag fallen moralische Vorsätze seiner Widersacher wie ein Kartenhaus in sich zusammen: Die kolumbianische Regierung will ihn zur Strecke bringen - mit allen Mitteln. Die CIA mischt mit und versorgt das paramilitärische Todesschwadron "Los Pepes" mit Waffen. Das Cali-Kartell nutzt die Gunst der Stunde, um das Machtvakuum nach Escobar zu füllen.

Alles dreht sich um den Mann mit kleiner Plauze und unerschöpflichem Machtwillen. Der brasilianische Schauspielerstar Wagner Moura (hierzulande vor allem bekannt aus dem Favela-Thriller "Tropa de Elite") verleiht Escobar einen bedrohlichen Charme. Er verkörpert den Drogenboss als ruchlosen Mörder - und als sorgenden Familienvater.

"Immer wenn ich mir einen Charakter anschaue, geht es mir nicht um Gut und Böse", so Moura. "Wir haben beide Seiten in uns. Am Ende war Pablo Escobar ein Mensch." Eine gewagte Charakterisierung für einen Gangster, der auch schon mal eine Linienmaschine mit 110 unbeteiligten Passagieren in die Luft sprengt, um seine Ziele durchzusetzen.

Auch wenn Moura sich am Set unaufgeregt gibt, die Verkörperung von Escobar ist ein Kraftakt, der Spuren hinterlässt. Er sieht müde aus. "Ich bin erleichtert", sagt er, als wir ihn nach den Dreharbeiten treffen. "Ich verzichte jetzt auf den Schauspieler-Bullshit: Das eine ist der Charakter, das andere bin ich. Ich habe Pablo jetzt über zwei Jahre gespielt!" Eine dritte Staffel "Narcos" wird es mit Moura nicht geben.

Wozu auch? Die zweite hat es in sich. Hier geht es nochmal um die prinzipielle Frage, wie man gegen den Drogenhandel in Lateinamerika vorgehen soll und welche Rolle die Konsumenten im Norden in dem Kreislauf aus Koks, Geld und Gewalt haben.

Wagner Moura ist in der Zeit, in denen er den mächtigsten Koksdealer aller Zeiten verkörpert hat, zu klaren Standpunkten gelangt: "Die US-amerikanische Politik im Drogenkrieg ist gescheitert. Der Krieg findet ja nicht in den USA statt", erklärt er. "Die Menschen sterben hier unten im Süden. In Mexiko. In Kolumbien. In den Ländern, die Drogen produzieren und vertreiben. Sie leiden am meisten darunter."

Hat Moura eine Lösungsstrategie? "Ich habe schon immer geglaubt, Drogen sollten legalisiert werden. Nach der Erfahrung mit 'Narcos' bin ich mir zu hundert Prozent sicher: Legalisiert sie endlich!"

Die zweite Staffel von "Narcos" läuft ab Freitag bei Netflix.



insgesamt 10 Beiträge
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knitterich 31.08.2016
1. Da gibt`s besseres
Die über 70-teilige Serie "Pablo Escobar - Patron del mal" handelt von derselben Geschichte, aber in Kolumbien gedreht und um einiges authentischer als Narcos. Zudem auch schon fertig ;). So meine Einschätzung nach Genuss der ersten Staffel von Narcos. Dringende Empfehlung für alle, die mit Untertiteln keine Probleme haben. Der O-Ton ist einfach herrlich!
Ikaruuus 31.08.2016
2. Leider stimmt das nicht....
Zitat von knitterichDie über 70-teilige Serie "Pablo Escobar - Patron del mal" handelt von derselben Geschichte, aber in Kolumbien gedreht und um einiges authentischer als Narcos. Zudem auch schon fertig ;). So meine Einschätzung nach Genuss der ersten Staffel von Narcos. Dringende Empfehlung für alle, die mit Untertiteln keine Probleme haben. Der O-Ton ist einfach herrlich!
Irgendwie wusste ich, dass das kommt, weil irgendwie immer irgendjemand mit diesem Argument ankommt "in Kolumbien" gedreht usw.. "Pablo Escobar - Patron del mal" gibt es auch auf Netflix zu sehen und ich habe mir mal einige Folgen angetan: schrecklich. Das ist die reinste Telenovela mit Schießereien und mehr nicht. Diese Serie trifft nur so vor Kitsch. Ich finde "Narcos" nicht perfekt, da sehr viel von Pablos dunklerer Seite (Ermordung von seinen Geliebten, wenn sie schwanger wurden, bestialische Folter und sadistische Ermordungen seiner Gegner –egal ob jung oder alt- etc.) nicht in der 1. Staffel erwähnt wurden, aber "Narcos" ist das Beste, was es über Pablo Escobar im Film und Fernsehen gab.
Goldschwund 31.08.2016
3. Sind gerade...
...Netflix Werbewochen? Heute häuft es sich aber bei SPON sehr auffällig. Und auch wenn mancher es schon nicht mehr glauben mag: Sie können ganz wunderbar ohne Netflix, Amazon Video, Maxdome, und wie die alle heißen, leben. Einfach Mut haben und probieren.
axel h. 31.08.2016
4. Werbewochen im (clickreduzierten) Bezahlartikel?
Zitat von Goldschwund...Netflix Werbewochen? Heute häuft es sich aber bei SPON sehr auffällig. Und auch wenn mancher es schon nicht mehr glauben mag: Sie können ganz wunderbar ohne Netflix, Amazon Video, Maxdome, und wie die alle heißen, leben. Einfach Mut haben und probieren.
Ziemlich sinnfreie Aussagen, ohne die ich ganz wunderbar hätte leben können...Whatever, Narcos ist geil, die erste Staffel war wirklich sehenswert, auch wenn mir als nicht-"amitypische"-Produktion das themenverwandte italienische Gomorrha noch etwas besser gefiel. Aber ich freu mich sehr auf die neue Staffel.
Kamons 31.08.2016
5. Immer diese Alles-war-frueher-besser-Kommentare..
... Ja und man kann auch ohne Fleisch, Computer und fliessend Wasser leben ... Und Dallas und Denver Clan waren total 80ies und authentisch, ABER NARCOS ist eine der besten Serien der letzten Jahre, sehr ungewoehnlich, sehr direkt und es macht einfach Spass so eine gute Produktion (ohne Werbeuntebrechung) zu geniessen.
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