Wachstumsplan mit Matthias Schweighöfer und Co. Darum setzt Netflix jetzt auf deutsche Filme

Um die Konkurrenz auf Abstand halten zu können, setzt Netflix auf Wachstum außerhalb der USA. Drei deutsche Prestigeprojekte sollen bei der Expansion helfen, darunter eine Bestsellerverfilmung mit Starensemble.
Mit Netflix in die Welt: Matthias Schweighöfer im Prequel zu "Army of the Dead"

Mit Netflix in die Welt: Matthias Schweighöfer im Prequel zu "Army of the Dead"

Foto: Stanislav Honzík / Netflix

Sasha Bühler ist Amerikanerin mit deutschen Vorfahren. Sie hat 30 Jahre lang in Deutschland gelebt, für ihren neuen Job bei Netflix zog sie 2019 nach London. Eine internationale Karriere, die zu ihrer Aufgabe dort passt: Bühler ist Director of International Film, sie entwickelt für den Streamingkonzern Projekte in den deutschsprachigen Ländern sowie in Frankreich, Osteuropa und Skandinavien.

Nicht nur Bühlers Job ist neu, die ganze Abteilung hat Netflix aus dem Boden gestampft. Weil der Konzern im gesättigten US-Markt nur noch langsam wächst, in Europa und anderen Regionen aber umso stärker.

Darum sollen dort verstärkt lokale Produktionen für neue Abonnenten sorgen. Und weil Netflix Kunden in 190 Ländern hat, können die ganz nebenbei auch zu internationalen Hits werden, wie die deutschen Netflix-Serien "Dark" und "How To Sell Drugs Online (Fast)" vorgemacht haben.

Diese Erfolge sollen Netflix nun auch lokal produzierte Filme bringen. Sasha Bühler sagt im Videogespräch: "Ich will deutsche Talente vor und hinter der Kamera dabei unterstützen, eine Weltbühne zu finden." Das klingt gut, und man nimmt ihr die Leidenschaft für die drei Projekte, die sie gerade entwickelt, unbedingt ab. Aber dahinter stehen handfeste wirtschaftliche Interessen.

Zu denen, die bald zumindest auf der Netflix-Weltbühne stehen werden, gehört Matthias Schweighöfer. Weil bei Netflix alles schnell gehen muss, dreht er für den Konzern gerade ein Prequel zu einem Zombie-Thriller, der noch gar nicht erschienen ist. "Army of the Dead" heißt der und wird erst 2021 veröffentlicht. Er ist die inoffizielle Fortsetzung von "Dawn of the Dead", einem Zombiefilm von 2004. Regie führt wieder, wie damals, der Amerikaner Zack Synder.

In "Army of the Dead" spielt Schweighöfer einen Deutschen – der Name seiner Figur ist Ludwig Dieter – und kam bei den Dreharbeiten in den USA offenbar so gut an, dass Netflix beschloss, eine Vorgeschichte aus dem Ärmel zu schütteln, bei der seine Figur im Mittelpunkt steht. Bei dem noch unbetitelten Prequel spielt Schweighöfer nicht nur die Hauptrolle, er führt auch Regie. Gedreht wird seit Mitte Oktober in Deutschland, Österreich und Prag.

Ebenfalls große Hoffnungen setzt Netflix in den Horror-Thriller "Blood Red Sky", den der Deutsche Peter Thorwarth schrieb und inszenierte. Thorwarth machte sich in den Neunzigerjahren einen Namen mit der Kiffer-Komödie "Bang Boom Bang", seinen scharfen Genrewechsel "Blood Red Sky" (es geht um eine Flugzeugentführung und Vampire) wollte zehn Jahre lang niemand produzieren. Sasha Bühler sieht in dem Stoff ideales Material für Horrorfans in aller Welt. Die Dreharbeiten sind bereits abgeschlossen.

"Munich" schließlich ist eine Verfilmung des Bestsellers von Robert Harris. Die Spionagegeschichte spielt während der Münchner Konferenz von 1938, infolge derer sich Nazideutschland das Sudetenland einverleibte. Regie führt der Deutsche Christian Schwochow, zur Besetzung zählen Jeremy Irons, Jannis Niewöhner, Sandra Hüller, Liv Lisa Fries und August Diehl. Martin Wuttke spielt Adolf Hitler, wie schon vor einigen Jahren in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds".

Mit Netflix in die Welt: Regisseur Christian Schwochow (r.) beim Dreh von "Munich"

Mit Netflix in die Welt: Regisseur Christian Schwochow (r.) beim Dreh von "Munich"

Foto: Frédérik Batier / Netflix

Alle Produktionen werden mit internationaler Besetzung und in mehreren Sprachen gedreht, weil die Netflix-Kunden es so wollen. Mit dem Erfolg von Streamingdiensten hat eine Globalisierung von TV-Entertainment eingesetzt, deren Geschwindigkeit auch Sasha Bühler überrascht: "Vor fünf Jahren wäre das noch undenkbar gewesen." Aber die Daten zeigten deutlich: "Wir sehen, dass mehr Leute Programme mit Untertiteln oder synchronisiert schauen als im Original. Das bedeutet, dass lokaler Content weltweit deutlich mehr geschaut wird. Dazu zählen insbesondere auch deutsche Netflix-Produktionen."

Dennoch bleibt abzuwarten, ob ein US-Publikum wirklich etwas mit Matthias Schweighöfer anfangen kann. Bühler bezeichnet die Projekte ihrer Abteilung als Experiment: "Wir können natürlich nicht wissen, ob diese Art von Produktion funktioniert, wir wollen hier viel ausprobieren."

Die andere Frage ist, ob sich durch Filme, die auf der internationalen Bühne spielen sollen, wirklich die Vielfalt an filmischen Ausdrucksformen erhöht. Bisher zumindest drängt sich der Eindruck auf, Netflix liefere mehr vom Gleichen: An Vampir- und Zombie-Thrillern besteht nun wahrlich kein Mangel.

Aber der Konzern muss seine Abonnenten bei der Stange halten und Stoffe liefern, die bei ihnen ankommen. Und er muss neue hinzugewinnen, um im übervollen Streamingmarkt weiter wachsen zu können.

Bei aller Rasanz, mit der die Digitalisierung die Produktion und Distribution von Filmen sowie die Sehgewohnheiten des Publikums verändert – eines ist seit Beginn der Filmkultur vor 120 Jahren gleich geblieben: Erst kommt das Geschäft, dann die Kunst.

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