RTL-II-Serie "Neandertaler" Zurück in die Steinzeit

RTL II zeigt mit der vierteiligen Serie "Neandertaler" eine Eigenproduktion über geklonte Urmenschen und einen grausamen Mord an der deutsch-polnischen Grenze - ist das herrlicher Trash oder einfach nur schlecht?

Von links: Marc Ben Puch (Neo), Natalia Belitski (Lena Taubner) und Bernd-Christian Althoff (Adam Novak)
RTL II

Von links: Marc Ben Puch (Neo), Natalia Belitski (Lena Taubner) und Bernd-Christian Althoff (Adam Novak)


Die Täter kamen während des Essens, es liegt teils noch auf den Tellern, teils über den Boden verstreut. Der Vater, die Mutter, die beiden Kinder, alle tot. Grausam zugerichtet, in einem Kaff an der deutsch-polnischen Grenze. Und als die Rechtsmedizinerin Lena Taubner (Natalia Belitski) am Tatort eintrifft - mit Motorrad und Bikerjacke -, nach dem Puls der Opfer tastet, ihnen die Augen schließt und sich dazu Maria Callas auf die Kopfhörer legt, ist man erst mal irritiert. Aber auch unterhalten.

Die RTL II-Serie "Neandertaler" kommt erstmal recht unterhaltsam daher. Klar ist nämlich: Es handelt sich um keinen gewöhnlichen Mord. Die Täter müssen Steinzeitmenschen sein. Gut zwanzig Jahre vorher haben Wissenschaftler sie in einer unterirdischen Militärfabrik geklont, wie der Zuschauer in Rückblende erfährt. Darin sieht man einen Arzt, wie er bei schummrigem Licht das Kind einer jungen Frau zur Welt bringt. Als es sich zum ersten Mal streckt, kommt unter der Decke ein dicht behaarter Babyarm hervor, halb Mensch, halb Tier. Zurück im Jetzt kann sich die Rechtsmedizinerin die Brutalität, die blutigen Wandmalereien in der Garage noch nicht erklären. Nach der Laboruntersuchung steht aber auch für sie fest: Neandertaler-DNA.

"Neandertaler" ist nach "Gottlos - Warum Menschen töten" schon die zweite Fiction-Serie in diesem Jahr, die RTL2 selbst in Auftrag gegeben hat. Gedreht wurde sie seit Februar in Berlin und Budapest. Als Produzenten hat der Sender unter anderem Ivo-Alexander Beck engagiert, der bereits mit der Komödie "Barfuß bis zum Hals" aufgefallen ist. Zunächst also alles hübsch: eine Eigenproduktion, ein fähiger Produzent und obendrein ein frisches Thema. Hätte man als herrliches Trash-Gewitter inszenieren können. Hätte. RTL2 macht aus dem Stoff einen moralisierenden Vierteiler, der Thriller und Drama, Familienunterhaltung und Klamauk gleichzeitig sein will.

Da wäre zum Beispiel Lena Taubner, die eine möglichst komplexe Hauptfigur abgeben soll. Die nicht nur Leichen inspiziert und dabei Arien hört, sondern auch philosophiert ("DNA ist Wahrheit") und dem zuständigen Kommissar Balthaus (Ulrich Gebauer) mal welpenäugig, mal widerborstig begegnet. Die außerdem eine todkranke Schwester hat und sich deshalb bald um ihre Nichte wird kümmern müssen - was die Produzenten neben der eigentlichen Geschichte abfrühstücken.

Etwas klarer ist Gert Balthaus, der Kommissar, geraten. Der ist ein chauvinistisches Ekel, sonst nichts. Lena Taubner nimmt er allein schon wegen ihres Alters nicht ernst. Wahrscheinlich auch, weil sie eine Frau ist. Von der Neandertaler-Theorie hält er freilich nichts. Stattdessen ist er überzeugt, dass er die Täter unter den Sinti und Roma im Ort findet und zwingt sie zur Speichelprobe. Solange noch nicht alle Proben eingegangen sind, kommandiert er, wird cholerisch, sitzt rauchend im Büro und wirft seine Akten so angewidert von sich, als wolle er den ganzen bleiernen Alltag gleich hinterher schmeißen.

Auf ihn kann Lena Taubner also nicht zählen. Dafür auf Adam Novak (Bernd-Christian Althoff). Der Paläontologe ist angefixt von der Idee, einen Neandertaler-Klon zu treffen. Als sie die Steinzeitmenschen dann tatsächlich aufspüren, pendelt Novak zwischen wissenschaftlicher Begeisterung ("Heilige Scheiße!") und den Sorgen eines typisch deutschen Bausparers. Etwa, wenn Klon Neo ihm die Frontscheinwerfer zertrümmert: "Ich bin mal gespannt, ob prähistorische Steinäxte von der Vollkasko gedeckt werden."

An diesem Punkt kippt "Neandertaler", ist weniger Thriller, mehr Familienfernsehen. Wie gefühlig Taubner und Novak dem Steinzeitmenschen Neo (Marc Ben Puch) näher kommen. Wie penetrant drollig sie sich mit Händen und Füßen unterhalten. Dass Taubner sich nicht mehr sicher ist, dass der Neandertaler die Tat begangen hat? Eh klar. Die neue Mission: Neo beschützen, zivilisieren, bei einer befreundeten Ärztin verstecken. Tranigste, moralische Wohlfühlunterhaltung.

Regisseur Peter Gersina tritt die Handlung dann wieder in die Spur, das schon. Was am Gesamteindruck aber nichts mehr ändern kann. Beeindruckend ist nur, dass "Neandertaler" noch einen drauf setzt und auf die Situation der Geflüchteten in Deutschland anzuspielen scheint.

Die Sinti und Roma sind verhasst im Dorf, erst recht, nachdem sie des Mordes verdächtigt werden. Vor ihren Häusern versammelt sich der Pulk - Wutbürger? - und hetzt gegen sie. Einer von ihnen steckt die Wohnanlage schließlich mit einem Molotowcocktail in Brand. Am nächsten Tag nimmt eine Bürgerin die Dorf-Rassisten vor Kommissar Balthaus in Schutz. Die seien nicht böse, nur frustriert. Unter allem, was die Macher der Serie aufladen, kracht "Neandertaler" dann zusammen.


"Neandertaler", 20.09. und 21.09.2016, 20.15 Uhr, RTL II



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
akkzent 20.09.2016
1. Hört sich gar nicht mal ...
so gut an. Bei RTL-RTLII-SAT1-Produktionen bin ich sowieso raus. Wer es mag - Viel Spass !
morrisfan 20.09.2016
2.
Das kann bei der Themenwahl ja eigentlich nur in die Hose gehen. Wenn es das deutsche Fernsehen macht, egal ob ÖR oder privat, da brauche ich dann nicht mal mehr einschalten.
Sir_Lyon 21.09.2016
3. Passt scho
Neandertaler bei RTL II - da wird die Zielgruppe direkt angesprochen.
MKAchter 22.09.2016
4. Welten entfernt
Ich habe mir Teile der gestern ausgestrahlten Folge angeschaut. Und nach gewisser Zeit wieder weggeschaltet. Man muss bei weitem nicht den "Bildungsbürger" geben wollen, um zu sagen: Die Infotainment-Produktionen der Öffentlich-Rechtlichen zu diesem Themenbereich, auf ARTE, bzw. BBC-Produktionen, sind vom Niveau her Welten entfernt von diesem Produkt. Da wird sich RTL II noch gewaltig anstrengen müssen. Wenn dies überhaupt beabsichtigt ist...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.