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04. Mai 2011, 16:04 Uhr

NDR-Doku über Fake-TV

Wenn Ihr Fernseher lügt

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Hartz IV-Empfänger, Dicke und Punks, das sind die Quotenbringer der unzähligen "Scripted Reality"-Formate im deutschen Fernsehen. Eine NDR-Dokumentation blickt hinter die Kulissen der gestellten TV-Wahrheiten und zeigt, wie nachgeholfen wird, wenn das echte Leben mal wieder nicht schrill genug ist.

Beatrix Fischbach steht im Wohnzimmer ihres Hauses in St. Goarshausen im Rheintal und schüttelt den Kopf. Sie kann es noch immer nicht glauben: "RTL tut dich doch nicht über den Tisch ziehen", sagt sie. Anja Reschke, Reporterin des NDR-Magazins "Panorama", wirft ihr einen mitleidigen Blick zu. Eine Szene aus der RTL-Sendung "Unterm Hammer" wird eingespielt. Das Haus der verschuldeten Familie Fischbach wurde hier erfolgreich versteigert. Whitney Houston trällerte aus dem Off und Familie Fischbach war überglücklich - RTL sei Dank.

Doch nach den Dreharbeiten stellte sich heraus: alles fake. Die Auktion war gestellt, die Bieter Schauspieler. Die Fischbachs sind ihr Haus bis heute nicht losgeworden.

Tag für Tag werden im deutschen Fernsehen Frauen getauscht, Kinder erzogen, Häuser umgebaut, Schulden getilgt oder Straßenkinder aufgelesen: Doku-Formate sollen die Lebensrealität der Zuschauer abbilden. Doch wie viel ist davon eigentlich noch echt und wie viel ist inszenierte Pseudowirklichkeit, sogenannte "Scripted Reality"? In der aktuellen Folge der NDR-Sendung "Panorama - die Reporter" (Titel: "Das Lügenfernsehen") sucht Reschke nach der Wahrheit in der Realität der deutschen Fernsehwelt. Wenig überraschend trifft sie dabei auf naive Laiendarsteller und völlig schmerzfreie Fernsehmacher. Doch sie zeigt auch eine Fernsehwelt zwischen Schonungslosigkeit und Verzweiflung, in der erbittert um die Quote gekämpft wird.

Auf der Jagd nach Dicken und Dummen

Prekär sind dabei nicht nur die Protagonisten vor der Kamera. Der Film beobachtet die TV-Casterin Imke Arntjen bei ihrer Arbeit auf dem windigen Berliner Alexanderplatz. "Hübsch ist gefragt, bis 40 ist gefragt oder 45 geht gerade noch. Alter ist nicht gefragt, Krankheit ist nicht gefragt. Behinderte sind nicht gefragt", sagt Arntjen. Die Realität der Caster ist hart geworden: Wirklich interessante Menschen dürfen sie meist keine mehr suchen. Gefragt sind passende Leute, die für erfundene Horror-Geschichten freiwillig ihr Gesicht in die Kamera halten.

Spaß scheint Arntjen an diesem Job keinen mehr zu haben. "Deutschland ist durchgecastet", sagt sie. Die Branche hat sich selbst ein Bein gestellt, denn die Realität muss immer härter werden. So hart, dass sich mittlerweile kaum noch echte Darsteller finden lassen. Stolz präsentiert Arntjen dann eines der Schmuckstücke aus ihrer riesigen Datenbank: "Sie ist dick und sie ist auch noch ungepflegt, aber findet sich ganz klasse - die ist sensationell." Ein richtig dicker Fisch, den sie da an Land gezogen hat.

Die Rede ist von Ramona, die Arntjen für das RTL-Format "Mitten im Leben" gecastet hat. Anja Reschke macht sich auf den Weg nach Berlin Lichtenberg zu der Frau, die in ihrer Kartei unter den Stichworten "berundet und arbeitssuchend" zu finden ist. In dem RTL-Reality-Format wurde sie als herumschreiende Furie der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein bisschen verwunderlich ist es schon, dass sie überhaupt noch einmal ein Fernsehteam in ihre Wohnung lässt.

Mutter und Tochter sitzen auf dem Sofa ihrer Wohnung in einer tristen Hochhaussiedlung, und der Zuschauer bekommt im Gespräch zwischen Reschke und Ramona tatsächlich eine Ahnung, warum Menschen sich für solche Formate hergeben. Im Fernsehen zu sein sei ja eine gelungene Abwechslung vom langweiligen Alltag, erklärt sie. Das Absurde: Der Fernsehzirkus geht mittlerweile so weit, dass echte Menschen ihr eigenes Klischee ins Lächerliche ziehen - für 1000 Euro.

Das echte Leben abbilden? Zu teuer!

Die Frage ist, wie es auf der anderen Seite aussieht: Wer profitiert von dem boomenden Genre? Reschke trifft Karl Heinz Angsten von "Good Times". Er selbst hat schon Formate wie "Mitten im Leben" produziert. Natürlich fände er es problematisch, wenn die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Doch auf einen Sender kämen heute etwa 100 Produzenten. "Der Druck ist einfach enorm", sagt Angsten. Produzenten schieben die Schuld also auf die Sender. Und RTL spricht im NDR-Interview von Einzelfällen, die sie prüfen müssten. Jemanden, der Verantwortung übernimmt, oder auch nur reflektiert, was für ein übles Spiel mit der Wahrheit mit "Scripted Reality" betrieben wird, findet Reschke nicht auf ihrer Reise.

Ganz im Gegenteil: Produzent Günter Stampf preist die Vorteile komplett gestellter Inhalte, die als Dokus daherkommen: "'Scripted Reality' steht am Beginn eines weltweiten Siegeszuges", sagt er. Seine Firma produziert unter anderem das RTL-Erfolgsformat "Die Schulermittler". Diese Formate seien wesentlich besser planbar. Das echte Leben abzubilden, das sei einfach zu teuer. Da sei es doch kein Wunder, dass auch öffentlich-rechtliche Sender bereits auf ihn zugekommen seien.

Eine Chance für den NDR?

Hätten die Autoren von "Panorama" also auch im eigenen Haus genauer nachfragen müssen? Immerhin deckte die "Süddeutsche Zeitung" im vergangenen Herbst ein Positionspapier zum Thema "Scripted Reality - eine Chance für den NDR" auf. Darin wurden ausführlich die Chancen solcher Formate für den Sender beschrieben. "Es gibt im NDR keine Planungen zu Scripted Reality-Formaten", sagt NDR-Programmdirektor Frank Beckmann auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Das Papier aus dem vergangenen Jahr habe lediglich als interne Diskussionsgrundlage gedient.

Günter Stampf malt sich unterdessen schon viele Ideen für den Norddeutschen Rundunk aus: "So etwas wie das 'Landhotel Sylt' könnte ich mir sehr gut vorstellen", sagt er SPIEGEL ONLINE. Wenn die Verantwortlichen sich wieder meldeten, dann stünde er sofort mit einem Konzept auf der Matte.


Panorama - die Reporter: "Das Lügenfernsehen": Mittwoch, 22.35 Uhr, NDR

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