Neue Sat.1-Show "Die perfekte Minute" Stapeln bis die Ulla kommt

Wie viele Eier passen auf eine Glühbirne? Wie hoch kann man einen Turm aus Äpfeln bauen? Bei der neuen Spielshow "Die perfekte Minute" gilt es, Geschicklichkeitsspiele zu gewinnen. Das ist so simpel wie spannend - und auch dank Moderatorin Ulla Kock am Brink ein kleiner Lichtblick bei Sat.1.

Sat.1

Von Peer Schader


Haben Sie sich auch gewundert, warum Ihre Nachbarn in letzter Zeit permanent absurde Partyspielchen veranstalten: Schraubenmuttern mit Essstäbchen stapeln, Türmchen aus Pizzakartons und Partyhütchen bauen und sich Pfannkuchen mit Taucherflossen auf den Kopf befördern? Keine Sorge, da ist alles in Ordnung. Die trainieren bloß. Damit sie nachher im Fernsehen eine Viertelmillion Euro abräumen können und in eine Gegend ziehen, wo die Nachbarn sie nicht permanent mit dem Feldstecher durchs Fenster beobachten.

Wer keine Lust hat, sich wochenlang Allgemeinwissen anzulesen und dann nachher bei "Wer wird Millionär?" doch an einer blöden Sprichwort-Frage zu scheitern, geht ab sofort zur neuen Sat.1-Show "Die perfekte Minute". Und zu Ulla Kock am Brink.

Ja, genau: die Ulla Kock am Brink, die in den neunziger Jahren "Verzeih mir" und die "100.000 Mark Show" bei RTL moderierte, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen später die "Lotto-Show" und "Ca$h" veranstalte, bis "Bild" sie anklagte, Sabine Christiansen den Ehemann ausgespannt zu haben, und ihr die Karriere versaute. Das ist zumindest die Kurzversion, fast neun Jahre her und im deutschen Fernsehen offensichtlich lange genug, um als rehabilitiert zu gelten.

Jedenfalls hat Sat.1-Showkoordinator Wolfgang Link nicht lange überlegen müssen, als ihm Ulla Kock am Brink als Moderatorin für "Die perfekte Minute" vorgeschlagen wurde. Sie übrigens auch nicht. Und irgendwie passt jetzt alles zusammen: Die Show, die Moderatorin, der Sender - fehlen bloß noch die Zuschauer.

"Der Kandidat hat nur noch ein Leben"

"Minute to win it" - wie die Sendung in den USA heißt - setzt auf ein simples Prinzip statt komplizierter Regeln. Ein Kandidat muss mit einfachen Gegenständen Aufgaben bewältigen: Bleistifte in offene Wasserflaschen fallen lassen. Pfefferminzdragees mit einer Pinzette von wackeligen Tellern sammeln. Einen Turm mit Doppelkeksen auf seiner Stirn bauen. Zwei Wochen darf er die 30 Spiele zu Hause üben. Er weiß aber nicht, welche zehn ausgewählt werden und in der Show drankommen.

Klingt harmlos, ist aber irre spannend. Denn für jede Aufgabe ist nur eine Minute Zeit. Zweimal darf es schiefgehen. Danach ist der Kandidat raus. Wer alle zehn Spiele schafft, sahnt 250.000 Euro ab.

Sat.1 hat für "Die perfekte Minute" ein riesiges Studio gebaut, in dem Licht und Ton im Herzschlagrhythmus getaktet werden. Im Mittelpunkt stehen die Spieler wie in einer Arena. "Der Kandidat hat nur noch ein Leben", sagt eine Raumschiff-Enterprise-Stimme die Spielsituation an, dann folgt der Countdown, zu dem das Studio in tiefes Blau getaucht wird.

Das Publikum feuert an oder zittert mucksmäuschenstill mit - und die Moderatorin erinnert immer wieder daran, was alles auf dem Spiel steht. Ulla Kock am Brink ist perfekt dafür. Vor der Aufzeichnung der ersten Sendung sei sie raus auf die Bühne gegangen, um das Publikum im Studio zu begrüßen, und habe erstmal ein Tränchen verdrücken müssen, erzählt sie. Vor Freude, natürlich. "Weil ich dachte: Du darfst wieder moderieren!"

Bei der Auftaktsendung, die am Freitagabend ausgestrahlt wird, hat das schon mal ganz gut funktioniert - so wie früher eben, als sie noch bei RTL war und von der Presse "Lady Zack-Zack" getauft wurde, weil sie die Kandidaten durch die unmöglichsten Hindernis-Parcours scheuchte. Keine Frage, man muss das mögen, dass Kock am Brink sich so an die Kandidaten ranschmeißt, "Ich glaub an dich" sagt und immer wieder zur Familie der Kandidaten in der ersten Reihe rüberschielt, um sich bestätigen zu lassen: "Das hat die Mama gut gemacht, oder?" Aber es ist nunmal so, dass sonst nur wenigen Moderatoren im deutschen Fernsehen eine solche Begeisterung anzusehen ist.

Kontrapunkt zum Neunziger-Jahre-Bombast

Spektakulär ist "Die perfekte Minute" nicht - aber die Show funktioniert, auch weil sie sich eines Trends bedient, der den Bombast der neunziger Jahre ins Gegenteil verkehrt. Es braucht keine waghalsigen Stunt-Einlagen mehr, mit denen die Teilnehmer sich die Aufmerksamkeit des Publikums erstreiten müssen. Manchmal reicht es auch, wenn - wie in der Auftaktfolge - ein Kandidat Eier auf Glühbirnen stapelt, indem er kleine Salzkrater darauf streut, und wenige Sekunden darüber entscheiden, ob er die nächste Gewinnstufe erreicht oder mit leeren Händen nach Hause geht.

Seit "Schlag den Raab" wissen deutsche Zuschauer, dass Fernsehen auch dann spannend sein kann, wenn man nachts um ein Uhr zwei völlig fertigen Kontrahenten dabei zusieht, wie sie abwechselnd Holzklötzchen aus einem wackeligen Turm ziehen - vor allem natürlich, weil der Gewinner sehr viel Geld mit nach Hause nehmen kann. Zumindest das hat sich nicht geändert. Während die Gewinner der Neunziger-Jahre-Shows vor allem Muskelkraft, Ausdauer und Leidensfähigkeit brauchten, punkten die der Gegenwart aber vor allem mit Fingerspitzengefühl und einer ruhigen Hand.

"Die perfekte Minute" ist in jedem Fall ein Glücksgriff für Sat.1, weil es dem Sender, der in den vergangenen Jahren nicht gerade für seine Innovationen bekannt war, eine ganz neue Programmfarbe gibt. Mit einer Moderatorin, die sehr genau weiß, was sie da tut. Diesmal hat Sat.1 alles richtig gemacht, und das war nach den vielen Flops der vergangenen Monate auch höchste Zeit: Der Kandidat hat nur noch ein Leben.


"Die perfekte Minute", 20.15 Uhr, Sat.1



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
weisserteufel 30.04.2010
1. Gabs doch schonmal..
Neu? Das gabs doch schonmal. Keine Ahnung wie die Show hieß, wer moderiert hat und wann das war (vor ein paar Jahren), aber das Spielprinzip gabs doch schon. Da hat sich irgendjemand eine Minute lang einer Aufgabe gestellt und hat dann dementsprechend fett abgesahnt. Neu ist das also nicht... Was bekommt Spiegel eigentlich für die Werbung?
Ernst Wurscht 30.04.2010
2. "so simpel wie spannend"
Nein, so bescheuert wie langweilig. Also ob nicht schon genug Schwachsinn in der Glotze gäbe und was tut die Presse? Sie jubelt begeistert.
moejenning 30.04.2010
3. ...
bei der muß ich immer schnell abschalten.
faustjucken_de 30.04.2010
4. Stumpfsinn
So ein Stumpfsinn. Wie wäre es mit einer Minute mit dem Kopf gegen die Wand rennen? Wer die meisten Anläufe schafft, gewinnt. Nein, wer die meisten Anläufe braucht, verliert. Da ist ja Topfschlagen auf jedem Kindergeburtstag noch spannender.
saul7 30.04.2010
5. ++
Zitat von sysopWie viele Eier passen auf eine Glühbirne? Wie hoch kann man einen Turm aus Äpfeln bauen? Bei der neuen Spielshow "Die perfekte Minute" gilt es, Geschicklichkeitsspiele zu gewinnen. Das ist so simpel wie spannend - und auch dank Moderatorin Ulla Kock am Brink ein kleiner Lichtblick bei Sat.1. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,691859,00.html
Man sollte nie den Tag vor dem Abend loben. Ulla Kock am Brink scheint mir mitnichten ein Garant des Erfolges dieser Show zu sein.
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