Neue "DSDS"-Staffel Lederhose siegt, Bohlen ätzt

Neue Staffel, alte Formel: Zum Start von "Deutschland sucht den Superstar" zeigt eine Kandidatin der Jury ihre Brüste, eine Kosmetikerin versagt bei Make-up und Gesang - ein Panoptikum der Peinlichkeiten. Überraschung: Ein Österreicher gewinnt und Dieter Bohlen ist auch mal freundlich.

Dieter Bohlens neue Jury: In der Mitte Fernanda Brandao, daneben Patrick Nuo
RTL

Dieter Bohlens neue Jury: In der Mitte Fernanda Brandao, daneben Patrick Nuo

Von Christoph Schultheis


Entgegen anderslautender Beteuerungen ist bei "Deutschland sucht den Superstar" im Jahr 2011 nicht "alles neu", sondern alles wie gehabt. Zumindest fast. Womöglich wäre es beim diesjährigen "DSDS"-Auftakt am Samstagabend zunächst niemandem aufgefallen, wenn RTL einfach bislang ungesendetes Material aus der letzten Staffel recycelt hätte: mit allerlei "Boing" und "Pling" und Zeitlupen aufgepeppten, sketchartigen Casting-Schnipseln aus deutschen Großstädten, singenden Bewerbern, die meistens nicht singen können, und dazwischen "hammergeilen" Bohlen-Sprüchen: "Wenn wir dich weiterschickten, würdest du nicht länger überleben als ein Tampon im Piranha-Becken."

Das Übliche eben.

Die neuen Jury-Mitglieder könnten selbst Kandidaten sein

Doch hinter dem Jury-Pult neben Bohlen saßen tatsächlich zwei neue Gesichter, zwei junge Menschen, die eigentlich gut und gern selbst als Kandidaten bei "DSDS" vorstellig werden könnten: einerseits Patrick Nuo, laut RTL "Sänger, Songwriter und ein absoluter Frauenschwarm", der als gutaussehend gilt - und sich selbst auch dafür hält.

Und zudem die 27-jährige Brasilianerin Fernanda Brandao, Künstlername "Laava", die seit einigen Jahren alles tut, um bekannt zu werden - beziehungsweise was sie dafür hält. So gibt es von ihr knackige Fotos in Bikinis und Fotos an der Seite von Prominenten. Sei es der Musiker Bushido, mit dem sie sich vor ein paar Jahren (und womöglich zu Recht) eine dreimonatige Beziehung nachsagen ließ, oder der Karstadt-Retter Nicolas Berggruen, neben dem sie zumindest mal auf einer Party stand, als Fotografen in der Nähe waren. Als Mitglied der Bauchfrei-Combo Hot Banditoz hatte sie sogar mal einen Platz-drei-Sommerhit ("Veo Veo").

Immerhin: Bohlen selbst kennt sie angeblich noch aus alten Zeiten in Hamburgs Partyszene und lobte ihre "Bühnenerfahrung und kommerzielle Musikkompetenz". Beizusteuern hatten Brandao und Nuo in der Auftaktsendung aber noch weniger als ihre Vorjahresvorgänger Nina Eichinger und Volker Neumüller. Nuo achtete auf sein gutes Aussehen - und Brandao sah aus wie Bohlens "Supertalent"-Kollegin Sylvie van der Vaart mit schwarzer Perücke und einer Überdosis Selbstbräuner. Zu den Bewerbern sagte sie van-der-Vaart-Sätze wie: "Für die ganz große Bühne reicht es noch nicht." Das war dann aber offensichtlich selbst Dieter Bohlen zu albern.

Der amtierende Superstar eröffnet eine Tanzschule

34.956 Bewerber haben die drei Juroren im Spätsommer 2010 angehört. Das sind zwar 536 mehr als bei der letzten Staffel. Doch weil RTL nun erstmals auch in Österreich und in der Schweiz auf "Superstar"-Suche ging, will das nicht so richtig nach Rekord klingen. Als hätte sich womöglich doch herumgesprochen, dass die Kandidaten am Ende bestenfalls das Schicksal von "DSDS"-Siegern wie Daniel Schuhmacher (wer?!) oder Mehrzad Marashi erwartet: anschließendes in-Vergessenheit-Geraten. Marashi jedenfalls, der amtierende Superstar 2010, will demnächst eine Tanzschule in Hamburg-Poppenbüttel eröffnen. Anders gesagt: "Was wird bei DSDS gesucht?" fragte RTL in den Werbepausen. "A: Solosänger. B: Traumtänzer". Es gab schon leichtere Quizfragen.

Gerade mal sieben der 34.956 "DSDS"-Aspiranten schafften es am Samstag in die 75-minütige Auftaktsendung: ein halbirrer Berliner mit irrem Adelstitel, der nicht "Time to Say Goodbye" von Andrea Bocelli singen kann; eine in jeder Hinsicht tadellose Marionettenspielerin, die es mit Duffys "Mercy" in den Recall schaffte; eine arbeitslose, iranischstämmige Kosmetikerin, die sich überaus erfolglos an Lady Gagas "Paparazzi" versuchte und wegen ihres misslungenen Make-ups von Bohlen bös runtermachen lassen musste; irgendein stimmloser Michael-Jackson-Tänzer, der offenbar dachte, er hätte sich bei RTLs "Supertalent" beworben, und - zum Ausgleich - ein charmant-cooler Medizinstudent aus Österreich, der es mit Lederhose und toller Stimme natürlich eine Runde weiter schaffte. Das Übliche eben. Oder im RTL-Jargon: "Alles, worüber Deutschland morgen spricht!"

"Du bist aber gemein." - "Ja, das ist mein Beruf."

Dann aber war da noch dieser Kölner mit krebskranker Mutter, die im Rollstuhl vor der Casting-Tür wartete und sagte, so eine "DSDS"-Karriere wäre für ihren Sohn, der sie rund um die Uhr betreut, "ein Sprungbrett - weg von seiner kranken Mutter". Nun ja, der junge Mann konnte weder gut genug singen, noch sah er annähernd so aus, als könnte er wenigstens damit bei der "DSDS"-Jury punkten. So geht er also aus der Tür und sagt: "Pech gehabt." Dann sagt er noch, dass es für ihn "ein einmaliges Erlebnis" gewesen sei - "auch, wenn ich dafür hinterher durch den Kakao gezogen werde". Und während man als Zuschauer gerade "Schnüff" und "Och" sagen will, sind wir schon wieder zurück bei Bohlen, Nuo und Brandao - beziehungsweise beim zu erwartenden Kakao.

Doch Bohlen sitzt da und schaut aus dem Fenster auf Vater Rhein. "Hätte er die kranke Mutter nicht", murmelt der "DSDS"-Titan, "hätt' ich ihn fertiggemacht, das sag' ich dir." "Echt?", fragt Brandao: "Hätt'ste ihn plattgemacht, obwohl er so nett war? Und dein Fan ist?" Bohlen bejaht das, einsilbig. Er sieht alt aus. "Du bist aber gemein", sagt Brandao. Und Bohlen antwortet: "Ja, das ist mein Beruf." Und auch wenn das so geplant, inszeniert war wie der Rest der Sendung, war es gut geskriptet.

Denn anschließend zeigte eine liebestolle Zweifünftel-Irre der Jury noch ihre Brüste. Aber warum auch immer: Selbst das war dann fast nicht mehr peinlich.



insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
Jan B. 09.01.2011
1. ...
Wieso muss sich ein Medium wie der Spiegel mit so etwas dümmlich sinnlosen wie DSDS beschäftigen? Gibt es nichts Wichtigeres über das man berichten kann?
Carnival Creation, 09.01.2011
2. .
"Diskutieren Sie über diesen Artikel" Wozu eigentlich??
The Godfather 09.01.2011
3.
Zitat von Jan B.Wieso muss sich ein Medium wie der Spiegel mit so etwas dümmlich sinnlosen wie DSDS beschäftigen? Gibt es nichts Wichtigeres über das man berichten kann?
Ok, die 2 Millionen Zuschauer, die es unterhaltsam oder spaßig finden, werden sich in Zukunft allein nach Ihrem Geschmack richten. Recht so?
robr 09.01.2011
4. Reis!
Wie war das noch mal mit dem Sack Reis in China?
black_dave 09.01.2011
5. !!!!
Zitat von sysopNeue Staffel, alte Formel: Zum Start von "Deutschland sucht den Superstar" zeigt eine Kandidaten der Jury ihre Brüste, eine Kosmetikerin versagt bei Make-Up und Gesang - ein Panoptikum der Peinlichkeiten. Überraschung: Ein Österreicher gewinnt und Dieter Bohlen ist auch mal freundlich. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,738508,00.html
DSDS ist einzig und allein Bohlens Bühne.
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