Neue Programmdirektorin und neue Chefredakteurin Wie sich das ZDF mit Nadine Bilke und Bettina Schausten neu aufstellt
Nadine Bilke (l.) und Bettina Schausten: Die neue Programmdirektorin und die neue Chefredakteurin des ZDF
Foto: Gaby Gerster; Markus Hintzen / ZDFSeit dem 15. März ist Norbert Himmler als ZDF-Intendant im Amt. Nun wurde die neue Leitungsebene bestätigt, mit der er gemeinsam die schwierigen Aufgaben der Zukunft für den öffentlich-rechtlichen Sender meistern will. Und davon gibt es nicht wenige.
In seiner Sitzung am Freitag designierte der ZDF-Verwaltungsrat die bisherige ZDFneo-Chefin Nadine Bilke zur neuen Programmdirektorin und Bettina Schausten zur neuen Chefredakteurin. Schausten ist zurzeit die Leiterin Hauptredaktion Aktuelles und zudem stellvertretende Chefredakteurin.
Die gute alte rheinhessische Rochadentradition
Damit segnete das Gremium eine Entscheidung ab, die Insider so schon vorausgesehen hatten. Die Namen für die höchsten ZDF-Positionen zirkulierten bereits länger, der Aufstieg von Bilke und Schausten entspricht dem üblichen Modus operandi der auf dem Mainzer Lerchenberg angesiedelten und als gemächlich geltenden Anstalt: Es wird dort von einer Position in die nächsthöhere nachgerückt. So will es die gute alte rheinhessische Rochadentradition im Sender.
Dabei hatte sich ja noch die Wahl Himmlers zum Intendanten im Juli letzten Jahres für ZDF-Verhältnisse geradezu als Thriller gestaltet; da war Tina Hassel vom WDR als zweite, durchaus aussichtsreiche Kandidatin für das oberste ZDF-Amt ins Rennen gegangen. Nach dem zweiten Wahlgang, bei dem sie 28 und ihr Konkurrent 32 Stimmen erhalten hatte, überließ Hassel allerdings freiwillig Himmler das Feld. So viel Aufregung sollte den Lerchenberg-Mitarbeitern nun wohl kein zweites Mal zugemutet werden.
Ganz ohne Enttäuschung ging es allerdings auch diesmal nicht. Die verdiente Fernsehspiel-Expertin und derzeitige stellvertretende Programmdirektorin Heike Hempel rückt offenbar nicht nach in der Hierarchie, sondern wird wieder verstärkt in die Serien- und Filmproduktion einsteigen. Für viele im Umfeld des Hauses enttäuschend, da Hempel durch TV-Events wie die »Ku'damm« -Reihe das öffentlich-rechtliche Staubfängergenre des Historien-Mehrteilers behutsam für eine jüngere Zielgruppe aufgepeppt hatte.
Hempels Vertreterinnenstelle in der Programmdirektion wird demnächst Frank Zervos, bislang Leiter der Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I, einnehmen. Gemeinsam mit ihm hat Himmler schon das kostenintensive Prestigeprojekt »Der Schwarm« nach dem Bestsellerroman von Frank Schätzing angeschoben. Es soll eine Art »Babylon Berlin« des ZDF werden, die Ausstrahlung ist für 2023 geplant. Momentan zieht sich allerdings die Nachproduktion. Mit dem kostenintensiven Mehrteiler will man sich auch gegen die mit viel Kapital auftrumpfenden US-Streaminganbieter behaupten.
Jagd aufs junge Netflix-Publikum bei gleichzeitiger Kostenkritik aus der Politik – es ist eine komplizierte strategische Gemengelage, in der sich die Anstalt in den nächsten Jahren behaupten muss.
Kritik vom bürgerlichen Lager
Himmler geht es bei der Besetzung der ZDF-Leitung deshalb wohl auch um allgemeine Managementqualitäten, die er als unabdingbar sehen mag für die ungewissen Tage, die auf das ZDF (und natürlich auch auf die ARD) zukommen. Momentan diskutieren die Länder eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks; bis tief ins bürgerliche Lager des Parteienspektrums reichen die Forderungen, die Sender in ihrem jetzigen Volumen zu beschneiden - und das auch und gerade im Unterhaltungsbereich, wo Himmlers Kompetenzen vor allem liegen. Er hat große Verdienste daran, dass das ZDF regelmäßig Quotensieger unter den Sendern ist. Auch deshalb gilt er vielen der 3500 ZDF-Angestellten als Garant, dass auf dem Lerchenberg alles so bleiben möge wie bisher.
ZDF-Intendant Himmler: »Born and raised in Mainz«
Foto: Tim Thiel / Tim Thiel / ZDFDas unaufgeregte Prozedere der Leitungsneubesetzung strahlt nun ebenfalls diese (trügerische?) Ruhe aus: Nadine Bilke, 46, rückt vom Chefinnenposten des jungen Anstaltsablegers ZDFneo in die Programmdirektion auf – und vollzieht damit den gleichen Werdegang wie Himmler zuvor selbst.
Ein geschlossenes System
Der hatte ZDFneo mit aufgebaut und – ja! – auch Jan Böhmermann geholt, um dann in die ZDF-Programmdirektion zu wechseln und von dort wiederum in die Intendanz. »Born and raised in Mainz«, so wird der Mainzer Himmler, der ab 1998 beim ZDF volontierte und den Sender danach nie wieder verließ, ironisch im Kollegium apostrophiert. Mit der Neuaufstellung beweist sich der Lerchenberg mal wieder als geschlossenes System, das sich Erneuerung allenfalls als ganz, ganz sanfte Maßnahme von Innen heraus erlaubt.
Um sein Haus in die Verteilerkämpfe der Zukunft zu führen, muss Himmler aber auch bereit sein, offene, harte Debatten anzustoßen. Sein Vorgänger Thomas Bellut, der das ZDF zehn Jahre lang als Intendant leitete und vom Journalismus kam, ging stets mit klarer Kante in Legitimierungsdiskussionen. Da muss Himmler, 51, noch Profil entwickeln.
Immerhin begab er sich neulich schon mal in Konfrontation mit der ARD und kritisierte scharf den als unverhältnismäßig empfundenen Ausbau des News-Channels Tagesschau24 – Himmler sieht dadurch das Engagement der ARD für den gemeinsam betriebenen Nachrichtenkanal Phoenix in Gefahr. Die verdichteten Krisenlagen um Corona und Ukraine-Krieg haben gezeigt, dass der oft als Schwarzbrot verdammte Info-Bereich beim Ringen um Aufmerksamkeit zentral ist, er muss ausgebaut werden.
In dieser Hinsicht ist auch die Personalie Schausten von besonderer Bedeutung. Schausten, 57, folgt auf den langjährigen Chefredakteur Peter Frey und ist eine meinungsstarke Journalistin, die dem Publikum von Wahlsendungen und größeren Politiker-Interviews bestens bekannt ist. Sie arbeitet bereits seit 1996 beim ZDF. Doch strategisch noch wichtiger als die Aura von Beständigkeit ist bei ihr ein anderer Aspekt: Schausten gilt als deutlich konservativ; mit ihr wird jenen Kritikern aus dem Politikbetrieb der Wind aus den Segeln genommen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk generell als zu linkslastig schmähen und ihn deshalb beschneiden wollen.