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Nationalelf im Privatfernsehen: Ein Hologramm für den König

Foto: Federico Gambarini/ dpa

EM-Quali bei RTL Feuchtigkeitslotion für die Augen

Das Spiel der Nationalmannschaft gegen Schottland wurde von RTL übertragen. Ist jetzt alles anders als bei den Öffentlich-Rechtlichen? Besser gar?

Ist jetzt plötzlich alles anders?

Nein. Irgendwie ist alles noch wie bei der WM. Ein eingeblendeter Countdown dreieinhalb Stunden vor Anpfiff, mehrere Reporter, die sich irgendwo vor Ort im schwarz-rot-goldenen Volksfest tummeln und Fans befragen, dazu Vorberichte im dramatischen Duktus des "Heute ist der Tag, auf den wir alle hingefiebert haben". Allein: Es ist EM-Qualifikation, grauer Alltag, der Gegner heißt Schottland, und die Qualifikation ist doch eigentlich schon sicher. Wieso also das ganze Bohei? RTL soll für vier Jahre Quali-Spiele 100 Millionen Euro bezahlt haben. Dafür kriegt man einige Supertalent-Folgen produziert. Diese Relationen muss der Konsument auch sehen.

Aber was zeigt RTL dann dreieinhalb Stunden vor Anpfiff?

Ganz nah ran ging es an den "Weltmeister-Macher". Im Lieblichkeitsdreiklang Gesichtscreme, Mode und Ehefrau transportierte ein 30-minütiges Löw-Portrait ein nahezu fußballfreies RTL-Wohlgefühl in die Wohnzimmer. Eine große Tube Feuchtigkeitslotion für die Augen. Zumindest für diejenigen, deren WM-Wissen auf den Bewegtbildversuchen der Spielerfrauen Cathy Fischer (Bild-Zeitung) und Sila Sahin gründet. Bisweilen entstand zwischen Weichzeichner und Off-Stimme aus dem Selbstfindungsautomaten der Eindruck, dass dieser adrette Mitfünfziger, dieser legere Landwirt aus dem Schwarzwald-Städtchen Schonau, als RTL-Bauer eine Frau sucht. Doch dafür sind einem die Gesichter dann doch zu vertraut. Und außerdem ist dieser "Jogi", wie er durchgehend genannt wurde, ja auch viel zu stylish: "Egal was Jogi trägt, die Massen konsumieren. Der exklusive Jogi-Style, ausverkauft."

Der Fußballinteressierte hat also nichts Neues erfahren?

Irgendwann wurde Löws Friseur befragt. Sein Friseur. Also eher nein.

Aber mit Jens Lehmann wurde das alles doch besser?

Ja, tatsächlich. Der ehemalige Nationaltorhüter hatte die Kollegen früher gerne mit seiner Unangepasstheit genervt. Als TV-Experte ist diese Eigenschaft durchaus begrüßenswert. Blieb im ganzen Event-Taumel vor allem nach dem Spiel angenehm sachlich, auch wenn es rhetorisch gerne mal so rumpelte wie in fast vergessenen DFB-Zeiten.

War sonst alles moderner?

Naja, das unvermeidliche Rangeschmeiße an die Twitter-Gemeinde kennt man ja von den Öffentlich-Rechtlichen. Bei RTL mäandert das Thema zwischen genialischer Erkenntnis (Lehmann: "Die Spieler wissen doch gar nicht, was sie da machen") und Sätzen vom ewig grinsenden Felix Gröner, die man genau so erwartet hatte: "Selfie hier, Selfie da, du mit mir, ich mit dir."

Was war sonst noch typisch RTL?

Diese Zuschauernähe, im wörtlichsten - und nicht unbedingt besten - Sinn. Früher wandelte Günther Jauch mit Dieter Thoma vor lila Milka-Strick an Skischanzen entlang, heute besuchen Florian König und Jens Lehmann schwarz-rot-goldenes Polyester auf der Dortmunder Südtribüne. Vor lauter Nähe fehlt da manchmal die nötige Bewegungsfreiheit. Als beide endlich auf dem Rasen stehen und die Aufstellung mithilfe überlebensgroßer Spieler-Hologramme präsentieren, kommt aber doch alles dort an, wo es hin soll - beim Spiel.

Also war zu wenig Fußball?

Nicht unbedingt, denn natürlich wurde auch der Zustand der Nationalmannschaft nach dem WM-Gewinn analysiert. Und das etwas mehr wie bei Sky als wie bei ARD/ZDF, was gar nicht so schlecht sein muss. Dabei durfte Thomas Müller am iPad spielen. Und der liefert sowieso immer. Also der Müller.

Das Spiel?

Ja, auch da lieferte Müller. Aber auch Kommentator Marco Hagemann. Es zeigte sich: Im thematisch eher festgesteckten Rahmen eines Fußballspiels finden nicht nur Werbeblöcke keinen Platz, auch Gesichtscreme und die Frisur des Bundestrainers werden verschluckt von der Tiefe des großen grünen Raumes. Hagemann nutzte diesen. Erregungspotenziale der Zuschauer dürfen sich bei ihm komplett über das sportliche Geschehen ausbreiten. Die nervenschonende Alternative zu manch öffentlich-rechtlichem Kollegen.

Und die Einschaltquote?

Sehr stark - zumindest in der zweiten Halbzeit. 11,71 Millionen Fans sahen da zu (Marktanteil: 39,7 Prozent). In der ersten Hälfte des Spiels hatten allerdings zunächst nur 9,98 Millionen Menschen vor dem Fernseher mitgefiebert (28,6 Prozent). Der gute Schweizer "Tatort" über Bad Banks und Offshore-Kriminalität, der überschneidend zur ersten Halbzeit ab 20.15 Uhr in der ARD lief, fiel zwar zum ersten Mal seit längerer Zeit unter die Sieben-Millionen-Marke, hielt sich mit 6,27 Millionen Zuschauern (18,6 Prozent) aber immer noch recht wacker.

Also schalten wir am 11. Oktober gegen Polen wieder ein?

Ja, so rund 15 Minuten vor Anpfiff.