Offener Brief an den WDR Kulturschaffende erklären sich solidarisch mit Nemi El-Hassan

Sie habe »glaubhaft ihren Wandel« dargelegt: Hunderte Kulturschaffende fordern den WDR auf, Nemi El-Hassan weiterzubeschäftigen. Die Journalistin war wegen ihrer Teilnahme an einer antisemitischen Demo in die Kritik geraten.
Journalistin El-Hassan

Journalistin El-Hassan

Foto: Tilman Schenk / WDR

Wegen Teilnahme an einer Al-Kuds-Demo vor sieben Jahren soll die Journalistin Nemi El-Hassan vorerst nicht die WDR-Sendung »Quarks« moderieren. Nun haben mehrere Hundert Publizisten, Kulturschaffende und Wissenschaftler in einem öffentlichen Brief  ihre Solidarität mit der Journalistin bekundet. Die Debatte habe »jegliches Maß und Mitte verloren«, heißt es dort.

Nemi El-Hassan werde »aufgrund ihrer palästinensischen Herkunft und ihrer muslimischen Identität zur Zielscheibe von Hass und Hetze«. So werde in der Berichterstattung »ständig« auf Fotos zurückgegriffen, die El-Hassan mit Kopftuch zeigten, »obwohl sie dieses schon lange nicht mehr trägt«. Die Unterzeichner forderten den WDR dazu auf, die Zusammenarbeit mit der Moderatorin für die Sendung »Quarks« wieder aufzunehmen.

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Zu den Unterzeichnenden gehören namhafte Publizisten wie Carolin Emcke oder Jakob Augstein, Kulturwissenschaftler wie Aleida Assmann, Michael Rothberg und Kai Hafez. Außerdem mehrere Aktivisten, Autoren und andere Kulturschaffende unterschiedlicher Religionen, wie etwa Ali Can, Max Czollek, Deborah Feldman, Igor Levit sowie Saba-Nur Cheema – die pädagogische Leiterin der Bildungsstätte Anne Frank sprach von einer #CancelCulture gegenüber muslimischen Frauen.

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Wer der Initiator des Briefes war, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Auf SPIEGEL-Nachfrage schrieb der Autor und Mitunterzeichner Fabian Wolff, der Brief gehe zurück »auf die Initiative einer Gruppe von Journalist*innen, Kulturschaffenden und Akademiker*innen, die sich spontan vernetzt und auch alle den Brief unterzeichnet haben«. Es handle sich laut Wolff um ein »sehr breites Bündnis«: »Ich kann als Unterzeichner nur für mich selbst sprechen.« In sozialen Netzwerken seien »viele rechte Positionen gegen El-Hassan« laut geworden: »Ich persönlich habe als Jude deshalb unterzeichnet, um mich gegen diese Hetzkampagne zu wenden und Rechts nicht die Deutungshoheit über Antisemitismus zu überlassen.« Er selbst hätte eine Mitarbeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur dann »problematisch gefunden, wenn jemand bei einer Al-Kuds-Demo teilgenommen hat und heute immer noch mitlaufen würde«.

Auf Twitter wurde zwischenzeitlich auch Kritik laut. Die Liste der Unterzeichner lese sich »wie ein Best-of der Antisemitismus-Verharmloser«, schrieb Aras-Nathan Keul, Bundesvorsitzender des Jungen Forums und Präsidiumsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

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Auf der Liste befänden sich Unterzeichner »die nur zu gern Teilnahmen an antisemitischen Protesten legitimieren«, schrieb SPD-Politiker Igor Matviyets. »Wenn es auch um Respekt vor jüdischen Menschen ginge, würde die Liste anders aussehen.« Eine der Unterzeichner ist unter anderem die Kabarettistin Idil Baydar. Nach einem Kommentar in der Social App Clubhouse warf der Deutsche Journalistenverband  ihr in diesem Jahr eine Verharmlosung des Holocaust vor. Auch gegen Carolin Emcke hatte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak im Sommer nach einer Gastrede auf dem Parteitag der Grünen Antisemitismus-Vorwürfe erhoben – nach einem Gespräch mit der Journalistin allerdings wieder zurückgenommen.

Der WDR hatte den Start von El-Hassan als Moderatorin bei der Sendung »Quarks« vorerst ausgesetzt, nachdem unter anderem bekannt wurde, dass die Journalistin im Jahr 2014 bei der alljährlichen Al-Kuds-Demonstration in Berlin teilgenommen hatte. In der Vergangenheit waren dort immer wieder antisemitische Parolen gefallen, Teilnehmer hatten Symbole der libanesischen Hisbollah-Bewegung gezeigt.

El-Hassan distanzierte sich inzwischen von der Demonstration. In einem Tweet räumte die Moderatorin ein, Fehler begangen zu haben. Bei der Demo habe sie keine antisemitischen Parolen von sich gegeben. Im Interview mit dem SPIEGEL sagte El-Hassan, sie schäme sich für diese Zeit. Sie könne allerdings heute nicht mehr ausschließen, dass sie damals Dinge geäußert habe, die Israelfeindlichkeit bedienen.

In dem Solidaritätsbrief ist zu lesen, El-Hassan habe damit »glaubhaft ihren Wandel dargelegt«. Es müsse Platz geben für das Eingeständnis von Fehlern. Ansonsten würde »Menschen in unserer Gesellschaft eine positive Entwicklung nicht zugestanden«.

Der WDR nahm zu dem Brief bislang keine Stellung. Auf Nachfragen des SPIEGEL schrieb der Sender, er nehme die »Unterstützung für Nemi El-Hassan, ausgedrückt in einem offenen Solidaritätsbrief, wahr«. Inhaltlich äußere sich der WDR dazu aktuell aber nicht. Der Sender plane in der Angelegenheit »sorgfältig und ohne Druck von außen zu prüfen und eine Entscheidung zu treffen«.

ime
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