Neuer "Polizeiruf" mit Matthias Brandt München? Zum Morden!

Schönes dreckiges München, wo bist Du geblieben? Dominik Graf baut um den neuen "Polizeiruf"-Ermittler Matthias Brandt einen aggressiv wehmütigen Stadtkrimi. Die Handlung ist ein Witz, findet Christian Buß - dafür erstrahlt die Sauber-Sauber-Metropole in einem verführerisch düsteren Glanz.

BR

Oje, die Leopoldstraße. Mit einem riesigen Stoßseufzer führt die alte Polizistin den zugezogenen jungen Kollegen durch Schwabing, das in den Sechzigern und Siebzigern so schöne dreckige und erotisch vibrierende Herz der Stadt. Und jenes innerstädtische Quartier in Deutschland, so muss man hinzufügen, an das in Sachen Verklärung höchstens noch Hamburg-St. Pauli heranreicht.

Die alte Kommissarin Serrano also (von Doris Kunstmann mit wunderbar rauchiger Stimme gespielt) zeigt dem Neuen, Kommissar Hanns von Meuffels ( Matthias Brandt), wo es früher abging. Wo man in gut sortierten Plattenläden die Typen aufriss, um ihnen zu Hause die neuesten Rocksongs vorzuspielen, um dazu dann ins Morgengrauen zu vögeln; wo man bis spät in die Nacht vor den Kneipen saß und diskutierte; wo die Schwulen, die noch nicht heiraten durften, mit lustigen Aktionen die Gegend aufmischten. Darauf erstmal 'ne Packung Zigaretten.

Und heute? Da, so meint zumindest die Schwabing-Veteranin Serrano, regiert das neue Spießertum; da haben die großen mächtigen Brauereien den letzten Funken Individualität und Anarchie aus den raucherbefreiten Kneipen verdrängt; da bevölkert "Jungvolk mit Kinderwagen, das Mitgebrachtes aus biologischem Anbau verspeist", die öffentlichen Plätze des Stadtteils. Willkommen, so die Alte, im "München der Babyscheiße"! Kurz darauf fällt ihr Blick angeekelt auf eine Familie, die aussieht wie aus der Heim-und-Herd-Glamourpostille "Nido": Sohn, Tochter, Mama, Papa - alle ganz lässig mit Fahrradhelm.

Das neue saubere München? Eklig!

Wir unterstellen hier mal: Dieser angeekelte Blick auf das neue, das aufgeräumte München ist der von Regisseur Dominik Graf. Der ist bekanntlich nicht gerade der Typ, der seine Filme mit Fahrradhelm oder anderen Sicherheitsmaßnahmen dreht. Graf, der nächstes Jahr 60 wird und ästhetisch im alten Schwabing sozialisiert wurde, ist ein hemmungsloser Melancholiker. Auch wenn man das seinen gewalthaltigen, bewegungsreichen Krimi-Szenarien mit ihren schnellen Schnitten und irren Zooms meist nicht ansieht. Doch egal, ob er nun vom Überlebenskampf eines West-Berliner Luden erzählt ("Hotte im Paradies", 2003) oder ein Panorama über die osteuropäische Mafia und ihren Generationenwandel entwirft ( "Im Angesicht des Verbrechens", 2010), - Wehmut schwingt bei ihm immer mit.

Gewalt und Melancholie - das ergibt eine riskante Dialektik. Die ist nicht von jedem Schauspieler zu schultern. Da hat Graf Glück, dass er die Pilotfolge für den neuen Münchner "Polizeiruf 110" drehen durfte, in dem Matthias Brandt fortan den Ermittler geben wird. Brandt gehört zu jener seltenen Art Schauspieler, die im unaufgeregten Spiel unterschiedlichste Empfindungen zusammenbringt, ohne dass einem das als Widerspruch erscheint. So einer kann sich in seiner Rolle auch treten und beleidigen lassen, ohne schwach zu wirken.

Im "Polizeiruf" gibt er nun den adeligen Ermittler und Neu-Münchner Hanns von Meuffels, einen kultivierten Grenzgänger, der schon deshalb gut geeignet ist, in die Tiefen des Verbrechens vorzustoßen, weil er einstecken kann, ohne gleich zu Boden zu gehen. Seine neuen Kollegen nennen ihn in der ersten Folge mit dem schönen Titel "Cassandras Warnung" zum Beispiel "Lord Kacke", Verdächtige beschimpfen ihn als"nett lächelnde Heinz-Rühmann-Fresse", und in einem extrem langen Clinch wird er von einer Zwei-Meter-Transe vermöbelt.

Ein Konfrontationskurs, der in der zweiten Meuffels-Episode übrigens noch einmal verschärft wird - was zu einigen Turbulenzen beim verantwortlichen Bayerischen Rundfunk (BR) führte. Die von Hans Steinbichler verfilmte "Polizeiruf"-Folge "Denn sie wissen nicht, was sie tun" sollte eigentlich am Sonntag 25. September zur gewohnten "Polizeiruf"-Zeit um 20.15 Uhr gezeigt werden, wurde dann aber von der Jugendschutzbeauftragten des BR beanstandet, weshalb der Krimi jetzt an einem Freitag (23. September) um 22.00 läuft.

Saufen, kiffen, Limbo tanzen

Wieviel Gewalt darf also ein "Polizeiruf" enthalten? Wie sich Brandt als Hanns von Meuffels in Wollweste und knitterfreiem Trenchcoat in "Cassandras Warnung" durch die weniger appetitlichen Seiten des aufgehübschten Münchens schlägt, wurde immerhin nicht moniert - und ist eine Wonne anzuschauen: kultiviert schreitet der neue Ermittler in der ersten Folge in den Abgrund.

Eine mit wunderbaren Szenen gespickte Abwärtsbewegung, bei der Regisseur Graf und Autor Günter Schütter (haben zusammen auch die legendäre Münchner "Tatort"-Episode "Frau Bu lacht" gedreht) allerdings oft den Plot aus den Augen verlieren; die Who-done-it-Konstruktion ist allzu leicht durchschaubar, die Auflösung ein schlechter Witz.

Es geht um einen Polizisten aus dem Ermittlungsbereich Organisierte Kriminalität (Ronald Zehrfeld), dessen Ehefrau (Alma Leiberg) offensichtlich von einer seiner Ex-Geliebten bedroht wird. Von Meuffels und sein Team stellen das Paar nun unter Schutz, auch wenn die ominöse Geliebte immer gesichtsloser wird. Um von dem und über den bedrohten Kollegen Informationen zu kriegen, macht der eigentlich etwas zugeknöpfte Meuffels jede Lockerungsübung mit: Es wird sehr viel geraucht, getrunken, gekifft, notfalls auch Limbo getanzt.

Ein ziemlich leger eingeflochtener Nebenstrang der Handlung führt zu einem zwei Jahrzehnte zurückliegenden Kindsmord - und München-Neuling Meuffels in ein weiteres komplett umgemodeltes Münchner Viertel, wo gerade eine Sozialbausiedlung namens "Himmelsheim" ausradiert und begrünt wurde. Die Schandflecken müssen weg, München will noch schöner werden.

Die alte Polizistin Serrano erinnert sich beim Gang über die Grünflächen, wo einst "Himmelsheim" stand, an eine der damaligen Bewohnerinnen: "Es war früh mit ihr aufs Ende zugegangen: Alkohol, Rauchen, Pommes." Eine Aufszählung, die vor dem Hintergrund der Münchner Komplettsarnierung zur Sauber-Sauber-Metropole in diesem aggressiv wehmütigen "Polizeiruf" wie die Erinnerung an eine bessere Zeit klingt.

"Polizeiruf 110: Cassandras Warnung", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
thomas l. 19.08.2011
1. Bitte nicht noch mehr Barzie Mist!
Das kan doch nicht im Sinne der Gebührenzahler sein?! 16 Bundesländer hat Deutschland 16!
beobachter1960 19.08.2011
2. .
Gibt es für so verquere Sendungen nicht das "kleine Fernsehspiel"? Warum kann ein Krimi nicht einfach ein Krimi sein?
scanfix99 19.08.2011
3. 911
Zitat von thomas l.Das kan doch nicht im Sinne der Gebührenzahler sein?! 16 Bundesländer hat Deutschland 16!
Und was genau ist jetzt das Problem? I.Ü. ist es ziemlich anmaßend für "Alle" sprechen zu wollen.
joschitura 19.08.2011
4. Offensichtlich nix für schlichte Gemüter...
Zitat von beobachter1960Gibt es für so verquere Sendungen nicht das "kleine Fernsehspiel"? Warum kann ein Krimi nicht einfach ein Krimi sein?
Tja, warum kochen die Leute was raffiniertes? Warum kann Essen nicht einfach nur Pommes Rotweiß sein? Und jetzt mal aufgepaßt: nicht jede Sendung, die man nicht versteht, ist deswegen schon "verquer" - mir fällt da immer Lichtenberg ein dazu, der hat (sinngemäß zitiert)gesagt:"Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, muß das ja nicht am Buch liegen..."
hauptkommissartauber 19.08.2011
5. Tauber und Obermeier waren unschlagbar.
Jeder Versuch, Nachfolger für diese beiden zu finden, ist zum Scheitern verurteilt.
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