Serien-Sensation "Bodyguard" Noch fieser als "House of Cards"

Die BBC-Serie "Bodyguard" über einen labilen Personenschützer inmitten einer politischen Verschwörung war in Großbritannien einer der größten TV-Erfolge der letzten zehn Jahre. Jetzt beglückt Netflix den Rest der Welt.

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David Budd kann stundenlang einfach dastehen, ohne Regung. Er wird alles sehen, alles hören, jede Kleinigkeit registrieren, die um ihn herum passiert. Jedes Flüstern, jeden Blick, jede Tür, die einen Moment zu lang verschlossen bleibt. Er ist der Beste, deshalb hat man ihm die Sicherheit der britischen Innenministerin anvertraut, die Frau hat viele Feinde. Aber was, wenn er selbst einer von ihnen ist?

Sechs Folgen hat die britische Serie "Bodyguard", und bis zur letzten ist nie ganz sicher, ob ihr Held nicht in Wirklichkeit das Böse will. David Budd ist wie ein Roboter, programmiert zu beschützen, aber immer einen Moment vor dem Kurzschluss. Bevor er zur Polizei ging, war er Soldat in Afghanistan, vieles ist dort in ihm kaputtgegangen. Die Innenministerin Julia Montague (Keely Hawes), Hardlinerin mit restriktivem Antiterrorprogramm und grenzenlosem Ehrgeiz, steht für alles, was er verachtet. Vielleicht ist es seine wahre Mission, sie aufzuhalten.

Mit "Bodyguard" von Autor Jed Mercurio hat die BBC in diesem Jahr die besten Quoten für eine Serie seit zehn Jahren erreicht, bis zu elf Millionen Menschen haben jeden Sonntag eingeschaltet. Ein TV-Ereignis, zu dem alle eine Meinung hatten und mindestens eine Theorie, wer wirklich gegen wen verschwört. Der Hype war so gigantisch wie gerechtfertigt.

Skrupel hat niemand

Jede Woche eine neue Wendung, manchmal zwei oder drei - nichts ist, wie es scheint, niemandem ist zu trauen. So kennt es das Publikum seit Jahren von Mercurios Serie "Line of Duty" (hierzulande versteckt auf dem Pay-TV-Sender 13th Street) über den aussichtslosen Kampf gegen Polizeikorruption. "Bodyguard", in Deutschland ab dem 24. Oktober auf Netflix verfügbar, nimmt sich nun die politische Elite vor. Denn hier sind alle noch viel, viel korrupter.

Ob Innenministerin, Premierminister, Geheimdienstchef oder parlamentarischer Geschäftsführer - zu verbergen hat in "Bodyguard" jeder etwas, Skrupel hat niemand. Die moralischen Standards sind auf dem Niveau von "House of Cards", nur dass "Bodyguard" noch schneller, noch spannender, noch durchtriebener ist - ein politischer Thriller, immer wieder gekreuzt mit atemloser Action. David Budd, mit eiserner Undurchschaubarkeit gespielt vom ehemaligen "Game of Thrones"-Star Richard Madden, wirkt manchmal wie ein postmoderner James Bond, wenn denn jemals dessen Loyalität infrage stehen könnte.

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"Bodyguard": Das Sicherheitsrisiko steht neben dir

Schon die ersten 20 Minuten der ersten Folge, komplett gefilmt in der Enge eines Zuges auf seiner vielleicht letzten Reise, gehören zum Packendsten, was das Fernsehen in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Man kennt die Zutaten: die nervöse Schaffnerin, der verdächtige Mann auf der Zugtoilette, der heldenhafte Mitreisende. Doch jede Zuschauererwartung, jedes Klischee wird gedreht, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, bis gar nichts mehr plan- und erwartbar ist.

Besser als die spektakuläre erste Sequenz kann es eigentlich nicht kommen, denkt man, aber auch das ist nur eine Erwartung, die ins Gegenteil verkehrt wird. Immer wenn es gerade mal etwas ruhiger zu geht, bricht von irgendwoher das Chaos hinein. In jeder Episode gibt es mindestens eine Szene, die einem den Atem nimmt; in der sechsten und letzten Folge sind es so viele, dass man ein Sauerstoffgerät empfehlen möchte.

Theresa May ist kein Fan

"Bodyguard" bewegt sich dabei meist am äußersten Rand jeder Wahrscheinlich- und Glaubwürdigkeit. Schon dass ein Ex-Soldat mit so offensichtlicher posttraumatischer Belastungsstörung ohne Bedenken zum engsten Personenschützer der Innenministerin berufen wird, sollte in der Realität eher unmöglich sein. Also, hoffentlich jedenfalls.

Macht so oder so nicht viel, der ständige Strom aus wilden Intrigen und Verschwörungen reißt einen viel zu sehr mit, als dass man sich zu sehr mit gelegentlichen logischen Fehlern beschäftigen könnte.

In Großbritannien war allerdings auch nicht jeder begeistert. Premierministerin Theresa May, selbst mal Innenministerin gewesen, hat nach 20 Minuten ausgeschaltet, heißt es. Sie wolle beim Fernsehen lieber entspannen, sagte sie dazu. Was das über ihr Urteilsvermögen aussagt, ist eine andere Frage.


"Bodyguard". 1. Staffel, Start am 24. Oktober auf Netflix



insgesamt 15 Beiträge
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Affenhirn 24.10.2018
1. Wirklich atemberaubend
Ich habe die Serie hier von Deutschland aus bereits sehen können und ich fieberte wirklich auf jede neue Folge. Dazu gehörte selbstverständlich die unglaubliche Startsequenz im Zug. Aber auch viele - wirklich überraschende - Ereignisse. Die Beschreibung ist aber in einigen Punkten nicht zutreffend: Der Zuschauer fasst sehr schnell Vertrauen in die Zuverlässigkeit es Hauptdarstellers - seine Beziehung zur Zielperson und die erschütternden Ereignisse auch hier sind einfach klasse gemacht. Ich war sehr enttäuscht als ich feststellen musste, dass dieser Plot nach 6 Folgen beendet ist. Allerdings wäre es nicht einfach, hier eine auch nur annähernd adäquate Fortsetzung zu schaffen.
smaugthegolden 25.10.2018
2. das ist nicht worum es geht
Sorry, aber hat der Rezensent eine andere Serie gesehen? es geht doch nicht darum, dass man auch David verdächigt! Die Intensität kommt doch daher, dass man die ganze Zeit mit ihm mitfiebert. Und außerdem ist Line of Duty nicht bei einem unbekannten Anbieter versteckt sondern ganz prominent auf amazon prime vorhanden.
goethestrasse 25.10.2018
3.
Brauchen wir immer mehr und schnellere Kicks ? Kann das Individuum Realität und Fiktion noch auseinanderhalten?
o.o 25.10.2018
4. joar
Hat sich gut durchgucken lassen, passable Plottwists, kann man sich anschauen.
Wilde Grete 25.10.2018
5.
"Ein TV-Ereignis, zu dem alle eine Meinung hatten und mindestens eine Theorie, wer wirklich gegen wen verschwört." Was ist das für eine Grammatik oder Semantik? Was soll das heißen? Erst einmal ist "verschwören" reflexiv - also "sich verschwören". Zweitens ist "schwören" ein starkes Verb - schwören, schwor, geschworen. Es muss im Satz also entweder "sich verschwört" oder "sich verschworen hat" oder "verschworen ist" heißen. Auch im restlichen Text herrscht Überschriftengrammatik ohne Verben oder korrekte Deklination. Das ist nicht sehr satisfaktionsfähig. Der Spiegel bräuchte mal einen Kurs, auch über korrekte Konjunktivanwendung und -bildung. Gehobene deutsche Sprache zu lesen, ist ein Genuss, der einem beim Spiegel, insbesondere bei Spon, zu selten gewährt wird.
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