Netflix-Serie "Unbelievable" Im Zweifel gegen die Anklägerin

Der Krimi-Achtteiler "Unbelievable" nach einem wahren Fall erzählt vom Kampf mehrerer Frauen um Gerechtigkeit in einer Männerwelt: Gegen alle Widerstände wollen sie einen Serienvergewaltiger dingfest machen.

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Ein maskierter Mann bricht nachts in die Wohnung einer alleinlebenden jungen Frau ein und vergewaltigt sie. Doch als sie zur Polizei geht, trifft sie dort nur auf Männer - und nach und nach wird klar, dass ihr niemand glaubt. "Unbelievable" handelt praktisch ab der ersten Folge von einem himmelschreienden, schwer erträglichen Unrecht.

Aber der finstere Reiz dieser achtteiligen Serie entsteht zu einem großen Teil daraus, dass die zu Beginn 18-jährige Heldin Marie Adler in fast jeder Episode in immer noch tiefere Höllenkreise der Gemeinheit gestoßen wird. Sie wird genötigt, ihre Vergewaltigungsanzeige zurückzunehmen. Sie wird öffentlich als Lügnerin attackiert, aus den sozialen Netzwerken schlägt ihr Hass entgegen. Schließlich wird sie gar wegen Falschaussage angeklagt.

Die Schauspielerin Kaitlyn Dever ist 22 Jahre alt und wird für ihre Rolle in der Highschool-Streberinnen-Komödie "Booksmart", die bei uns am 14. November in die Kinos kommt, in den USA als Jungstar gefeiert. In "Unbelievable" spielt sie die verschlossene, in Heimen und Pflegefamilien aufgewachsene Heldin Marie Adler mit einer beklemmenden Fassungslosigkeit.

Ihre Augen blicken starr und stolz ins Leere, wenn ihr von Polizisten und Anwälten zugesetzt wird. Ihr ohnehin blasses Gesicht scheint eine Spur bleicher zu werden, wenn sich selbst eine ihrer ehemaligen Pflegemütter gegen sie wendet. Ihr Arme schlackern lässig an ihren Hüften, wenn sie in ihrem Supermarktjob mal wieder von ihrer Chefin heruntergemacht wird.

Ein unglaublicher, aber wahrer Fall

"Unbelievable" ist das Werk eines von Frauen dominierten Teams, in dem unter anderem Susannah Grant als Hauptautorin und Lisa Cholodenko als eine der Regisseurinnen mitwirkten. Die Serie beruht auf einem wahren Fall. Er wurde 2015 von einem dafür preisgekrönten Reporterduo aufgedeckt.

Die Story, die "Unbelievable" erzählt, ist nahezu dokumentarisch; und sie handelt nicht nur von der Passionsgeschichte einer jungen Frau, die nach einem Verbrechen absurde Demütigungen ertragen muss und fast völlig alleingelassen wird, sondern auch von der draufgängerischen jahrelangen Ermittlungsarbeit zweier Polizistinnen.

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"Unbelievable": Knallhartes Detektivinnendrama

In "Unbelievable" werden die beiden gespielt von Toni Collette ("Hereditary") und Merritt Wever ("The Walking Dead"). Die Rivalität und die Hartnäckigkeit der beiden Ermittlerinnen, ihr Zorn auf die Empathieschwäche ihrer männlichen Kollegen, ihre Fahrten an Tatorte im malerisch-rauen US-Bundesstaat Colorado - das ist der Stoff, aus dem hier nicht bloß Spannung, sondern auch ein paar komische Momente gewonnen werden. Toni Collettes Figur hat der Galgenhumor ein müdes Dauerlächeln ins Gesicht gezaubert. "Er ist ein Arschloch", sagt sie einmal über einen störrischen Zeugen, einen Hausmeister, "aber er ist unser Arschloch".

Versöhnung (nicht) in Sicht

In manchen Episoden wirkt "Unbelievable" wie ein zwar knallhartes, aber doch ziemlich routiniertes Detektivinnendrama. Man sieht den beiden Polizistinnen bei Verhören grimmiger Männer und angegriffener Frauen zu. Die Opfer des Serienvergewaltigers, der auch in die Wohnung des Mädchens Marie Adler eingebrochen ist, erinnern sich in Flashbacks an die Details ihres Martyriums, an ihre Fesselung, an die Augenbinde und die Kamera, die der Täter stets dabei hatte. Gegen alle Widerstände und gelegentliche eigene Zweifel an ihrer Arbeit gelingt es den beiden Ermittlerinnen, ihr Netz enger zu ziehen, indem sie Zeugen immer noch einmal befragen, rücksichtslos weiterwühlen und auch den unwahrscheinlichsten Fährten nachspüren.

Das Kraftzentrum der Serie aber sind die Szenen, in denen "Unbelievable" den Weg der Heldin Marie Adler über Monate und Jahre weiterverfolgt. Sie kämpft anrührend um die Zuneigung ihres einzigen Vertrauten, sie erträgt diverse juristischen Bösartigkeiten mit stillem Gleichmut, sie fliegt aus ihrem Job im Supermarkt und heuert bei einem Scooter-Fahrgeschäft an.

Irgendwann aber steht einer der Polizisten vor der jungen Frau, der geholfen hat, ein paar Jahre ihres Lebens zu ruinieren. Der Mann sagt, er habe sich leider geirrt. Der Polizist wird hier nicht als Schurke oder als verbohrter Macho dargestellt, eher als kläglicher Repräsentant einer gesellschaftlichen Ordnungsmaschinerie, die für Außenseiter wie Marie Adler keine Gerechtigkeit vorsieht.

Erst hat die Heldin keine Lust mit ihrem Peiniger zu reden, aber dann fordert sie eine Entschuldigung. Es ist eine tolle, herzzerreißende Szene, die darauf folgt, über die man nur eines verraten darf: Von Versöhnung - gar einer mit den Verhältnissen - kann hier keine Rede sein.


"Unbelievable", bei Netflix



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koelnrio 13.09.2019
1. Gute Serie
Gerade alle Folgen gesehen. Mehr davon!
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