Netflix-Doku über Gladbecker Geiseldrama Tanz der Geister

Das Gladbecker Geiseldrama gilt als eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Kriminalgeschichte. Eine neue Dokumentation rekonstruiert den Fall ausschließlich mit Originalaufnahmen – erschütternd intensiv.
Gangster Dieter Degowski, Hans-Jürgen Rösner mit Geiseln (1988): Ein makaberes Schauspiel

Gangster Dieter Degowski, Hans-Jürgen Rösner mit Geiseln (1988): Ein makaberes Schauspiel

Foto: Ingo Wagner / dpa

August 1988, Banküberfall in Gladbeck. Die Täter sind in der Bank eingeschlossen und verhandeln mit der Polizei. Einer der Räuber mit breitem Ruhrpott-Dialekt am Telefon: »Macht keinen Scheiß, ich erschieß die beiden Angestellten hier und mach mir die Knarre in’n Mund rein.« Konsternierte Reaktion eines Beamten am anderen Ende der Leitung: »Nu lassen Se dat ma sein, ich melde mich wieder.« Was folgte, waren zweieinhalb Tage des Terrors, in denen zwei Schwerverbrecher immer neue Geiseln nahmen. Am Ende waren drei Menschen tot, und viele Bürger der Bundesrepublik fühlten sich, als seien sie zu Mittätern geworden.

Denn sie waren gewissermaßen live dabei, als Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski ihre ungeheuerlichen Taten wie ein makaberes Schauspiel auf der Bühne der Öffentlichkeit aufführten. Weil es Aufnahmen davon im Fernsehen zu sehen gab, dazu Fotos und atemlose Zeitungsartikel von Journalisten, die den Verbrechern so nahe kamen, dass man meinen konnte, sie machten mit ihnen gemeinsame Sache.

Als Rösner sich vor laufenden Kameras tatsächlich theatralisch eine Pistole in den Mund steckte, war er mit dieser Pose in den Tagesthemen zu sehen. Die Medien hatten endgültig ihre Unschuld verloren. Ihre Nutzer aber auch.

Diesen Fall rollt nun eine Netflix-Dokumentation noch einmal auf. Die Macher nutzen dazu ausschließlich originale Bild- und Tonaufnahmen. Ausgerechnet Bilder und Töne also, die damals den Massen zum Fraß vorgeworfen wurden. Das lässt befürchten, das Drama werde hier erneut ausgeschlachtet, diese Bilder im aktuellen Kampf um Aufmerksamkeit und Kunden als Köder verwendet wie damals, als das Privatfernsehen gerade aufkam.

Entführer Rösner beim Interview (in Bremen 1988)

Entführer Rösner beim Interview (in Bremen 1988)

Foto:

Thomas Wattenberg / picture alliance / dpa

Aber weit gefehlt. In »Gladbeck – Das Geiseldrama« weitet sich der Blick auf die Monstrosität des Geschehens auf eine dermaßen erschütternd intensive Weise, wie es Dokumentationen oder Filme nur selten schaffen. Wer wegen des Spektakels hierherkommt, wird nicht auf seine Kosten kommen, im Gegenteil. Wer gafft, wird nur seine sensationsgeile Visage im Spiegel sehen.

Regisseur Volker Heise hat vor zwei Jahren bereits das Kriegsende in seinem bemerkenswerten Dokumentar-Epos »Berlin 1945« ausschließlich mit Original-Material aus der Zeit rekonstruiert. In »Gladbeck – Das Geiseldrama« befreit er die Bilder, die sich jedem, der die Verbrechen damals verfolgte, eingebrannt haben, aus dem Korsett der News-Schnipsel und erst recht der geifernden TV-Reportage. Er lässt sie gewissermaßen zum ersten Mal selbst sprechen.

Natürlich ist auch dieser Film etwas Gestaltetes. Heise hat Aufnahmen von TV-Kameras, Fotos, verwaschene Bilder aus Überwachungskameras, Tonspuren von Interviews mit den Verbrechern und vom Polizeifunk in einen neuen Zusammenhang gesetzt. Allein durch die Macht der Montage erreicht er, dass das, was damals grell und entsetzlich krude wirkte, nun in seiner ganzen Geisterhaftigkeit in Erscheinung tritt.

Das gilt vor allem für zwei lange Sequenzen. Da ist einmal die Geiselnahme in Bremen, bei der Rösner und Degowski mit den beiden Geiseln aus der Bank nach einer langen Irrfahrt einen Linienbus kapern, in dem auch ihre späteren Opfer Emanuele de Giorgi und Silke Bischoff sitzen.

Das berühmte Interview, bei dem Rösner sich die Waffe in den Mund steckt, findet hier statt, aber Heise zeigt, wie es dazu kam. Wie aus dem Gangster Hans-Jürgen Rösner innerhalb weniger Minuten ein Medienstar wird, der sich mit der Waffe in der Hand vor dem Bus fotografieren lässt. Der zögernd auf die Journalisten zugeht, die in Massen auf der anderen Straßenseite stehen und ihn zu sich rufen. Und der bald darauf munter plaudernd im Auto eines Reporters sitzt und von seinen Plänen schwadroniert.

»Wie im Kino, nä?«

Und dann, einen Tag später, die bizarre Szenerie in der Kölner Fußgängerzone, wenn Massen die Limousine belagern, in der Dieter Degowski der sichtlich verzweifelten Silke Bischoff seine Pistole unters Kinn hält. Journalisten besorgen den Männern, die am Abend zuvor einen 14-jährigen Jungen erschossen haben, Kaffee und befragen sie wie Popstars. Sie schämen sich auch nicht, Silke Bischoff zu fragen, wie es ihr gehe. »Wie im Kino, nä?«, sagt ein Passant. »Ich stehe ja auch hier, obwohl ich nicht sollte.«

Die Geiselnahme von Gladbeck, Bremen und Köln ist mehrfach verfilmt worden, zuletzt als Zweiteiler für die ARD 2018 anlässlich des 30. Jahrestags.  Im Vergleich zu Heises Doku nimmt sich dieser Thriller fast harmlos aus. Obwohl sich die Bilder teils frappierend gleichen, wirkt die Fiktionalisierung dort wie ein Schutzmantel, der sich über das Geschehen legt.

Den reißt Heise brutal weg. Zum Vorschein kommt vor allem ein hemmungslos agierender Medien-Mob, der jede Distanz verliert. Das sei in der Hitze der Geschehnisse passiert, hieß es später oft entschuldigend, reflektiert habe man erst später. Aber einige Beteiligte vor Ort zeigten schon damals ein Bewusstsein dafür, dass etwas komplett aus dem Ruder lief.

Dennoch würde der Film durch Medienkritik allein sicher nicht seine emotionale Wirkung entfalten, die Rolle der Journalisten ist ja seitdem oft und eindringlich beleuchtet worden. Heises Doku geht darüber hinaus. Er zeigt die Tage im August als Begebenheit, bei der alle Beteiligten agierten, als hingen sie an Fäden des Schicksals: die betrunkenen und mit Aufputschmitteln vollgepumpten Mörder, die sich verrückt gerierende Medienmeute, die Polizei, deren unfassbare Fehler das Drama immer weiter verlängerten.

Und wir, die unfreiwilligen Zuschauer. Als hätte das Leid anderer eine Anziehungskraft, die wir fürchten. Und der wir doch nur schwer widerstehen können.