Nazi-Fahnder-Krimi mit Franka Potente Die Spröde und das Biest

Nazi-Jägerin mit Schürze und Bubikopf. Der TV-Politkrimi "Die Hetzjagd" zeigt eine wahre Geschichte: Wie Beate Klarsfeld versuchte, des SS-Mannes Klaus Barbie in Südamerika habhaft zu werden. Ein furioses Duell, auch zwischen den Hauptdarstellern Franka Potente und Hanns Zischler.

Elzevir Films

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Man kann diese Frau in ihren gebügelten Blusen und mit ihrem gediegenen Bubikopf leicht unterschätzen. Die langhaarigen RAF-Sympathisantinnen, mit denen Beate Klarsfeld (Franka Potente) Anfang der Siebziger kurz in Untersuchungshaft sitzt, haben jedenfalls nur begrenzt Achtung vor der Hausfrau. Klar, die Mitgefangenen finden ihre Arbeit als Nazi-Jägerin schon irgendwie gut, aber statt die Faschisten einer doch offensichtlich korrumpierten Gerichtsbarkeit zu übergeben, sollte man sie nach Meinung von Klarsfelds linken Zellengenossinnen doch lieber gleich auf offener Straße erschießen.

Nein, auf offener Straße erschießen kommt nicht in Betracht. Ansonsten aber erscheint Beate Klarsfeld und ihrem französischen Ehemann Serge (Yvan Attal) jedes Mittel legitim, um die zum Teil mitten in Deutschland lebenden Altnazis aufzustöbern und ihren gerechten Strafen zuzuführen. In einem Selbstermächtigungsakt versuchen die beiden zum Beispiel den einstigen Gestapo-Chef von Paris, Kurt Lischka, vor seiner Haustür in Köln zu entführen, um ihn der französischen Justiz auszuliefern. Der Alte wehrt sich, das Ehepaar flieht - reicht vorher aber noch freundlicherweise Lischka seinen in den Dreck gefallenen Hut zurück.

Dass die Aktion bei geglückter Ausführung zu diesem Zeitpunkt irgendwo hingeführt hätte, ist eher unwahrscheinlich. Schließlich gibt es bei der Jagd nach Altnazis allerlei Staaten übergreifende Empfindlichkeiten - auch wenn die Beate Klarsfeld herzlich egal sind. Als sie einmal beim Staatsanwalt zur Zurückhaltung ermahnt wird, stöhnt sie nur abfällig: "Diplomatie - pfff!"

Mit Schürze und Gummihandschuhen

Beate Klarsfeld, so wie sie in der französisch-deutschen Fernsehproduktion "Die Hetzjagd" gezeigt wird, ist eine Radikale im besten Sinne des Wortes. Um das deutlich zu machen, muss der Film noch nicht einmal ihre Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger 1968 thematisieren, mit der sie einst zur Symbolfigur eines neuen deutschen Antifaschismus wurde. Regisseur und Autor Laurent Jaoui sucht und findet die Unbedingtheit der Nazi-Jägerin vor allem in ihrem Alltag, in dem Kleinfamilienglück und Großverbrecherhatz sonderbar miteinander verquickt sind.

Oft sieht man Klarsfeld mit Schürze und Gummihandschuhen Telefonate nach Südamerika führen, also in jenen fernen Erdteil, wohin sie sich alle geflüchtet haben: die Barbies, Mengeles und Priebkes. Man könnte sagen: Während Serge als Anwalt das Geld verdient, macht Beate zu Hause die Drecksarbeit. Und weil der Ehemann nicht den Job, der die Familie finanziell gerade so über Wasser hält, aufgeben kann, muss sich Beate Klarsfeld bald alleine nach Südamerika aufmachen, um ihren spektakulärsten Coup zu landen: die Demaskierung und Überführung Klaus Barbies, der sich einst als Gestapo-Oberer den Namen "Der Schlächter von Lyon" erworben hat.

Fernduell zwischen Jägerin und Gejagtem

Präzise zeichnet Laurent Jaoui, Bruder der Erfolgsregisseurin Agnes Jaoui ("Erzähl mir was vom Regen"), die ökonomischen Aspekte der mehr als zehn Jahre dauernden Verfolgung nach. Von staatlicher Stelle ist nichts zu erwarten, jeder Flug muss über Privatspenden zusammengeschnorrt werden; später lässt man die Kosten eine Zeitung tragen, die dafür mit Exklusivinformationen versorgt wird. So eine Nazi-Jagd ist vor allem ein riesiger Organisationsaufwand.

Und als Klarsfeld 1972 schließlich doch noch vor einem bolivianischen Behördenmenschen sitzt, um ihn damit zu konfrontieren, dass in seinem Land ein ehemaliger SS-Befehlshaber Unterschlupf gefunden habe, der des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig sei, erhält sie nur die Antwort: "In unserem Rechtssystem gibt es solche Feinheiten nicht."

Zur direkten Konfrontation von Jägerin und Gejagtem kommt es deshalb kaum. In "Die Hetzjagd" (Co-Autorin: Alexandra Deman) wird der Konflikt vielmehr als Fernduell angelegt, das sich durch politische, ideologische und geheimdienstliche Implikationen bis ins Jahr 1983 zieht. Auf psychologische Erklärungsversuche verzichtet dieser zwischen Köln und La Paz, zwischen Paris und Lima springende Geopolitkrimi weitgehend. Die Spröde und das Biest: Die beiden Kontrahenten sind, was sie tun.

Handwerk des Folterns

Darsteller Hanns Zischler erliegt zum Glück nicht der Versuchung, Barbie als mephistophelischen Charakter anzulegen, der mit Charme und Rhetorik in den Bann zieht. Anders als zum Beispiel in der Faschismusparabel "Nichts als die Wahrheit", in der sich einst Götz George als greiser Josef Mengele zu philosophischen Exkursen über Gewalt und Moral aufgeschwungen hat, sieht sich Zischlers Barbie nicht unter Rechtfertigungsdruck.

Weshalb auch? Im Bolivien der siebziger Jahre genießt er den Schutz der politischen Kaste, zum Dank führt er später seine Gastgeber ins Handwerk des Folterns ein und arbeitet dem rechten General Luis Garciá Meza Tejada 1980 bei dessen Putsch an die Macht zu. In einer Szene sieht man, wie er vor bolivianischen Offizieren einem politischen Gefangenen zu Demonstrationszwecken Schmerz zufügt. Auch im hohen Alter ist Barbie noch ein Paradebeispiel für Effizienz. Es ist halt sein Job, und Don Klaus, wie er inzwischen ehrfürchtig in La Paz genannt wird, macht ihn offensichtlich immer noch sehr gerne.

So gewinnt "Die Hetzjagd" seine Schärfe vor allem durch die Gegenüberstellung der beiden Hauptfiguren - hier die notorische Hausfrau, dort der notorische Häscher. Und mit der gleichen Unnachgiebigkeit, mit der Klarsfeld zu Hause die Wanne schrubbt, versucht sie nun eben dem besonders hartnäckigen Nazi-Dreckfleck Barbie den Garaus zu machen. Hausfrauenehre sozusagen.


"Die Hetzjagd", Freitag 21.00 Uhr, Arte



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tystie, 03.10.2009
1. Prädikat: wertvoll für den (Schul)unterricht
Der Film mit den sehr häufig wechselnden Szenen ist leider gelegentlich etwas hastig, aber jedenfalls gut gemacht. Am schockierendsten für mich war tatsächlich die Einsicht über die deutsche Nazibrüderschaft in Südamerika, die mindestens eine so niederträchtige Rolle spielt(e), wie die CIA. Umso wichtiger und ermutigender sind die Erfolge lateinamerikanischer Emanzipationsbewegungen in jüngerer Vergangenheit. Wie im Fall Eichmann kam der entscheidende Hinweis zum Aufenthaltsort allerdings sehr wohl von deutschen Justizstellen. Umso mehr hätten diese weit mehr Einsatz zeigen sollen, insbesondere auch bei der Verfolgung von Nazitätern im Inland! Die Aufarbeitung ist in der BRD leider erst sehr spät in Gang gekommen und das ist umso bedauerlicher, als besonders angloamerikanischen 'Aufarbeitern' viel Feld für Propaganda überlassen wurde, die nach wie vor wirkt. Die Klarsfelds sind mit ihrem Engegemnet jedenfalls wirkliche Vorbilder und der Film sehr verdienstvoll!
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