Serienentwickler Diese Menschen wissen, was Sie sehen wollen

Ihre Serien kennen Sie, ihre Gesichter eher nicht: Streamingdienste bieten den Entwicklern von neuen Stoffen exorbitante Summen, um sie exklusiv zu binden. Denn der Markt wird immer umkämpfter.

Im Zeitalter der Groß-Produzenten: Shonda Rhimes, Ryan Murphy und Patty Jenkins (v.l.)
Dia Dipasupil; Dimitrios Kambouris; Gregg DeGuire/ Getty Images

Im Zeitalter der Groß-Produzenten: Shonda Rhimes, Ryan Murphy und Patty Jenkins (v.l.)

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Eigentlich sollte Ryan Murphy kein Star sein. Er sollte, wie es gute Tradition ist in Hollywood, hinter den Kulissen die Welten erfinden, die andere zu Stars machen. Murphy ist schließlich kein Schauspieler, sondern Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Er hat sich Serien wie das Chirurgie-Drama "Nip/Tuck" und die Musicalkomödie "Glee" ausgedacht. Aber durch einen Multimillionendollar-Deal mit Netflix brachte er es nun doch noch zu eigener Berühmtheit.

Murphy gehört jetzt zu den mächtigsten TV-Produzenten der größten Fernsehnation der Erde. Und er steht für die rasanten Umbrüche der Streamingbranche, die um die kreativen Köpfe für das Fernsehen von Morgen kämpft.

Bekannt ist, dass Murphy (53) in Los Angeles lebt und arbeitet, gläubiger Katholik und aktiver Kirchgänger sowie mit dem Fotografen David Miller verheiratet und Vater zweier Söhne ist. Ob Murphy gut mit Stress umgehen kann, darüber wird nicht viel geschrieben, doch seiner Kreativität scheint Druck nicht zu schaden. Mit rund zehn Serien, Dokumentationen und Filmen in diversen Planungsstadien jongliert Murphy gerade. Eine von ihnen, die erste für Netflix, feierte gerade Premiere: "The Politician", eine ins Highschool-Milieu verlegte Politsatire. (Lesen Sie hier eine Kritik von "The Politician".)

Der 300-Millionen-Dollar-Deal

Beim TV-Kanal Fox läuft sein Rettungsteam-Drama "9-1-1", bei FX die LGBTQ-Extravaganza "Pose", für die Billy Porter gerade als bester Hauptdarsteller mit dem Emmy ausgezeichnet wurde, ebenfalls bei FX seine "American Horror Story" in der mittlerweile neunten Staffel. Für Netflix plant Murphy nun unter anderem eine zehnteilige Neuverfilmung von "A Chorus Line", eine Serie über den Designer Halston mit Ewan McGregor, einen Film über Marlene Dietrich mit Jessica Lange und ein Filmprojekt mit Nicole Kidman und Meryl Streep.

300 Millionen Dollar soll der über fünf Jahre laufende Produktionsdeal zwischen Ryan Murphy und Netflix wert sein, berichtete der Branchendienst "Variety". Eine Summe, die auch für den ausgabefreudigen Konzern kein Pappenstiel ist. Aber im aufgeheizten TV-Markt der USA wundert sich längst niemand mehr über derartig massive Investitionen. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein Medienkonzern einen Produzenten oder eine Produzentin für ungeheure Summen exklusiv an sich bindet:

  • Shonda Rhimes ("Grey's Anatomy") soll für Netflix über vier Jahre Serien und Filme entwickeln. Acht sind schon in Arbeit. Produktionsvolumen: 150 Millionen Dollar.
  • Patty Jenkins, Regisseurin des Blockbusters "Wonder Woman", produziert in den nächsten Jahren für Netflix neue Serien. Produktionsvolumen: 10 Millionen Dollar.
  • David Benioff und Dan Weiss, die Macher von "Game of Thrones", sind ebenfalls Richtung Netflix unterwegs. Produktionsvolumen: 200 Millionen Dollar.
  • Oprah Winfrey tüftelt für Apples Streamingdienst Apple+ an neuen Programmen. Zwei Dokureihen sind schon bekannt, darunter "Toxic Labor" über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Sender und Streaminganbieter befinden sich in einem Kampf, in dem es für manche um die Zukunft, für andere ums Überleben geht. Der Streamingmarkt wird immer voller: Apple + startet am 1. November, Disney+ in den USA, Kanada und den Niederlanden am 12. November, im Frühling 2020 folgen Warners Streamingdienst HBO Max und Peacock, die Variante von Universal und NBC.

Die Wettbewerber fahren die Ellenbogen aus

Jetzt fahren die Player die Ellenbogen aus, um die Konkurrenz auf Abstand zu halten. Und so werden aus Produzenten mächtige Mogule, die für ihre jeweiligen Auftraggeber ganze Erzählimperien entwickeln. Denn das Zauberwort der neuen Fernsehwelt lautet "IP": Intellectual Property. Frei übersetzt: kreatives Eigentum.

Um den Zuschauer als zahlenden Kunden an sich zu binden, braucht es mehr als ein Star-System, wie es Hollywood durch sein Goldenes Zeitalter trug. Stars sind heute eine Zugabe, aber entscheidend sind Inhalte, die das Publikum dazu bringen, ein Abonnement abzuschließen. Am besten viele Inhalte, und immer neue; das Abo soll schließlich nicht gekündigt werden.

Netflix-Mitgründer Ted Sarandos beschreibt diese Strategie so: "Anstatt andere Firmen aufzukaufen, investieren wir in die Möglichkeit, immer neue Inhalte zu kreieren." Heute sei die beste Zeit für Produzenten in der Geschichte des Fernsehens. So werden die Bildschirme mit immer neuen Serien, Filmen, Spielshows und Dokus geflutet, und tatsächlich ist in der Masse erstaunlich viel Qualität mit einem sehr großen Spektrum an Themen zu finden.

Wette auf die Streaming-Zukunft

Dennoch: Für wie viele Streaming-Abos ist der Zuschauer am Ende bereit zu zahlen? Das Branchenblatt "Variety" hat aufgezeigt, dass für Inhalte, die bisher allein über Netflix zugänglich sind - Serien wie "Friends", Filme von Disney und Marvel - zukünftig vier verschiedene Dienste in Anspruch genommen werden müssen. Weil Lizenzen auslaufen und nicht verlängert werden, weil jeder Dienst eifersüchtig seine exklusiven Inhalte hortet.

Die Konzerne wetten trotzdem auf eine Zukunft, in der sich Fernsehzuschauer mehrere Abos leisten. Ein Ende des Produzentenzeitalters ist jedenfalls nicht in Sicht. Kürzlich wurde bekannt, dass J.J. Abrams, "Star Wars"-Regisseur und Entertainment-Wunderkind, den nächsten Multimillionendollar-Deal abgeschlossen hat: Mit seiner Produktionsfirma wird er für Warner Media - also HBO und das Warner Filmstudio - Filme und Serien entwickeln. Produktionsvolumen: 250 Millionen Dollar. Das Rennen geht also weiter.



insgesamt 2 Beiträge
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hegoat 02.10.2019
1.
Das Geld ist letztlich endlich, und ob der Zuschauer tatsächlich 3, 4 oder 5 Portale zu je 9,99 im Monat abonnieren wird, ist äußerst fraglich. Es bleibt spannend, aber die genannten Summen zeigen, wie viel Geld im seit Jahrzehnten mit billigen Serien und austauschbaren Gameshows vernachlässigten TV-Markt eigenlich zu verdienen ist.
shardan 03.10.2019
2. Was ich sehen will?
Diese Figuren wissen, was ich sehen will? In Anbetracht derzeitiger Serien, die zumeist irgendwo zwischen dumpfbackig komisch sein wollender Comedy und animalisch wirkendem Abschlachten liegen, wage ich das ausgesprochen zu bezweifeln. Das Niveau ist mittlerweile auf Dumm und / oder Brutal abgerutscht, sofern man nicht das von gelegentlichen Seifenoper-Fetzen durchsetzte Dauerwerbe-TV einschaltet - das ist nur noch verdummend. Gott sei dank kann man getrost bezweifeln, dass diese Gelddruck-Masche lange Bestand hat. Ich glaube eher nicht, dass Kunden auf Dauer etliche Abo's parallel bezahlen werden - man ist ganz schnell auf 50..70 EUR/Monat. Man könnte ja Serien produzieren und die Ausstrahlungsrechte verkaufen - aber man will den Kuchen nicht teilen, da macht man lieber den eigenen Abo-Dienst auf. Mit dem Erfolg, dass nun Disney, Warner/HBO, usw zusätzlich den Markt betreten - und jeder natürlich eine Monatsgebühr verlangt.Mama will diese Serie, Papa die andere und natürlich Sport, Kids ein bis zwei Abo's.... da ist ruck zuck richtig Geld weg. So ganz nebenbei hat das Ganze noch einen anderen Haken: Diese Anbieter müssen viel Geld einspielen, um zu überleben - sie werden sich gnadenlos immer weiter auf Mainstream einschränken (müssen). Eine kulturelle Verarmung auf die allerunterste Schiene.
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