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03. März 2011, 18:06 Uhr

Neue "Topmodel"-Staffel

Frau Klum schlägt über die Strenge

Von Meredith Haaf

Willkürherrschaft pur: In der neuen Staffel von "Germany's Next Topmodel" fordert die Lipgloss-Gouvernante Heidi Klum noch mehr Disziplin von ihren Mädels. Doch ihre schwächelnde Show dürfte das kaum retten, denn die Laufstegfolter mit ihrem Leistungswahn widerspricht dem Zeitgeist.

Sihe ist 17 Jahre alt, stammt aus China und hat sich bei "Germany's Next Topmodel" beworben. In ihrem Vorstellungsvideo sagt sie: "Zu meinen Stärken gehört, dass ich sehr diszipliniert bin, dass ich mich an Regeln halte, dass ich pünktlich bin, sehr freundlich." Will heißen: Sihe ist total angepasst. Und weil Sihe darüber hinaus auch sehr hübsch aussieht, ist sie die Idealkandidatin für die sechste Staffel der Klum-Show, die diesen Donnerstag beginnt.

So richtig gewartet hat das Land darauf wohl nicht - 2010 stürzten die Einschaltquoten in den Keller, die ehemaligen Hauptsponsoren sind längst ausgestiegen. Während vor allem die Staffeln 2007 und 2008 jenen kulturellen Sonderstatus erreichten, die eine Fernsehproduktion zum Ereignis macht, ist schon jetzt klar, dass "Germany's Next Topmodel" keine Chance als Reality-Event des Jahres mehr hat - der lief schon mit "Ich bin ein Star" auf RTL.

Während Sonja Zietlow und Dirk Bach, die Quälgeister des Dschungelcamps, aber Humor zeigten, gibt es im Lipgloss-Camp von Klum nichts zu lachen - das ist seit Staffel eins klar. Es geht um Leistung, um Ehrgeiz, um Selbstoptimierung: Eine Standard-Rauswurfbegründung der Jury lautet ja, dass eine Kandidatin zwar gut sei, sich aber nicht verbessert habe. Nichts anderes als die disziplinierte Unterwerfung unter das System Klum ist also gefordert: Die sogenannten Mädels leben in landschulheimartigen Umständen, sollen sich nicht anzicken, aber bitte auch nicht zu solidarisch sein. Wenn eine etwa einen Auftrag an eine andere Kandidatin abtritt, gilt das nicht als großzügig, sondern als mangelnder Biss, der bestraft gehört. Klum gibt die Über-Strenge und sorgt dafür, dass keine über die Stränge schlägt.

Thomas und Thomas - Sidekicks für eine Saison?

Insofern ist "Germany's Next Topmodel" eine Art Castingshow-Äquivalent zum Arbeitsmarkt: Hier wie dort treten die jungen Menschen der Generation Praktikum als ewige Bewerber an, die Anforderungen, Wünschen und Vorstellungen ihrer Chefs gerecht zu werden haben - auch wenn sie nie so genau wissen, was diese Anforderungen eigentlich sind. Sie sind der Situation immer ausgeliefert, haben sie nie unter Kontrolle. Warum zum Beispiel gehört es nicht zur Topmodel-Schulung, als Geschäftsfrau aufzutreten, wie das die Multimillionärinnen Klum oder deren Kollegin Gisele Bündchen mit großem Erfolg tun?

Die Ohnmacht, die alle anderen an "Germany's Next Topmodel" beteiligten Personen erleiden, gehört durchaus zum Konzept der Sendung. Das erste Gebot, das Klum formuliert hat, lautet: Neben mir hat niemand anderes erfolgreich zu sein. Das musste "Laufsteglehrer" und Publikumsliebling Bruce Darnell vor ein paar Jahren genauso erfahren wie all die anderen inzwischen wieder ausgewechselten Sidekicks. Dieses Jahr nun wird die Jury um die beiden der Öffentlichkeit bislang vollkommen unbekannten "Kreativköpfe" Thomas Hayo und Thomas Rath ergänzt. Auch ihr Fernsehruhm wird wohl nur eine Saison andauern.

Vielleicht liegt es auch an diesen ewigen Rochaden, dass "Germany's Next Topmodel" bei der Hauptzielgruppe nicht mehr so gut ankommt: Nur 28 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sahen im vergangenen Jahr zu, rund ein Viertel weniger als 2009. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Leistungsstress so sehr Teil ihres Alltags geworden ist, dass eine Show mit ausgeprägtem Leistungsfetisch kaum reizvoll erscheint.

Wenn der Laufsteg zur freien Wildbahn wird

Dessen ungeachtet setzen die Produzenten der Sendung auf eine Verschärfung der Bedingungen, was ungefähr so zeitgemäß ist, als würde man heute den McKinsey-Kult der frühen Nullerjahre aufleben lassen. Das Massen-Casting, das traditionellerweise die erste Folge bestimmte, ist abgeschafft. Die Show beginnt diesmal gleich mit 50 Schlusskandidatinnen - und die sehen zur Abwechslung wirklich alle aus wie Models. Trotz der miserablen Quoten vom letzten Jahr gab es mehr Bewerberinnen denn je, 23.000 sollen es insgesamt gewesen sein. Von den 50 Verbliebenen tanzt nun keine Figur und keine Frisur aus der Reihe, und die Sendung bekommt gleich den Hauch einer geschlossenen Gesellschaft.

Bezeichnender aber ist, dass die jungen Frauen nach Angaben von ProSieben nun nicht mehr bis zum Abschluss einer Folge Zeit haben, um sich zu bewähren, sondern jederzeit fliegen können: Benimmt sich eine beim Fotoshooting daneben, muss sie sofort gehen. Verhält sich eine beim Casting zu lässig, kann sie nicht auf die "Entscheidung" hoffen. Da wird der Laufsteg zur freien Wildbahn, und jedes "Mädel" ist zum Abschluss freigegeben.

Das ist insofern beunruhigend, als die stabile Zuschauergruppe vor allem die der präpubertären Mädchen ist (die oftmals mit den eigenen Müttern guckt). Spiegelt doch die Formation der Kandidatinnen genau jene Mädchencliquen-Struktur wieder, die sich ab der fünften Klasse bildet. Man kann den Effekt jedes Jahr vor beliebigen McDonald's-Filialen oder Kinopassagen beobachten, wo kleine Mädchen den Catwalk üben, "sexy" gucken und auch sonst völlig in der Imitation der Model-Mädels-Gruppe aufgehen. Und in der herrscht eben ein unerbittlicher Wettbewerb.

Schönheitsdruck und Konkurrenzzwang sind die großen Konstanten im Teenager-Leben von Frauen. Die Botschaft von "Germany's Next Topmodel" ist, dass das genauso sein muss, wenn man es in dieser Welt wirklich zu etwas bringen will. Alles ganz schön eisig. Da kann man den Mädels dieser Welt nur wünschen, dass sie dieses Jahr der klumschen Willkürherrschaft per Fernbedienung eine endgültige Absage erteilen.

"Germany's Next Topmodel", donnerstags 20.15 Uhr, ProSieben

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