Netflix-Serie "The Politician" Mr. President, der zärtliche Drecksack

Winkelzüge, Machtpoker, Lügen: Die Serie "The Politician" verlegt das große Polittheater in eine kalifornische Highschool. In Nebenrollen der scharfen Satire glänzen Gwyneth Paltrow und Jessica Lange.

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Von Swantje Kubillus


Payton Hobart (Ben Platt) ist ein Drecksack. Aber ein zärtlicher. Das Söhnchen aus reichem Haus will unbedingt seinen größten Traum verwirklichen: Später einmal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Dazu ist ihm jedes Mittel recht, schon jetzt in der Highschool: Lüge, Verrat, vielleicht sogar Mord. Doch dann entdeckt Payton immer wieder seine Gefühle und trällert auf die erdenklich gefühlvollste Weise eine Ballade. Ja, in "The Politician" wird viel gesungen.

Produzent Ryan Murphy hat für seine erste Netflix-Serie die übelsten Tricks des Politbetriebes zusammengetragen und in ein Highschool-Setting verlegt. Gewissermaßen als Serienvariante der noch immer spektakulären Satire "Election" mit Reese Witherspoon von 1999.

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"The Politician": Ab und zu mal ein Liedchen

Wie damals die schrecklich zielstrebige Tracy Flick will auch Payton unbedingt Schülersprecher werden, als Grundstein für seine spätere Präsidentschaftskandidatur gewissermaßen. Auf der Bühne in der Aula hält er eine flammende Rede über das Verbot von Schusswaffen. Im Falle eines Wahlsiegs will er das Waffengesetz ändern. Nur teilweise aus innerer Überzeugung, vor allem ist es halt ein brandaktuelles Thema. Mit seinem Beraterteam hat er wochenlang alles perfekt durchgeplant; aber dann macht ihm die Gegenkandidatin Astrid (Lucy Boynton), ebenfalls superreich, einen Strich durch die Rechnung. Sie kündigt an, den Rap-Megastar Drake zum Abschlussball zu holen. Die Schüler flippen aus! Klarer Punktsieg für Astrid.

Natürlich gibt Payton nicht auf, schließlich hält er sich für einen gemachten Präsidentschaftsanwärter, der alle nötigen Voraussetzungen für den Topjob hat: Talent, Intelligenz und den Willen zur Macht. Gleichzeitig ist er ein Adoptivkind, und so fehlt ihm etwas Entscheidendes: die Erkenntnis, wer er in Wahrheit ist. Immerhin ist er nicht der einzige Beschädigte in der Serienwelt von "The Politician".

Die großartige Jessica Lange spielt die abgehalfterte Dusty, die Oma von Paytons Vizekandidatin Infinity (Zoey Deutch), schwer befallen vom Münchhausen-Stellvertretersyndrom. Und Gwyneth Paltrow glänzt als Georgina Hobart, Paytons Adoptivmutter, die ihrem Sohn stets mit wolkigen Ratschlägen zur Seite steht: "Versuch irgendwie Musik in dein Leben zu bringen", sagt sie, wenn die Stiefbrüder mal wieder gemein zu Payton sind. Sie selbst flüchtet sich in eine Affäre mit ihrer Reitlehrerin, tough gespielt von Ex-Tennis-Star Martina Navratilova - noch so ein Besetzungscoup.

"The Politician" ist absurdes Theater, Drama und Komödie zugleich. Vor einer Kulisse der Superreichen, mit dem ewigem Sonnenschein Santa Barbaras, azurblauen Poolbecken und Palmen greift Ryan Murphy geschickt die Sorgen von Teenagern (nicht nur in den USA) im Jahr 2019 auf: Bist du schwarz oder weiß, hetero, lesbisch, schwul oder fluid, konservativ, liberal oder links, welches ist das beste Match auf Tinder - und was um Himmels Willen soll dieses YouTube-Tutorial über das Pickelausdrücken?

Nicht zuletzt zeigt "The Politician" noch das: Der Vizepräsident oder die Vizepräsidentin sind manchmal die gefährlichsten Personen im Spiel um die Macht.



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