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"Gottschalk Live": Showdown am Vorabend

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Neue ARD-Show Gottschalk, pack's noch mal!

Der Meister setzt auf Risiko: Ab heute Abend wagt sich Thomas Gottschalk in die Niederungen des ARD-Vorabends. Das wird entweder ganz großartig - oder furchtbar schlimm. Stefan Kuzmany gewährte er eine letzte Audienz vor dem Start von "Gottschalk Live". Und der hat jetzt Angst vor Schlägen.

Lieber Thomas Gottschalk,

jetzt sind Sie schon wieder weg. Gerade durfte ich noch bei Ihnen auf der Couch in Ihrem Büro in Berlin-Mitte sitzen, nebenan ist das Studio, aus dem Sie ab heute Abend Ihre neue Sendung "Gottschalk Live" senden werden. Sie waren so freundlich, mich noch vor dem Start der Show zu empfangen, diese Freundlichkeit mag auch damit zu tun haben, dass ich einen sehr freundlichen Artikel über Ihre Pressekonferenz zur neuen Sendung geschrieben habe.

Eigentlich hatte ich mir vorher genau vorgenommen, was ich Sie fragen und vor allem, was ich Ihnen sagen wollte, aber ich bin dann doch kaum zu Wort gekommen. Das ist einerseits, wenn man Sie kennt, kaum verwunderlich, und auch überhaupt nicht schlimm, weil es ja allein darum geht, dass man Ihnen gerne zuhört. Aber andererseits gibt es da doch noch etwas, das ich Ihnen sagen muss, bevor es los geht heute Abend. Bevor es möglicherweise zu spät ist.

Ich saß da also unter dem großen Foto mit Ihrem "Wetten, dass..?"-Team darauf, bemühte mich, das Beatles-Kissen, das auf der Couch drapiert ist, nicht zu zerdrücken, und musste daran denken, was Sie erzählen, wenn man Sie fragt, in welchen Situationen Sie noch nervös sind. Sie berichten dann davon, wie einmal Paul McCartney in Ihre Garderobe gekommen ist, Sie waren nicht darauf vorbereitet, es klopfte, Sie traten aus der Dusche, und da steht dieser Held Ihrer Jugend vor Ihnen, und Sie sind pudelnass.

Die deutsche Gesellschaft irreversibel aufgelockert

Auf dem Weg zu Ihnen hat es geregnet, ich hatte meinen Schirm vergessen, und jetzt saß ich Ihnen pudelnass gegenüber. Und wissen Sie was? Sie sind ein Held meiner Jugend. Als ich ein kleiner Junge war, haben die Größeren davon geschwärmt, wie Sie im Bayerischen Rundfunk moderiert haben, Sie waren der coolste Typ überhaupt. Ich habe Sie bei "Na sowas" gesehen, als Sie befürchteten, die reife Künstlerin, die da bei Ihnen auftrat, könne sich "die Eierstöcke verkühlen" - was in der Wiederholung im Vormittagsprogramm herausgepiepst wurde, auch die habe ich gesehen. Ihre Auftritte mit Ihrem alten Kumpel Günther Jauch haben mir stets höchstes  Vergnügen  bereitet, und wie Sie damals als Außenreporter bei "Wetten, dass..?" Plácido Domingo auf der Flucht vor Maria Schell wähnten, das werde ich niemals vergessen. Sie haben das deutsche Fernsehen und damit die deutsche Gesellschaft irreversibel aufgelockert. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mir zum Dreißigsten ein Trike gemietet und wäre damit mit meinem besten Freund durch die Stadt gebraust, als schwachsinnige Hommage an Ihren saublöden Film "Zwei Nasen tanken Super" .

Nun ist das mit Paul McCartney aber so eine Sache. Hand aufs Herz, Herr Gottschalk: Wofür lieben Sie den? Für die Beatles oder für seine aktuellen Platten? Schon klar, man sollte sich die neue Platte erst mal anhören, bevor man urteilt.

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Gottschalks neue ARD-Show: Der Dauerbrenner

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Jetzt fangen Sie also noch mal neu an, und heute Abend wird es meine Aufgabe als Fernsehkritiker sein, darüber zu schreiben, ob ich Ihre neue Sendung großartig finde oder ganz schrecklich. Beides ist möglich, aber wichtig ist, dass Sie Folgendes wissen: Ganz unabhängig davon, wie es heute Abend läuft und was danach irgendwer schreibt, sind und bleiben Sie unter den lebenden Fernsehunterhaltern der größte, den dieses Land aufzubieten hat. Niemand sonst hat die Gabe, aus vollkommenen Nebensächlichkeiten große Unterhaltung zu formen, niemand kann so frei und schnell und lustig assoziieren wie Sie in Hochform.

Aber nicht nur das: Sie tragen Verantwortung. Verstehen Sie das jetzt bitte nicht falsch. Es geht nicht darum, dass Sie Ihren Gesprächspartnern anspruchsvolle Fragen stellen, sei es nun Bully Herbig heute Abend oder in zwei Jahren dem Papst. Sie sind kein Journalist, weshalb es auch ein großes Missverständnis ist, dass Sie gerade erst zum "Unterhaltungsjournalisten des Jahres" gewählt wurden. Nein, Ihre Verantwortung besteht darin, eines der letzten verbliebenen gemeinschaftsstiftenden Elemente dieser Gesellschaft zu sein. Bei "Wetten, dass..?" sind Sie im Laufe der Zeit und angesichts eines Millionenpublikums in eine präsidiale Rolle gerutscht, die Ihnen nicht gut tat: Sie wurden zunehmend konturlos. Jetzt wollen und sollen Sie Ihre eigene Meinung äußern. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass man sich wieder über Sie aufregen können wird oder mit Ihnen lachen kann - und zwar gemeinsam, familien- und kollegenübergreifend.

Im Würgegriff der Fernsehkritik

Als ich vorhin noch triefend auf Sie wartete, da hat mir Ihre freundliche Pressefrau gesagt, dass es doch schön wäre, wenn man der Sendung etwas Zeit geben könnte, sich zu entwickeln, dass man nicht nach der ersten halben Stunde urteilen sollte über etwas, das gerade erst beginnt. Wir haben dann beide gelacht. So läuft das Geschäft nicht.

Lieber Thomas Gottschalk, nach unserem Gespräch haben Sie sich mit mir fotografieren lassen, und aus Spaß habe ich Ihnen bei dieser Gelegenheit angeboten, einmal einen Fernsehkritiker würgen zu dürfen. Sie haben ganz schön fest zugedrückt.

Ist ja auch verständlich. Selbstverständlich wird es auch diesmal nach der ersten Sendung bei nicht ganz so guten Quoten oder schlechten Gags heißen, Sie könnten sofort nach Malibu abfliegen. Und selbst nach einer Traumpremiere wird es nicht lange dauern, bis der erste schwache Tag kommt und "Gottschalks Absturz" verkündet wird. Sie lesen das alles und ärgern sich immer noch darüber. Dabei sagen Sie selbst, dass Sie diese Sendung nur gut machen können, wenn Sie sich in einer entspannten Verfassung befinden. Also entspannen Sie sich! Sie sagen, diese Sendung sei Ihre letzte Chance? Mag sein, aber diese letzte Chance haben Sie jetzt täglich viermal die Woche.

Aber das wissen Sie ja sowieso.

Was Sie jedoch nicht wissen können: Es gibt da einen Kollegen in Hamburg, der hat meinen freundlichen Artikel über Ihre Pressekonferenz zur neuen Sendung gelesen, und deshalb setzt er jetzt große Hoffnungen auf den Unterhaltungswert Ihrer Show. Dieser Kollege ist sehr nett, aber wenn er getrunken hat, wird er etwas rabiat, und auf der Weihnachtsfeier hat er mich zu später Stunde beiseite genommen und mir gesagt, wenn der Gottschalk nicht lustig wird, dann verprügelt er mich. Er hat dabei gelacht, aber an seinem Blick konnte ich genau sehen, dass es ihm ernst ist. Der Kollege ist sehr stark.

Also, was ich Ihnen eigentlich nur dringend noch sagen wollte, lieber Thomas Gottschalk: Machen Sie jetzt bloß keinen Scheiß.

Herzlich,
Ihr Stefan Kuzmany


"Gottschalk Live", ARD, Montag bis Donnerstag, 19.20 Uhr, ab 23. Januar 2012

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