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Neue Serie von »Haus des Geldes«-Erfindern »Pulp Fiction« auf den Kanaren

In der spanischen Actionserie »Sky Rojo« kämpfen drei Frauen gegen ihren Zuhälter – die Serienmacher arbeiten sich an großen Hollywood-Vorbildern ab, verfolgen aber ein hehres Ziel.
aus DER SPIEGEL 12/2021
»Sky Rojo«-Stars Lali Espósito, Verónica Sánchez, Yany Prado: Hetzjagd auf der Urlaubsinsel

»Sky Rojo«-Stars Lali Espósito, Verónica Sánchez, Yany Prado: Hetzjagd auf der Urlaubsinsel

Foto: Tamara Arranz / Netflix

Wie ein angerostetes Raumschiff thront das Bordell Las Novias Club im roten Staub der Insel Teneriffa. Für die männliche Kundschaft wird im Inneren des Hauses jeden Tag von früh bis spät Party inszeniert, mit Salsa und Tango, Wasserspielen und tanzenden jungen Frauen auf diversen Bühnen. Für die im Bordell arbeitenden Frauen ist der Klub jedoch ein Gefängnis.

Der Zuhälter Romeo (Asier Etxeandia) trägt sein Haar nach Mode der Branche schmierig lang und verkündet über sein oft aus Kuba oder Osteuropa verschlepptes Personal, dem er die Pässe abgenommen hat: »Sie tun alles für mich – weil sie mich für den Einzigen halten, der etwas für sie empfindet.« Wen wundert es da, dass drei der Huren Romeo gleich in Folge eins der Serie »Sky Rojo« mit Wumms den Schädel blutig schlagen?

Der spanische Serienmacher Álex Pina und seine Mitschreiberin Esther Martínez Lobato sind als großartige Krawallschachteln der Branche berühmt. Sie erzählten in der hochgelobten, spektakulär erfolgreichen Serie »Haus des Geldes« (Start 2017, fünfte Staffel diesen Sommer) von einer Panzerknackerbande unter Leitung eines genialen Kerls namens Professor, die erst in die spanische Banknotendruckerei und dann in die Madrider Nationalbank einbricht.

Und sie machten in »White Lines«  (2020) eine scheinbar äußerst brave Britin zur Heldin eines wilden Drogen-, Mord- und Familiendramas auf Ibiza. Zu dessen Höhepunkten zählt, dass die Heldin einen Gangster ausführlich mit einem Hochdruckreiniger traktiert. Je größer beim Drehbuchschreiben das Entsetzen über die eigenen Einfälle sei, desto besser sei die Arbeit, hat Pina einmal verkündet.

Ein tolles, keinesfalls tiefsinniges Vergnügen

Die nun auf Netflix anlaufende Serie »Sky Rojo«, die zunächst auf acht 25 Minuten kurze Folgen angelegt ist, handelt von der Flucht dreier Prostituierter aus dem Las Novias Club. Coral (Verónica Sánchez), Gina (Yany Prado) und Wendy (Lali Espósito) rasen in einem roten Cabrio verwegen durch die schöne Landschaft Teneriffas.

Sie suchen medizinischen Beistand bei einem Freier, der als Tierarzt nur über begrenzte Kompetenz zur Versorgung von Stichwunden in Frauenkörpern verfügt. Sie geraten übel mit einem Wachmann aneinander, der sie in ihrem Schlafquartier überrascht. Und sie konsumieren auf eine Weise Psychopharmaka und Drogen, die mitunter zu Zusammenbrüchen führt.

In vielen Szenen sieht diese Serie so aus, als hätten die Macher »Trainspotting«, »Pulp Fiction« und »Thelma & Louise« zusammengemischt. Tatsächlich hat sich ein Werbemensch für »Sky Rojo« den Slogan ausgedacht, es handle sich um »Latin Pulp« .

Es ist ein tolles, keinesfalls tiefsinniges Vergnügen, den drei Hauptdarstellerinnen beim panischen Pläneschmieden und Herumlungern an Hotelswimmingpools zuzusehen. Coral, Gina und Wendy kommen von verschiedenen Enden der Welt. Mit dem Mut dreier Frauen, die scheinbar absolut nichts zu verlieren haben, stürzen sie sich in den Kampf gegen ihre Verfolger. Sie ballern mit Revolvern, hetzen durch wilde Natur und treiben Schabernack mit zwei hohlköpfigen Killern, die finden, sie seien zu sensibel für den Job.

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In den wenigen ruhigen Sekunden der Hetzjagd sinnieren die Heldinnen über das »Paralleluniversum« der Prostitution, dem sie vorläufig entkommen sind. »Hört es irgendwann auf, dass Männer Kunden für uns sind?«, fragt Coral einmal.

»Sky Rojo«ist offensichtlich als aufklärerisches Projekt gedacht. »Wie ein trojanisches Pferd« solle die Actionverpackung funktionieren, sagt Álex Pina. Man wolle den Zuschauer gerade dann, wenn er sich blendend amüsiere, mit Fakten über das Gewerbe der Menschenhändler und Zuhälter »erwischen«.

Die aus dem Off erklingende Stimme von Coral belehrt die Zuschauerinnen und Zuschauer darüber, dass im europäischen Vergleich Männer in Spanien angeblich am häufigsten Prostituierte aufsuchen. Weltweit seien sie auf Rang drei der eifrigsten Bordellnutzer.

In Rückblicksequenzen wird gezeigt, wie auf Kuba Frauen wie Gina für Hoteljobs in Spanien angeworben und, kaum im Land, wegen vorgeblicher Schulden zur Prostitution gezwungen werden. In anklägerischem Ton berichtet die Serie auch davon, dass die Versklavung der Frauen nicht möglich wäre ohne die Duldung der Behörden in Spanien und anderen europäischen Ländern.

Schlichte Dialoge, bizarres Frauenbild

Die Glaubwürdigkeit der Serienerfinder allerdings wird durch die Art, wie Frauen in »Sky Rojo« als strahlend schöne Rächerinnen vorgeführt werden, denen die Verfolger fortwährend immer noch gruseligere Verstümmelungen im Fall ihrer Ergreifung androhen, nur bedingt gestützt. Die Bilder der Serie sind bunt und rasant geschnitten, oft unterlegt mit gefälligem Hardrock; die Darstellerinnen und Darsteller sind mit Sorgfalt zusammengesucht.

Doch die Sätze, die sie sprechen müssen, sind oft absurd schlicht. »Wir waren wie verletzte Tiere auf der Flucht, die hinter sich eine Blutspur herzogen«, behauptet eine der Heldinnen einmal. Ist das lustiger Trash? Nein, Sprüche wie dieser belegen, dass Álex Pinas trojanisches Actionprojekt auch Botschaften transportiert, über deren Sinn sich gründlicheres Nachdenken gelohnt hätte.

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