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21. September 2018, 15:18 Uhr

Netflix-Serie "Maniac" mit Emma Stone

Das bildest du dir nur ein!

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Mehr Prestige-TV geht nicht: In ihrer ersten Netflix-Serie lässt sich Oscargewinnerin Emma Stone unter Anleitung von Cary Fukunaga ("True Detective") auf ein wildes Experiment mit Psychodrogen ein. Nun ja.

Zu den Besonderheiten des goldenen Zeitalters des Fernsehens gehört es, dass die Männer (und wenigen Frauen) hinter der Kamera fast berühmter sind als die Männer (und immer mehr Frauen) davor. Einer der berühmtesten hinter der Kamera ist seit dem Start von "True Detective" Cary Joji Fukunaga.

An der ersten Staffel hatte er zwar weder mitgeschrieben noch das Format entwickelt, aber bei allen acht Folgen Regie geführt. Und weil die so stimmungs- und spannungsvoll waren, wuchs sein Ansehen noch mal, als die zweite Staffel, an der er komplett unbeteiligt war, spektakulär in die Hose ging.

Und dann war da noch sein Auftritt bei den Emmys 2014. Fukunaga wurde für die beste Regie bei einer Drama-Serie ausgezeichnet und nahm den Preis im Smoking und mit dünn geflochtenem Zopf entgegen. Das beförderte seinen Ruf als Stilikone und inspirierte manche Männer, selber mit Zöpfen zu experimentieren.

Die Anerkennung für "True Detective" und das Profil als Stilikone erklären im Fall von "Maniac", Fukunagas neue Serie für Netflix, zwei Dinge: Warum man zu Recht gespannt auf die Serie sein kann. Und warum sie schiefgeht.

"Maniac" ist die Art von Projekt, die auf einer Persönlichkeit und nicht einer Idee basiert. Das zeigt sich spätestens in Folge sieben, als Hauptdarsteller Jonah Hill plötzlich ebenso dünne Zöpfe wie Fukunaga trägt. Das erschließt in der Szene keine zusätzliche Bedeutungsebene, sondern ist Zitat um des Zitats willen. Und von solchen Zitaten gibt es in "Maniac" zu viele.

Nichts gemeinsam außer Verzweiflung

Offiziell basiert die Serie auf einem norwegischen Format, doch übrig geblieben ist nur noch der Name und das grobe Thema psychische Gesundheit. Außer ihrer Verzweiflung haben Annie (Emma Stone) und Owen (Jonah Hill) nichts gemein. Annie lebt in prekären Verhältnissen, Unfälle und psychische Gewalt haben ihre Familie schon vor langer Zeit zersetzt. Owen entstammt einer Unternehmerdynastie. Nur leider gilt er als das schwarze Schaf, da ihn immer wieder schizophrene Schübe ereilen.

Wie viel Annie und Owen verbindet, merken die beiden, als sie sich in die Labore eines Pharmakonzerns begeben und an einer dubiosen Medikamentenstudie teilnehmen. Drei Pillen, die nacheinander eingenommen werden, sollen die Patienten dazu bringen, sich den schlimmsten Ereignissen in ihrem Leben zu stellen und diese hinter sich zu lassen.

Mit jeder Pille erschließt sich den Patienten eine andere Seelenlandschaft - in Annies und Owens Fall eine trashige Kleinstadt in den Achtzigern, ein Großstadt-Gangsterclan in der Gegenwart, ein zeitloses Feen- und Auenland und noch mehr. Und obwohl separat medikamentiert, begegnen sie sich in jeder dieser Szenerien. Allerdings mit Elfenohren oder eben Fukunaga-Zöpfen.

Sämtliche Tonarten von Trübsal

Die Formate, auf die diese buchstäblichen "Episoden" anspielen, sind hierbei offensichtlich. Es sind "Fargo", "Sopranos" und "Herr der Ringe". Auch die Rahmenhandlung im Labor hat mit "Legion" ein direktes Vorbild. Das Problem bei "Maniac" ist aber nicht, dass die Serie weder "Fargo" noch "Sopranos" noch "Legion" ist. Das Problem ist, dass sie "Fargo" UND "Sopranos" UND "Legion" sein will.

Alles steht unverbunden nebeneinander, nicht zuletzt die Spielstile der Schauspieler. Emma Stone poltert durch die verschiedenen Welten, während Jonah Hill sämtliche Tonarten von Trübsal bläst. Und Justin Theroux als betreuender Oberarzt verhebt sich an der Art von tragi-grotesker Männerfigur, die selbst den Coen-Brüdern nicht immer gelingt. Binge after reading.

Das alles würde nicht so sehr ins Gewicht fallen, wenn die Folgen kürzer wären und ihre unerheblichen Ideen nicht so breit auswalzen würden. So hängt "Maniac" nicht wie bei Netflix-Serien üblich zur Mitte hin durch, sondern von Anfang an und in jeder Folge.

In einem großen Porträt hat die "New York Times" jüngst über Fukunaga geschrieben, der 41-Jährige könne sowohl gut mit Pfeil und Bogen schießen, bergsteigen, segeln und snowboarden, als auch schreinern und kochen. Außerdem habe er eine wunderschöne Handschrift. Vielleicht gehört es zu den Besonderheiten des goldenen Zeitalters des Fernsehens, dass die Männer hinter der Kamera nicht nur berühmter als ihre Figuren sind. Sondern auch noch viel interessanter.

Im Video: Der Trailer zu "Maniac"


"Maniac" ist ab dem 21. September bei Netflix verfügbar

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