Neue US-Sitcoms Sehr sexy, aber nur aus Versehen

Sind Sitcoms altmodisch? Von wegen! Neue amerikanische Serien wie "New Girl", "Louie" oder "Modern Family" werfen einen schrecklich komischen Blick auf den Irrsinn der Gegenwart. SPIEGEL ONLINE stellt die radikalsten Werke des Comedy-Booms vor.
Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

"New Girl"

Jess will ihren Ex vergessen. Was liegt näher, als in eine WG zu ziehen, die ausschließlich aus Männern besteht. Das klingt grauenhaft, ist es aber gar nicht. Im Gegenteil: "New Girl"-Hauptdarstellerin Zooey Deschanel hat mit der liebenswerten, aber ziemlich verschrobenen Jess den Fem-Nerd geschaffen, eine Art Liz Lemon ("30 Rock") für Mittzwanziger.

Komische Frauen in Sitcoms beschränkten sich bisher weitgehend auf die Modelle scharf und hirnlos oder krass und kugelrund. Aber Jess ist eine Kategorie für sich: Sie singt sich selber Mut zu und führt überhaupt gern Selbstgespräche, sie setzt hin und wieder eigenwillige Bonmots in die Welt. Sie versteckt sich hinter riesigen Brillengläsern, sie ist neurotisch und schräg und süß und irgendwie auch sexy - aber total aus Versehen. Auf wie viele weibliche TV-Figuren trifft das sonst noch zu? Jess ist jemand, in den man sich nicht auf den ersten Blick, sondern über Monate hinweg verknallt.

Ihre WG-Mitbewohner, der Ladykiller Schmidt (Max Greenfield), der Profi-Basketballer Winston (Lamorne Morris) und der Studienabbrecher Nick (Jake Johnson), haben Jess denn auch vor allem deswegen aufgenommen, weil ihre beste Freundin Cece (Hannah Simone) ein Model ist. Vor allem Schmidt kann's gar nicht erwarten, ein Model in sein Zimmer abzuschleppen - auch wenn die Sache dann natürlich völlig anders ausgeht als erwartet. Nick dagegen wirft offenbar wirklich ein Auge auf Jess, was diese komplett aus der Fassung bringt.

Zooey Deschanel ist die jüngere Schwester von Emily Deschanel, die die Ermittlerin in der Fox-Krimiserie "Bones" spielt. Zooey kennt man aus Kinofilmen wie "500 Days of Summer", und sie ist außerdem Musikerin in der Band She & Him, was Jess' schön schlechten Gesangseinlagen einen ironischen Unterton verleiht. Ihre Jess Day ist die Dekonstruktion von Jennifer Anistons Rachel aus "Friends", und sie mag die erste Figur im amerikanischen Serienfernsehen sein, die von allen weiblichen Stereotypen befreit ist - keine Powerfrau, die nach dem morgendlichen Kickboxen die Wall Street aufmischt, keine bezaubernde Loserin, die auf die Rettung durch einen edlen Ritter wartet, sondern ein Wesen, das sich aus einer ganz eigenen Perspektive über die Welt wundert.

"Parks and Recreation"

Ab dem 5. Januar läuft die Serie auch bei ProSieben.
Offizielle Website 
Was ursprünglich als Spin-Off der Bürowelt von "The Office" geplant war, hat sich zu einer schrägen Satire auf Amerikas politische Arena entwickelt - das hat es wohl seit "M.A.S.H." nicht mehr gegeben. "Parks and Recreation" ist seit 2009 angesiedelt in den Amtsstuben der Parkverwaltung von Pawnee, Indiana, einer bedeutungslosen Kleinstadt, die nichtsdestotrotz von der Beamtin Leslie Knope (Amy Poehler) als Sprungbrett für eine politische Karriere à la Hillary Clinton betrachtet wird. Knope glaubt fest daran, dass ihre Behörde dem Wohl der Bürger dient, aber sie steht mit ihrem Enthusiasmus in direktem Widerspruch zu ihrem Chef Ron Swanson (Nick Offerman), der als überzeugter Libertär ein Gegner von ausufernder Regierungsbürokratie und daher bemüht ist, die Parkverwaltung so ineffizient wie nur möglich zu machen.

Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

Das gelingt ihm mühelos mit Hilfe von Tom (Aziz Ansari), der schamlos den eigenen politischen Vorteil sucht, und Andy (Chris Pratt), der nach einer Reihe von selbstverschuldeten Unfällen auf öffentlichem Gelände zu Leslies Assistent wird. Und dann ist da noch Chris (Rob Lowe in der wohl komischsten Rolle seiner Karriere), Leiter der Stadtverwaltung mit einem überkanditelten Fitness- und Gesundheitsfimmel sowie einem manischen Optimismus, den die Lage in keiner Hinsicht rechtfertigt.

"Parks and Recreation" ist eine weitere Arbeitsplatz-Comedy, hat sich aber längst von seinem Vorbild zu einem eigenständigen Phänomen, einer subtilen politischen Komödie, emanzipiert. Serienschöpfer Greg Daniels, der zuvor für "Die Simpsons" schrieb und Showrunner bei "The Office" war, ließ sich von kalifornischen Lokalpolitikern zu dieser Serie inspirieren und schrieb sie um Amy Poehler herum, die mit "Saturday Night Live" zu einer der Top-Komikerinnen Amerikas wurde - unter anderem verkörperte sie dort die Präsidentschaftskandidatin Clinton.

In "Parks and Recreation" ist Poehler nun Herz und Seele einer Handvoll Verwaltungsbeamten, die zwar wohlmeinend, aber kurzsichtig, inkompetent und von Selbstüberschätzung geplagt sind. Ähnlichkeiten mit der US-Bundesregierung sind nicht bloß zufällig.

"Louie"

Noch kein deutscher Starttermin
Offizielle Website  "Louie" ist nicht bloß Comedy. "Louie" ist eine Art Video-Tagebuch von Louis C. K., einem New Yorker Mittvierziger mit Stirnglatze und besorgtem Blick, der nach der Scheidung von seiner Frau als alleinerziehender Vater zweier kleiner Töchter der Welt einen Sinn abzuringen versucht. "Louie", seit 2010 beim Kabelsender FX auf Sendung, sprengt alle Formen: Man sitzt dem Mann quasi auf der Schulter, während er durch New York streift, seine Kinder ins Bett bringt, Stand-up-Auftritte absolviert, in Fernsehshows mit christlichen Fundis diskutiert oder US-Soldaten in Afghanistan unterhält - mit einem Entenküken im Gepäck, das ihm seine sechsjährige Tochter als Glücksbringer untergejubelt hat.

Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

Louis C . K. ist eine Verlängerung des Misanthropen Larry David aus "Curb Your Enthusiasm" - er beobachtet die Welt mit einem ähnlichen Pessimismus. Und was er sieht, scheint ihn ziemlich aus dem Gleichgewicht zu bringen: "Louis" darf wohl als deprimierendste Comedy überhaupt gelten. Als Sujet kommt vom Tod über Scheidung, Selbstbefriedigung und Krieg schlicht alles in Frage.

Louis C. K. , eigentlich Louis Szekely, schrieb Witze für Conan O'Brien und David Letterman, bevor er mit "Louie" seine eigene Show inszenierte und spielte. Hin und wieder macht er mit öffentlichen Unverschämtheiten Schlagzeilen. So fragte er den ehemaligen US-Außenminister Donald Rumsfeld in einer Radiosendung, ob er tatsächlich eine außerirdische Echse sei, die mexikanische Babys frisst. Und in einem quasi-dokumentarischen Sketch von 2007, in dem er sich die katholische Kirche erschließen will, ließ er den angeblichen Sprecher der New Yorker Erzdiözese erklären: "Die katholische Kirche ist eine uralte, weltweite Institution, deren höchstes Ziel der Missbrauch von kleinen Jungs ist."

Das Männermagazin "GQ" ernannte Louis C. K. kürzlich zum lustigsten lebenden Comedian. Da will man nicht widersprechen.

Noch kein deutscher Starttermin
Offizielle Website 

"Modern Family"

Die Cosby-Sippe, die Bundy-Familie, sogar die Bluths aus "Arrested Development" - alles total vorgestrig. Die ABC-Serie "Modern Family" siedelt die Familie seit 2009 dort an, wo sie inzwischen ist - bei den Pritchetts, einem Potpourri aus verschiedenen Ethnien, sexuellen Orientierungen, Zweit- und Drittpartnerschaften.

Patriarch Jay Pritchett (Ed "Al Bundy" O'Neill in einer wunderbar gravitätischen Variation des Schuhverkäufers) ist mit der hinreißend schönen, 30 Jahre jüngeren Kolumbianerin Gloria (Sofia Vergara als kurvige Drama-Latina) verbandelt, auf die auch sein Schwiegersohn Phil (Ty Burrell) hin und wieder einen verschämten Seitenblick wirft. Phil ist mit Jays Tochter Claire (Julie Bowen) verheiratet und raubt ihr den letzten Nerv beim Versuch, ein übercooler Superdad für ihre drei Kinder zu sein - die Highschool-Prinzessin Hayley (Sarah Hyland), die smarte aber manipulative Alex (Ariel Winter) und der Chaot Luke (Nolan Gould). Als viertes Kind kommt das vietnamesische Baby hinzu, das Claires schwuler Bruder Mitchell (Jesse Tyler Ferguson) und sein Partner Cameron (Eric Stonestreet) adoptiert haben.

Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

Die Autoren Christopher Lloyd und Steven Levitan ziehen das Ganze als Familien-Mockumentary auf, ähnlich wie es "The Office" mit dem Büroleben tat. Als Pointierung des Geschehens adressieren auch hier die Figuren hin und wieder die Kamera, meist mit Geständnissen über ihre wahren Empfindungen, oft mit einem bloßen Ächzen oder Augenrollen. Die Pritchetts liegen im Clinch miteinander, aber sie legen wirklich Wert auf ihr Familienleben - so sehr, dass sie Weihnachten auch schon mal als "Express Christmas" (Phil) am 16. Dezember inszenieren, weil sich die Bande zur weihnachtlichen Zusammenkunft sonst nicht koordinieren ließe.

Übrigens zog ausgerechnet die Darstellung des schwulen Paars heftige Kritik auf sich - nicht nur, weil Mitchell und Cameron in ihrem Altweibergezanke und mit dramatischen Gestus sämtliche Stereotypen bedienen, sondern weil sich die Macher erst nach einer Facebook-Kampagne zu einem Kuss zwischen den beiden hinreißen ließen. 2010 erhielt die Serie dennoch den Emmy als beste Comedy - und sie ist, dem Magazin "People" zufolge, die Lieblingsserie von Präsident Obama und seinen Töchtern.

"Community"

Noch kein deutscher Starttermin. Erste und zweite Staffel sind bereits als DVD erschienen
Offizielle Website  Noch ein Ensemble-Spaß - doch die NBC-Serie aus der Feder von Dan Harmon sprengt alle Kategorien. "Community", seit 2009 in den USA zu sehen, ist gleichsam eine Meta-Comedy im Popkultur-Universum. Vordergründig geht es um die Mitglieder einer Studiengruppe am Greendale College in Colorado, die der arrogante Möchtegern-Jurist Jeff (Joel McHale) ins Leben gerufen hat, um die blonde Ex-Anarchistin Britta (Gillian Jacobs) anzubaggern. Aber in Wirklichkeit versammelt Dan Harmon hier sieben Figuren zwischen 20 und 60, um ein kunstvolles, teils halluzinatorisches Comedy-Gewebe mit Elementen aus dem Twitter-Äther, der TV-Serie "Friends", dem Patriot Act, Science Fiction, Videospielen, der "Herr der Ringe"-Saga und Joseph Campbells Mythologiethesen zu spinnen. Das Nachrichtenmagazin "Time" nannte Harmons Drehbücher "kubistisch".

Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

Die Charaktere in dieser Serie haben wenig gemein, aber wie die verschiedenen Biografien hier zusammengebracht werden, das macht den Reiz aus: Neben einer Fundamentalchristin Shirley (Yvette Nicole Brown) geht es um die Buddies Troy (Donald Glover als Science-Fiction-Freak) und Abed (Danny Pudi als Popkultur-Nerd) sowie die naive Annie (Alison Brie).

Der schräge Witz der Serie ist stark von der Improvisation der Schauspieler geprägt, und die Kritiker sind weithin begeistert. Das große Publikum dagegen schien von Harmons Einfallsreichtum und den pausenlosen popkulturellen Querverweisen überfordert. Doch als NBC ankündigte, "Community" wegen schwacher Quoten in der dritten Staffel einstellen zu wollen, versammelte sich in der vergangenen Woche ein Fan-Flashmob mit angeklebten schwarzen Bärten in der NBC-Zentrale am New Yorker Rockefeller Center und sang selbsterfundene Weihnachtslieder als Oden auf die Serie.

Noch kein deutscher Starttermin
Offizielle Website 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, die beiden Protagonisten Troy und Abed seien ein schwules Paar. Aufmerksame Leser haben uns darauf hingewiesen, dass die beiden in der Serie lediglich eng befreundet sind. Wir bitten für den Fehler um Entschuldigung.

"2 Broke Girls"

Mit dieser sympathisch altmodischen Kellnerinnen-Sitcom, die erst im Herbst startete, fällt CBS aus dem Rahmen. "2 Broke Girls" ist eine Komödie um zwei ungleiche Freundinnen, die vor Live-Publikum mit mehreren Kameras gefilmt wird - eine traditionelle Produktion also mit überraschend großem Erfolg.

Caroline (Beth Behrs), eine New Yorker Society-Tochter, ist frisch verarmt, nachdem ihr Vater wegen finanzieller Betrügereien im Stil von Bernie Madoff verhaftet wurde. Also heuert sie im Fastfood-Restaurant des Koreaners Han (Matthew Moy) an, der außerdem den schmierigen Russen Oleg (Jonathan Kite) als Koch und die zynische Max (Indie-Star Kat Dennings) als Kellnerin beschäftigt. Max stammt aus einfachen Verhältnissen und kennt die Oberschicht nur von ihrem Zweitjob als Babysitterin in Manhattan, was immerhin reicht, um die Unbeholfenheit ihrer neuen Kollegin im Arbeitermilieu mit hämischer Verachtung zu überziehen.

Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

"2 Broke Girls" ist nicht neu, aber das Timing stimmt: Mit der Sorge, dass das wöchentliche Einkommen mal wieder nicht für die Miete reicht, können sich inzwischen allzuviele Amerikaner identifzieren, und der Wunsch, das privilegierte Prozent in die Arbeiterwelt herabzuholen, ist allgegenwärtig. Michael Patrick King, der Schöpfer von "Sex and the City", führt hier die Feder, diesmal ein bisschen vulgärer. "Wie bitte?", fragt zum Beispiel Max in einer Episode ungläubig, "Dein Vater hat dir ein Pferd zur ersten Menstruation geschenkt? Ich habe das mit einer Schmerztablette und einem halben Bier vom Freund meiner Mutter gefeiert."

"2 Broke Girls" ist unmodern und bodenständig. Und ungeheuer erfolgreich. Mit mehr als dreizehn Millionen Zuschauern pro Episode zählt die Show zu den stärksten Comedys im US-Fernsehen. Hausmannskost funktioniert also auch noch.

"30 Rock"/"The Office"

Noch kein deutscher Starttermin
Offizielle Homepage  Ohne "30 Rock" und "The Office" hätte die Comedy-Revolution im amerikanischen Fernsehen wohl nicht stattgefunden. Die beiden Serien aus den NBC-Studios öffneten der Fernsehkomik radikale neue Horizonte, so wie "Lost" es fürs Seriendrama tat.

2006 führte Tina Fey, die mit einer scharfsichtigen Sarah-Palin-Persiflage bei "Saturday Night Live" zum Star wurde, mit "30 Rock" die Popkultur als Bezugsrahmen ein. "30 Rock" steht für die Adresse der NBC-Zentrale in New York und ist eine NBC-Comedyserie über die Produktion einer NBC-Comedyserie. Die ehemalige "Saturday Night Live"-Chefautorin Fey als Chefautorin Liz Lemon, der Komiker Tracy Morgan als überkandidelter Show-Star Tracy Jordan und Alec Baldwin als NBC-Manager Jack Donaghy spielen Versionen ihrer selbst. Außerdem läutete "30 Rock" den Aufstieg großer, weiblich dominierter Comedyserien wie "New Girl" ein.

Fotostrecke

Comedy-Trend: Freundschaft und Familie auf die harte Tour

Foto: ddp images/ Planet Photos

"The Office" mag bloß die Adaption der gleichnamigen englischen Serie von Ricky Gervais sein, aber sie etablierte seit 2005 den Mockumentary-Stil mit beweglicher Einzelperspektive, peinlichen Schweigesequenzen und der Kamera als zusätzlicher Persönlichkeit im Raum. So macht die Serie den Zuschauer zum Teilnehmer am Arbeitsalltag der Dunder Mifflin Paper Company, zum Zeugen der ungeschickten, aber ambitionierten Unternehmensführung durch Michael Scott (Steve Carrell). Und sie machte den Nerd zum Helden einer gnadenlos realistischen, von allem Hollywood-Glamour befreiten Welt.

Ironischerweise war es die Kinokarriere ihres Hauptdarstellers, die "The Office" zur erfolgreichsten NBC-Comedyserie und Carrells Michael Scott zur Ikone werden ließ. Mit seinem Abgang am Ende der siebten Staffel im vergangenen Jahr sind die besten Zeiten von "The Office" aber wohl vorüber.

Für "30 Rock" dagegen beginnt die sechste Staffel im Januar - mit neuer, verschärfter Konkurrenz um die Comedy-Fernsehpreise.

Offizielle Homepage von "The Office" 
Offizielle Homepage von "30 Rock" 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.