Umstrittene Netflix-Serie "Amo" Auf Streife mit "Duterte Harry"

Auf den Philippinen wird über die Netflix-Serie "Amo" gestritten: Regie-Star Brillante Mendoza, so die Kritik, hat Propaganda für Präsident Duterte gedreht. Den Streaming-Dienst lassen die - berechtigten - Vorwürfe kalt.
Von Jens Geiger
Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte auf einer nationalen Waffenmesse

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte auf einer nationalen Waffenmesse

Foto: AFP/ PRESIDENTIAL PHOTO DIVISION

Geknebelt, stranguliert und übersät von Messerstichen hängt die Leiche eines Teenagers in einer dunklen Gasse. Um seinen Hals ein Pappschild mit der Aufschrift "Sei nicht wie ich. Ich bin ein Junkie."

Solche Bilder meint man vom blutigen Anti-Drogen-Krieg, den Präsident Rodrigo Duterte auf den Philippinen führt, zu kennen. Doch diesmal stammt die Szene aus einer Netflix-Serie: "Amo" heißt sie und polarisiert in ihrem Produktionsland gerade heftig: Ist die Show das philippinische Pendant zum Serienhit "Narcos" - oder ein fünfstündiger Werbeclip für Dutertes Politik?

Ein großer Teil der bislang mindestens 20.000 Toten dieses Krieges geht auf das Konto von Killerkommandos, die angebliche Dealer auf offener Straße hinrichten - ohne Strafverfolgung fürchten zu müssen. Sie sind Teil der hemmungslosen Anti-Drogen-Politik Dutertes. Er inszeniert sich seit Beginn seiner politischen Karriere als autoritärer Anführer und lässt sich entsprechend gerne "Duterte Harry" nennen - in Anlehnung an Clint Eastwoods beinharten Cop-Charakter.

Armutsporno statt authentisch

Umgekehrt bezieht sich nicht nur der Präsident auf das Kino, auch viele philippinische Regisseure setzen sich - über sehr unterschiedliche Zugänge - mit den blutigen Realitäten auf diesem wortwörtlichen Schlachtfeld auseinander.

Dort spielt zum Beispiel Brillante Mendozas "Amo", dort ist die Heimat des 17-jährigen Joseph (Vince Rillon). Der ist als kleines Licht im großen Drogengeschäft unterwegs und dreht in jeder Folge der Serie eine weitere Runde in der Abwärtsspirale von Gewalt, Korruption und Verrat.

Joseph stammt aus ärmlichen, aber vergleichsweise behüteten Verhältnissen. Sein Onkel Camilo (Allen Dizon) ist Polizist, Mutter und Schwester sind stets besorgt um den Junior. Und doch können sie nicht verhindern, dass er im Verlauf der 13 Folgen zu einem gejagten Verbrecher wird und die vormals glückliche Familie in Trümmer zerfällt.

Die Serie reiht sich nahtlos ein ins filmische Werk Mendozas, dessen oft geradezu gefühlskalten Filme meist das Elend seiner philippinischen Heimat zeigen. Hie und da wurde das zutreffend als Armutspornografie bezeichnet, zu oft aber als authentisches Kino missverstanden: Als erster Filipino gewann er 2009 die Goldene Palme in Cannes, sein letzter Film "Ma' Rosa" wurde dort ebenfalls ausgezeichnet.

Ein einziges unschuldiges Opfer

Auch in "Amo" fällt es schwer, Sympathieträger auszumachen. Joseph ist ein naives Bürschchen, das nicht aus Not, sondern aus Geltungsdrang zum Kriminellen wird. Die Unterwelt teilt sich auf in degenerierte Junkies und dämonische Verbrechernaturen. Und die Polizisten? Entweder korrupt oder schmerzhaft handlungsunfähig, zahnlose Tiger.

Die Sympathien Mendozas liegen nicht bei seinen Figuren, sondern bei der Sache. Und das ist die Sache Dutertes. Der international gefeierte Regisseur drehte bereits zwei Anti-Drogen-Spots für den Präsidenten und bezeichnete dessen "Drogenkrieg" öffentlich als "notwendig". "Amo" ist eine dreizehnfache Untermauerung dieser autoritären These.

Dem Staat wird die Herkulesaufgabe zuteil, den von Mendoza beschworenen Moloch Manila von den Junkies zu säubern. Die Gewalt des Staates ist in der Serie - wie in Dutertes Propaganda - immer nur eine Reaktion auf abscheuliche Verbrechen, wird mit Augenmaß dosiert und trifft ausschließlich die Richtigen. Genau ein unschuldiges Opfer wird gezeigt: Eine Passantin wird von einem Dealer erschossen.

Ansonsten achtet Mendoza peinlich genau darauf, dass nur Verbrecher sterben. Und die Todesschwadronen? "Amo" legt nahe, dass es wohl die Dealer selbst seien, die sich zu Tausenden gegenseitig umbrachten. Die kaum verhohlene Unterstützung Dutertes für die Killer  bleibt dagegen unerwähnt.

Ein kulturelles Fiasko

Es verwundert nicht, dass sich Menschenrechtsgruppen im Land bestürzt über die Serie zeigen. Luzviminda Siapo, die Mutter eines 19-Jährigen, der als angeblicher Marihuana-Dealer erschossen wurde, rief Netflix dazu auf, die Serie aus dem Programm zu nehmen . Es ist bereits das zweite Mal innerhalb weniger Tage, dass der Dienst für eine Programmentscheidung in der Kritik steht. In Brasilien läuft derzeit eine ähnliche Boykottkampagne, unterstützt von zahlreichen prominenten Politikern. Bislang blieb Netflix unbeeindruckt: Die Zuschauer sollen selbst entscheiden, ließ man verlauten . Und die Zuschauer scheinen bislang tatsächlich angetan zu sein:

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Dementsprechend ist kein großer Sturm der Entrüstung zu erwarten, zu stabil ist die Unterstützung für Duterte, auch wegen Prominenter wie Mendoza. Doch in der Filmszene gibt es Stimmen, die sich dem Autoritarismus entgegenstellen. Auf der diesjährigen Berlinale war "Season of the Devil", das neue Werk des Autorenfilmers Lav Diaz, zu sehen: Ein knapp vierstündiges Musical-Drama, das zwar in den Jahren des Kriegsrechts unter General Marcos spielt, aber mehr als deutlich vom Heute spricht. Der Film ist ein Anti-"Amo".

Diaz möchte ihn als politisches Statement verstanden wissen: "Was hier gerade passiert, ist ein einziges kulturelles Fiasko. Für die Wissenschaft, die Intellektuellen und auch für uns Künstler. Wir haben es nicht geschafft, das Volk zu erreichen. Das Volk hat Duterte gewählt, so wie anderswo Trump."

"Es grenzt an Gegen-Propaganda"

Von den Folgen dieser Wahl erfuhr Diaz 2016 in Harvard, wo er an einem neuen Drehbuch arbeitete, einer Gangstergeschichte. Er sah die Bilder aus Manila, las Artikel über Todesschwadronen und ihre Tausenden Opfer. Er legte sein Drehbuch beiseite, griff zur Gitarre und schrieb Trauerlieder für ein Musical über die Opfer der Militärdiktatur der Marcos-Ära.

Als er an die hundert Songs beisammen hatte, rief er seine Produzentin an und ließ sie wissen, dass der Gangsterfilm gestorben sei. Diaz scharrte eine Gruppe politisch verlässlicher Mitstreiter um sich, darunter Stars wie Piolo Pascual und Shaina Magdayao, nicht ohne sie vorab zu warnen. "Was wir tun werden, grenzt an Gegen-Propaganda", sagte er ihnen. "Wir sprechen zwar über die Marcos-Jahre, aber tatsächlich geht es um ihn."

Szene aus "Season of the Devil" von Lav Diaz

Szene aus "Season of the Devil" von Lav Diaz

Foto: Epicmedia Production Inc. / Giovanni D'Onofrio

Dieses durchaus riskante politische Statement schien für Diaz in diesen Tagen angemessener zu sein, als einen Gangsterfilm zu drehen. Mendoza entschied sich anders und lieferte die popkulturelle Bebilderung zur autoritären Ideologie Dutertes. Ebenso wie Netflix.