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"Undercover Boss" bei RTL: Chef will's wissen

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Neue Doku-Soap auf RTL Bück dich, Boss!

Vom Bleistiftdreher zum Billigmalocher: Für die RTL-Serie "Undercover Boss" rutschen deutsche Chefs einmal die Karriereleiter nach ganz unten, um inkognito nach Fehlern in der eigenen Firma zu fahnden. Ein brisantes Experiment, man muss dem Sender dazu gratulieren.
Von Peer Schader

Man muss sich das Fernsehprogramm von RTL und die Wirklichkeit vorstellen wie zwei gleichpolige Magnete: Immer wenn sie sich zu nahe kommen, stoßen sie sich ab. Ein Fitzelchen Realität steckt zwar in den meisten Sendungen - aber zu viel davon ist Gift für die Quote. Also werden munter Bauern verkuppelt, Hartz-IV-Empfänger beim Streiten gefilmt, tote Politiker im Jenseits angerufen und beim Zusehen weiß man nicht so genau, was echt ist und was übertrieben.

Dagegen ist das, was der Privatsender an diesem Montagabend wagt, geradezu eine Revolution: Denn die neue Reihe "Undercover Boss" beschäftigt sich mit ganz realen Alltagssorgen vieler Deutscher, und zwar nicht nur von denen, die keine Restaurants führen können oder zu oft aus dem Katalog bestellt haben und nun in der Schuldenfalle hocken.

Ein spannendes Experiment: Der Geschäftsführer eines Unternehmens schlüpft für eine Woche in die Rolle seiner Angestellten, lässt sich zeigen, wie die Firma an der Basis funktioniert und erkennt dadurch, an welchen Stellen Veränderungen notwendig sind. All das passiert inkognito, verkleidet als gewöhnlicher Arbeiter, um auch tatsächlich die ganze Wahrheit zu erfahren. So baut der Chef einer Dixi-Klo-Verleihfirma dann also plötzlich selbst Mobiltoiletten auf, ein Hotelmanager brutzelt am Herd Menüs für seine Gäste zurecht oder der Chef einer Tiefkühlkost-Firma schubst Essware durchs Kühllager. Die Kamerabegleitung wird den Mitarbeitern damit erklärt, dass RTL eine Doku über Arbeitssuchende drehen wolle.

Die Idee zur Sendung stammt aus Großbritannien und wurde in den USA ebenfalls schon unter großem Zuschauerzuspruch umgesetzt, passt aber auch perfekt ins deutsche Fernsehen - vor allem in einer Zeit, in der viele Angestellte meinen, für ihre Chefs lediglich Verschiebemasse zu sein und mit ihren Sorgen alleine gelassen zu werden.

Schlabber-Shirt statt Designer-Anzug

"Ich hab das Gefühl, dass die, die das entscheiden, manchmal gar nicht wissen, was sie da machen", sagt Ali in breitem hessischen Dialekt. Morgens um 4 Uhr ist er bereits im Kühlhaus, um die Waren zusammenzustellen, die nachher von den Fahrern der Tiefkühlfirma abgeholt werden, für die der 55-Jährige arbeitet. Eigentlich beginnt die Schicht erst um 6 Uhr, vor ein paar Monaten wurde aus Kostengründen die Arbeitszeit gekürzt. Ali kommt trotzdem früher - unbezahlt, versteht sich. Weil es sonst nicht zu schaffen ist. Er hat deswegen keine schlechte Laune, macht einen Scherz nach dem nächsten und hält damit die ganze Mannschaft bei Laune. Nur eins ist ihm wichtig: "Ich wünsch' mir, dass das die Geschäftsleitung mal anerkennt."

Dass die Geschäftsleitung gerade neben ihm steht, erfährt Ali erst später.

Tatsächlich wird Mika Ramm, der als Chef des Tiefkühlvertriebs arbeitet, von keinem Mitarbeiter erkannt. Statt passgenau sitzendem Anzug, silberner Uhr, roter Krawatte und Aktenkoffer trägt "Rico Meissner" - wie er sich nennen soll - Snoopy-Schlabber-Shirt, Acht-Tage-Bart, Basecap und Turnschuhe. "Mein Gott, wie siehst du denn aus", lacht seine Frau, als sie ihn damit zum ersten Mal sieht. Na ja: wie jemand, der während der Arbeitszeit kräftig anpacken muss.

Dass Ramm das kann, kriegt er an jeder seiner fünf Stationen im eigenen Unternehmen bescheinigt. "Er gibt sich Mühe und ist sehr wissbegierig. Das ist viel wert", lobt der ahnungslose Ali - und erklärt: "Du willst nur zu viel auf einmal wissen!"

Konfrontiert mit den eigenen Fehlern

Für den Chef müssen diese fünf Tage tatsächlich eine Lehre gewesen sein, im wahrsten Sinne des Wortes. Er habe "extremen Respekt vor diesen Mitarbeitern", sagt der 43-Jährige, nachdem er in der Nachtschicht bei minus 28 Grad im Lager Waren kommissioniert hat und dabei ständig das - von ihm selbst eingeführte - neue Funksystem versagte.

Ab einem gewissen Zeitpunkt wirken die Mitarbeiterzitate allerdings arg bestellt - weil das Kamerateam natürlich sehr genau wusste, in welche Richtung es fragen musste. "Von den Bleistiftdrehern soll selber mal einer runterkommen und die Kommissionierung machen", sagt ein Arbeiter im Tiefkühllager. Dann hat's aber auch wirklich jeder verstanden. Die dramatisch aufgemotzten Treffen, in denen Ramm seinen Vorstand über den Plan informiert ("Ich gehe undercover!"), wirken wie einem schlechten Agentenfilm entlehnt, vor allem, als der Zurückgekehrte vor versammelt schweigender Runde völlig inhaltsleere Konsequenzen ankündigt. Das mögen Zugeständnisse an die Funktionsweise der Doku-Soap sein.

Wichtig ist jedoch, dass das Experiment an sich echt wirkt: der nach einem anstrengenden Arbeitstag völlig ausgelaugte Chef in seinem piefigen Hotelzimmer an der Autobahn, und die Mitarbeiter, von denen viele wirklich Spaß an ihrem Job zu haben scheinen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Oder es gibt in der Tiefkühlvertriebsbranche eine Menge guter Schauspieler.

Als Belohnung winkt der Beraterposten

Die Auflösung wirkt am Ende eher schmierig. Einzeln werden die fünf Kollegen in die Firmenzentrale bestellt, um dort den Mann wiederzutreffen, der sie für einen Tag begleitet hat. Nur dass er diesmal glattrasiert im Anzug dasteht und sich zu erkennen gibt. Artig bedankt sich der Chef für die Erfahrungen, befördert eine tüchtige Mitarbeiterin zur Teamleiterin, schenkt dem gestressten Ali eine Urlaubsreise zur Erholung, ernennt einen anderen zum Berater.

Ob das Experiment aber tatsächlich Auswirkungen auf den Alltag in der Firma hat und wie die aussehen, kriegt man als Zuschauer leider nicht mit. Als Langzeit-Doku ist "Undercover Boss" nicht angelegt, es zählen bloß das Experiment und dessen Auflösung.

Dass sowohl die Firma als auch der Chef ziemlich gut wegkommen, ist vermutlich Produktionsvoraussetzung. Dennoch darf man es wohl nicht als Selbstverständlichkeit werten, dass sich Ramm auf das TV-Wagnis eingelassen hat, weil zwischendurch eben auch explizit über Fehlentscheidungen im Unternehmen, Ungerechtigkeiten und sinkende Geschäftszahlen gesprochen wird. So was wollen viele Unternehmen gar nicht erst riskieren.

RTL wäre zu wünschen, dass die Testsendung beim Publikum ankommt und das Format fortgesetzt wird, alleine schon weil die Grundidee eine ist, wie sie nur das Fernsehen ermöglichen kann: Einer von ganz oben steigt herab nach ganz unten, schaut sich die Konsequenzen seiner Entscheidungen an, lernt vielleicht daraus - und berücksichtigt das bei seiner Arbeit in Zukunft. Es dürfte wenige Angestellte geben, die sich das nicht auch für ihr Unternehmen wünschen würden.

"Undercover Boss": Montag 21.15 Uhr, RTL

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