Neue Staffel von "The Crown" Die Messer sind gewetzt

Die neue Staffel zeigt die königliche Familie als Haifischbecken, in dem selbst ein harter Knochen wie Margaret Thatcher sauber abgenagt wieder ausgespuckt wird. Und in dem Lady Di nicht den Hauch einer Chance hat.
Emma Corrin als Princess of Wales: "The Crown" entfaltet Pracht – und erzählt doch vom Niedergang des Empire

Emma Corrin als Princess of Wales: "The Crown" entfaltet Pracht – und erzählt doch vom Niedergang des Empire

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Des Willie / Netflix

Bisher war die wohl größte Fernsehserie der Welt immer eine Angelegenheit zwischen Wohl und Wehe. Die Königin, die "The Crown"-Mastermind und Drehbuchautor Peter Morgan in den ersten drei Staffeln zeigte, war Täterin und Opfer zugleich – eine Frau, der ihre Gefühle abtrainiert wurden, die aber auch darunter litt, hinter Regeln und Traditionen zu verschwinden.

Mit Empathie für die Queen ist in der aktuellen vierten Staffel Schluss. "The Crown" zeigt die königliche Familie nun endgültig als Haifischbecken, in dem selbst ein harter Knochen wie Margaret Thatcher sauber abgenagt wieder ausgespuckt wird. Und in dem eine sensible junge Frau wie Diana von Beginn an nicht den Hauch einer Überlebenschance hat.

Olivia Colman als Elizabeth II.: Lächeln im Haifischbecken

Olivia Colman als Elizabeth II.: Lächeln im Haifischbecken

Foto: Des Willie / Netflix

"The Crown" wäre nicht "The Crown", würde dieser Stimmungswechsel nicht in berückende Bilder und majestätische Schnittfolgen gefasst. Den Reiz der Serie macht ja gerade ihre cineastische Qualität aus: In Wahrheit ist sie ein mittlerweile mehr als 30 Stunden langer Monumentalfilm über das britische Königshaus und das bröckelnde Empire im 20. Jahrhundert.

In Staffel vier, Episode eins, wird der Ton so vorgegeben: Wir sehen Charles (Josh O'Connor) beim Angeln, Elizabeth (Olivia Colman) und Prinzessin Anne (Eron Doherty) beim Jagen auf Rotwild, Prinz Philip (Tobias Menzies) beim Rebhuhn schießen und Lord Mountbatten (Charles Dance) beim Fischen auf hoher See.

Langsam entwickelt sich daraus eine gewaltige Parallelmontage, bei der wir den monarchischen Protagonisten beim eiskalten, präzisen Töten zusehen. Die Jagd, dieses uralte Privileg des Adels, wird zum Symbol für die Gnadenlosigkeit dieser Figuren. Eine von ihnen geht schließlich selbst in den Tod, als sich die Montagesequenz mit einer Explosion zum Höhepunkt steigert.

Der Nordirlandkonflikt fordert seine Opfer, und die Zeit, in der die Monarchie in Großbritannien noch größtenteils unwidersprochen als historisch gegeben und von Gott installiert hingenommen wurde, ist lange vorbei. Staffel vier spielt zwischen 1979 und 1990: Das britische Empire ist längst Geschichte, der wirtschaftliche Niedergang scheint unaufhaltsam, und mit Margaret Thatcher (Gillian Anderson) übernimmt eine Premierministerin die politische Macht, die dem Land mit den Mitteln eines mitleidlosen Neoliberalismus eine schmerzhafte Schrumpfkur verordnet.

Eine Katastrophe in Zeitlupe

Es ist kein Zufall, dass zum gleichen Zeitpunkt mit Prinzessin Diana (Emma Corrin) die Figur auf den Plan tritt, die in den kommenden Jahren alle Blicke auf sich ziehen wird. Diana verkörpert als junge, schöne, herzliche Frau nicht nur das Ideal der märchenhaften Prinzessin. Ihre Popularität wirft auch ein Schlaglicht auf das rückständige, gefühlsgehemmte, fern des Volkes agierende Königshaus.

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Mit der Hochzeit von Diana und Charles nimmt eine Katastrophe ihren Lauf, die sich wie in Zeitlupe ankündigt und 1997 schließlich in einem tödlichen Autounfall enden wird. Eine Katastrophe, die, so zumindest in Peter Morgans Interpretation, jeder hätte kommen sehen können.

Charles, in der dritten Staffel ein melancholischer, sensibler Junge, der sich nach der Liebe seiner Mutter sehnt, verwandelt sich nun in einen von Gram und Selbstmitleid gebeugten Finsterling. Er liebt nicht Diana, sondern Camilla Parker-Bowles, aber für persönliche Gefühle ist bei den Windsors nun einmal kein Platz.

Sein Vater herrscht ihn an, sich gefälligst einen Ruck zu geben und die Hochzeit in die Wege zu leiten, er häutet dabei grimmig ein Reh. Und als Elizabeth ihm mit einer eiskalten Standpauke endgültig die letzte Hoffnung nimmt, seinem Herzen folgen zu dürfen, sieht man Charles im Vordergrund, während die flache Tiefenschärfe der Aufnahme die Figur der Mutter zur Unkenntlichkeit entstellt.

Das Ehedrama von Charles und Diana ist in "The Crown" mit einer Bedeutung aufgeladen, die weit über das persönliche Drama hinausgeht. Morgan zeigt wieder ganz beiläufig die Prachtentfaltung, zu der die wichtigste konstitutionelle Monarchie Europas in der Lage ist, aber Kostüme und baumelnder Schmuck, Gemälde, Wandbehänge, festliche Diners und kristallene Lüster erstarren nie zum Selbstzweck. Die Hochzeit von Charles und Diana zeigt Morgan nicht einmal, er blendet vorher aus.

Von der Verzwergung Großbritanniens

Ihm geht es vielmehr darum, detailversessen die größte Krise zu zeigen, in die sich das englische Königshaus vor dem Abgang von Prinz Harry und Meghan Markle manövrierte und die schließlich mit Dianas Tod für alle Welt sichtbar wurde. In diesem Sinn wirken die bisherigen vier Staffeln wie eine Vorgeschichte für die abschließende fünfte und sechste, die eben davon erzählen werden.

Die Geschichte der Königsfamilie ist bei Morgan immer auch eng an die des Landes geknüpft, für das sie symbolhaft steht. Und um dessen inneren und äußeren Zustand, so zeigt er, ist es nicht gut bestellt. Im Grunde ist "The Crown" eine Erzählung von der Verzwergung Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg, von innerer Zerrissenheit und Großmannssucht, die schließlich, so darf man als Zuschauer fortspinnen, im Brexit und der populistischen Regierungsführung von Boris Johnson mündet.

Die vierte Staffel endet zunächst einmal mit Weihnachten bei den Windsors: Schimpftiraden, kaum verhüllte Drohungen, eingefrorene Minen, unterlegt mit besinnlichen deutschen Weihnachtsliedern. Die Messer sind gewetzt. Sie werden ganz sicher noch benutzt.

Zehn Episoden à 60 Minuten, ab 15.11. auf Netflix

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.