TV-Zukunft mit Netflix, Amazon und Apple Gib Stoff!

2019 wird so viel Geld ins TV-Geschäft fließen wie nie zuvor. Die US-Giganten Netflix, Amazon, Apple und Disney rüsten auf - und krempeln vor allem Europas Fernsehgeschäft nachhaltig um.

Szene aus der französischen Netflix-Serie "Osmosis"
Netflix

Szene aus der französischen Netflix-Serie "Osmosis"

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Die Frontleute von Netflix geben gern damit an, dass sie kein Risiko scheuen. Immer wieder erzählen sie, wie sie einst, als noch niemand an die Wirtschaftlichkeit von Streamingdiensten für Serien glaubte, 100 Millionen Dollar zusammenkratzten, um die ersten beiden Staffeln von "House of Cards" zu produzieren, und so das Fernsehen neu zu erfinden. Die Geschichte kramte Netflix-Programmchef Ted Sarandos am Mittwoch dann auch noch mal beim Fernsehfestival SeriesMania in Lille hervor: Risikobereitschaft als Unternehmensfolklore.

In Wirklichkeit war der Auftritt des vielleicht einflussreichsten Fernsehmanagers der Welt ziemlich hasenfüßig. Sarandos ließ sich von den Serienschöpfern Charlie Brooker und Annabel Jones interviewen, die seine Plattform mit der interaktiv konsumierbaren "Black Mirror"-Episode "Bandersnatch" noch ein weiteres Stückchen in die Zukunft der Fernsehtechnologie getrieben haben. Sich den Fragen von Leuten zu stellen, die man bezahlt, ist nun aber eher das Gegenteil von Risikobereitschaft. Die "Black Mirror"-Schöpfer befragten ihren Geldgeber mit Bezug auf die Auswahlmöglichkeiten des interaktiven Dramas sehr brav: Film oder Serie? Tradition oder Disruption?

Wie schön hätte in dieser Reihung die Frage "Netflix oder Apple?" geklungen, aber da war die Redezeit schon vorbei. Oder der Wille zu schwierigen Fragen erst gar nicht vorhanden.

Szene aus Netflix-Produktion "Bandersnatch"
Netflix

Szene aus Netflix-Produktion "Bandersnatch"

Denn natürlich lag über dem SeriesMania-Festival, dem zurzeit wichtigsten Ort für Debatten in Sachen Serien, Apples Ankündigung vom Montag, einen eigenen Streamingdienst zu starten. Mit Prominenten wie Steven Spielberg und Oprah Winfrey hatte man im US-Firmensitz Cupertino das ganz große Promo-Orchester für die Öffentlichkeit aufgefahren.

Mehr Programm! Mehr Programm!

In Branchenkreisen waren Apples Expansionspläne schon länger bekannt. Ob man in Lille mit kleineren oder größeren Produzenten sprach - viele von ihnen wurden in den letzten Monaten vom Tech-Giganten zwecks möglicher Zusammenarbeit kontaktiert. Seit mehr als einem Jahr durchkämmt Apple die europäische Film- und Fernsehszene, um Partner für neue Serien, aber auch Lizenzgeber von vorhandenen Produktionen zu finden.

2019 wird weltweit so viel Geld in die internationale Fernsehbranche fließen wie nie zuvor. Es stammt zu großen Teilen aus den USA, wird aber auch und vor allem den europäischen Markt umkrempeln. Alte Systeme werden zerbrechen, neue Allianzen entstehen. Wer will, kann das Disruption nennen, Zerstörung.

Aber wenn genug Geld für den Wiederaufbau da ist, kann es den europäischen Fernsehschaffenden nur recht sein. Große Teile des kontinentalen TV-Geschäfts, besonders das in Deutschland, waren bislang extrem behäbig, sie sind nun dazu gezwungen, endlich einen Weg in die Fernsehzukunft zu finden. Konkurrenz belebt das Geschäft, Kreative werden stärker umworben. Das ist zumindest die Hoffnung.

Apple-Werbeaktion mit viel Prominenz
Art Streiber/ Apple

Apple-Werbeaktion mit viel Prominenz

Und Treiber dieser Dynamisierung und Internationalisierung ist das Geld aus den USA. Denn zu den beiden etablierten Plattformriesen Netflix (Umsatz 2018: 15,8 Milliarden Dollar) und Amazon (247,1 Milliarden) stößt im Laufe des Jahres nicht nur Apple (304 Milliarden) als neuer Streaming-Mitbewerber, sondern auch der Disney-Konzern (59,5 Milliarden). Zudem hat der Unterhaltungsgigant Warner Media (Umsatz mit Mutterfirma AT&T zusammen: 189,7 Milliarden) angekündigt, sein Portfolio mit TV-Anbietern wie HBO oder TNT strategisch zu bündeln und breiter aufzustellen.

Welcher Big Player setzt sich durch?

Es geht um die Marktmacht. Mit dem Boom wird es ganz schnell vorbei sein, wenn geklärt ist, wer sich von den Big Playern durchsetzt. Aber bis dahin können Kreative die Investitionslust der Industrie durchaus für sich nutzen, gerade auch europäische Kreative.

Netflix und Amazon balzten in Lille offensiv um lokale Fernsehschaffende. Ging es früher darum, das Konzept für die große globale Serienerzählung zu finden, die in den USA gedreht wird und dort sowie im Rest der Welt ausgewertet, kümmern sich die beiden US-Plattformen jetzt gezielt um regionale Stoffe und Märkte. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass sie sich darauf einstellen, dass Apple und vor allem Disney mit seinem riesigen Markenkatalog von Marvel bis Pixar die großen Fernsehepen produzieren wird, gegen die man sowieso nicht anstinken kann.

Netflix feierte bei SeriesMania deshalb seine neue französische Produktion "Osmosis", die an diesem Freitag zum Abruf bereitgestellt wurde. Es ist eine Sci-Fi-Serie über die algorithmische Berechenbarkeit der Liebe, die man auch als Allegorie auf den Streamingdienst lesen kann, der stolz darauf ist, dass er seine romantische Geschäftsbeziehung zum Zuschauer auf ein algorithmisches Vorschlagssystem baut. Früher war Netflix in Sachen Informationspolitik ja eher ein Fort Knox, in Lille gab man sich ganz offenherzig und protzte damit, dass man gerade mehr als ein Dutzend französischer Produktionen in der Mache habe.

Szene aus der deutsch-französischen Koproduktion "Eden"
Pierre Marsaut/ SWR

Szene aus der deutsch-französischen Koproduktion "Eden"

Und Amazon? Georgia Brown, die einflussreiche Europa-Chefin des Konzerns, trällerte bei ihrem Auftritt in Lille beherzt ein Loblied auf lokale Serienproduktionen. So sportiv ihre Interviewerin sie auf der Bühne immer wieder auf die Entwicklungen bei Apple ansprach, Brown singsangte unbeeindruckt, dass man noch stärker mit europäischen Partnern kooperieren wolle. Lokal produzieren, global ausspielen, das ist momentan die Strategie der Streaming-Veteranen Netflix und Amazon gegen die sich neu formierenden US-Mitbewerber.

Europas Sprach- und Kompetenzchaos

Diese Strategie schafft Raum für neue Ideen. Allerdings erfordert deren Umsetzung neue Produktionsstrukturen in Europa, wo man inzwischen zwar mit Anglizismen wie Headautor und Writers Room um sich schmeißt, aber jeder diese Begriffe anders definiert. In Lille beschäftigte sich ein ganzes Panel mit dem neuen Sprach- und Kompetenzchaos. Zu Recht, denn mit den Begriffen wird auch die Macht der Kreativen neu verhandelt.

Und der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein, da jeder Fernsehanbieter zurzeit möglichst international funktionierende Autorengruppen zusammenstellt. So kündigten das ZDF, France Télévisions und Radiotelevisione Italiana (Rai) in Lille gemeinsam an, die manchmal etwas trägen öffentlich-rechtlichen Tanten Europas, gemeinsam gleich vier High-End-Produktionen herzustellen. Die in Dubai, Frankreich und Italien spielende Spionageserie "Mirage" geht bereits im April in die Drehphase.

Dieses multinationale Erzählen öffnet Raum für neue Themen, der Blick geht über Grenzen. Das ist wirtschaftlich gut für die Fernsehindustrie Europas, das ist aber auch ideell gut für den auseinanderbrechenden Kontinent. Die HBO-Europe-TNT-Serie-Kooperation "Hackerville" über rumänische Cyberkriminelle, die am 5. April den Grimme-Preis bekommt, ist dafür ein Beispiel. Sie wurde in rumänisch und deutsch gedreht. Ein weiteres Beispiel feierte in Lille Premiere: das deutsch-französische Geflüchteten-Drama "Eden", gedreht gleich in sechs Sprachen.

Interessant dabei: Die meisten Serienmacher sind sich einig, dass durch die Netflix-Politik Serien weltweit im Original mit Untertiteln zu präsentieren, die Akzeptanz von Untertiteln bei einem breiteren Publikum gestiegen ist - und damit auch die Möglichkeit nichtenglische Programme besser weltweit vermarkten zu können. Netflix als interkultureller Motor, wer hätte das gedacht.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
bessernachgedacht 29.03.2019
1. Alternativen
Gut dass wir gerne in die Natur gehen und Sport machen. Mehr als ein paar gute Schuhe oder eines einfachen Gerätes wie einem Fahrrad bedarf es nicht. Dazu ein paar gute Freunde... Wozu bitte auf dem Sofa sitzen und beim Gucken von Serien dick und krank werden?
bluraypower 29.03.2019
2. Und die privaten deutschen Fernsehsender...
... werden sich in Zukunft warm anziehen müssen. HD+ wird in den nächsten Jahren enorm an Bedeutung verlieren denn 80 Euro im Jahr für werbeverseuchte Programme nur deswegen zu schauen weil sie in HD gesendet werden die woanders schon Gang und Gebe sind ohne dafür extra zu bezahlen, wird gerade in Bezug auf Netflix, Amazon Prime, Maxdome und demnächst Apple TV + enorm an Attraktivität verlieren. Der Werbemarkt wird auf den Zuschauerschwund reagieren und weniger bei den privaten Veranstaltern investieren. Die Streaming Dienste werden den deutschen Markt noch weiter verändern.
vantast64 29.03.2019
3. Da das Internet nun gerichtlich zum Rundfunk erklärt wurde,
kann man diese Serien doch leicht verbieten, Ansätze zu diesem deutschen Weg gibt es ja schon, Konkurrenz zu verbieten oder zahlen zu lassen.
Andreas1979 29.03.2019
4. So behäbig ARD und ZDF seien,
ich bin von dem Filmmittwoch im Ersten begeistert und auch das ZDF macht gute Filme. Dafür brauche ich keine amerikanische Streamingdienste und für Serien bin ich eh nicht zu haben.
benmartin70 29.03.2019
5.
Zitat von bessernachgedachtGut dass wir gerne in die Natur gehen und Sport machen. Mehr als ein paar gute Schuhe oder eines einfachen Gerätes wie einem Fahrrad bedarf es nicht. Dazu ein paar gute Freunde... Wozu bitte auf dem Sofa sitzen und beim Gucken von Serien dick und krank werden?
Hmm, und wenn man beides gerne macht?
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