Neuer RTL-Krimi "Countdown" Keine Angst, der will nur flirten!

Einen "rasanten Wettlauf gegen die Zeit" verspricht RTL mit seiner neuen Krimireihe "Countdown". Von Tempo und Innovation ist in der Serie zwar nicht viel zu sehen. Dafür hat man als Hauptdarsteller den führenden Til-Schweiger-Doppelgänger zu bieten - und der kann sogar ein bisschen spielen.

Von Christian Bartels


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"Countdown": Der Date-Kommissar
Eine Höchstschwangere flieht vor einem intensive Cowboyblicke werfenden Mann mit Schusswaffe durch den Wald. Als er sie einholt... springt die Handlung erst einmal fünfundzwanzigeinhalb Stunden zurück, auf exakt 7.13 Uhr am Morgen davor: So beginnt am Donnerstagabend die neue Serie "Countdown", mit der sich RTL (nach der spanischen Originalidee "Cuenta Atras") mal wieder an einen deutschen Krimi heranwagt.

Wie die Sache mit der flüchtenden Schwangeren und ihrem finsteren Verfolger ausgeht, erfährt man erst 40 Minuten (zuzüglich Werbung) später. Zwischendurch wird in Bruchstückchen erzählt, dass die Frau die einzige Zeugin ist, die ihn, einen Killer, identifizieren könnte, und dass sich beider Beziehung in Wahrheit doch erheblich komplizierter verhält.

Dass eine rückblendenreiche Krimihandlung außer im Raum auch in der Zeit umherspringt, ist allerdings ist nicht halb so neu, wie RTL tut, wenn es von "unverwechselbarer Erzählstruktur" und "rasantem Wettlauf gegen die Zeit" spricht. Rasanzeindruck stellt sich bloß im Vergleich mit dem öffentlich-rechtlichen Krimi-Output ein. Schließlich ist das Personal jünger (um die 30!), die Untermalungsmusik etwas rockiger, und mitunter blitzt für deutsche Krimiverhältnissen relativ freiwilliger Humor auf. Zum Beispiel wenn Kriminaloberkommissarin Leonie den Kollegen Brenner, der am Morgen nicht zum Dienst erschien, in seiner unordentlichen Wohnung abholen will und sich gleich wieder am Tatort eines Gewaltverbrechens wähnt, so dass sie die Pistole zückt. Dann entpuppt sich das Rote auf dem Bettlaken als Rotwein, den der Kriminalhauptkommissar mit nicht nur einer Dame nachts verschüttet haben muss.

Dieser Kommissar Brenner hat leider nichts mit dem gleichnamigen Privatdetektiv aus Wolf Haas' bösen österreichischen Krimis zu tun, aber dafür allerhand mit Til Schweiger: Darsteller Sebastian Ströbel ("Siehst Du Mich", "Abgefahren - Mit Vollgas in die Liebe") ist der führende Schweiger-Lookalike des deutschen Fernsehens und dabei der etwas vielseitigere Schauspieler. Er versteht verführerisch lieb zu lächeln, aber auch kühn über Balkone hinabzuspringen, um dann auf der Straße Gangstern hinterherzurennen. Und wann immer er jungen Zeuginnen begegnet, tauscht er Telefonnummern aus ("Falls Dir was einfällt, ruf mich an. Falls nicht, dann auch").

Ein wenig Sex kommt auch vor

Seine etwas erwachsenere Kollegin Leonie spielt Chiara Schoras. Sie beweist, dass sie sich in ihrer bisherigen Reihenkrimi-Rolle als Assistentin des pseudofranzösischen "Kommissars LaBréa" (ARD) weit unter Wert verkauft hat. Leonie und Brenner verbindet eine frühere, aber noch nicht abgeschlossene Liebesgeschichte. Das ist das einzige durchgehende Element der Serie. Ansonsten wird in jeder 45-Minuten-Folge ein Kriminalabenteuer sauber abgeschlossen und dabei auch ausführlich erklärt, wie alles zugegangen ist.

So handelt es sich um leicht unkonventionelle Kommissare in einem konventionellen, wendungsreichen Rede- und Rätselkrimi, in dem visuell beinahe so viel los ist wie in jedem aktuellen US-Krimi: Bei einigen Arten von Rückblenden flasht es geräuschuntermalt, gern springt die Kamera heran oder weg, mitunter kreist sie intensiv um die beratschlagenden Kommissare, bevor sie auf ein Gesicht zuschießt, das wichtig wird. Weil außer vergleichsweise unverbrauchten Kölner Kulissen auch in kleineren Rollen eine Menge interessanter Gesichter auftauchen, ergeben solche Manöver durchaus Sinn.

Wenn der Allerweltskrimi also in der Krimiflut von ARD und ZDF auftauchte, würde man "Huch!" sagen - auch weil ein wenig Sex vorkommt und Kommissar Brenner es mit dem Wortlaut des Gesetzes nicht immer ganz genau nimmt (zum Beispiel, wenn entzückend lächelnden jungen Frauen etwas vorgeworfen werden könnte). In Machart und Tempo jedoch ist "Countdown" keine Spur innovativ. Da andererseits mit dem Auslaufen der ZDF-Serie "KDD" (derzeit dienstags auf Arte) das bescheidene Innovationsniveau des deutschen Fernsehkrimis ohnehin weiter absinkt, bewegt "Countdown" sich auf der niedrigen Höhe der Zeit.

Bleibt die Frage, wie die Serie beim Publikum des immer noch schmerzfreieren Fremdschäm-Senders RTL ankommen wird, das bei deutschen Krimis eigentlich jede Menge Auto-Explosionen und Kampfkunstklamauk à la "Alarm für Cobra 11" und "Lasko" zu erwarten gewohnt ist. Hier dürfte der Erfolg mit der Frage stehen und fallen, ob die weibliche Zielgruppe dem sexy Kommissar seine Schweiger-Haftigkeit abkauft. Das würde erstaunen. Aber Til Schweigers Publikumserfolge erstaunen ja auch immer wieder.


"Countdown", Donnerstag, 21.15 Uhr, RTL



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
semper fi, 14.01.2010
1.
Zitat von sysopEinen "rasanten Wettlauf gegen die Zeit" verspricht RTL mit seiner neuen Krimireihe "Countdown". Von Tempo und Innovation ist in der Serie zwar nicht viel zu sehen. Dafür hat man als Hauptdarsteller den führenden Til-Schweiger-Doppelgänger zu bieten - und der kann sogar ein bisschen spielen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,671863,00.html
Seit ein oder zwei Wochen wird diese Sendung von RTL in verschiedenen Printmedien beworben. Hübsche Polizistin und staatlicher Polizist - meilenweit von der deutschen Realität entfernt. Das muss man sich nicht antun. Dann lieber gleich die Anschlusssendung CIA Miami.
arnidee, 14.01.2010
2. vor dem Start abgeschmiert ...
Wen wundert es noch, wenn die, die sich für das 'relevant set' halten, stets die viel besseren US-Serien im Munde führen. Wenn jeder Versuch, es anders zu machen, sofort auf derartige Häme der SPIEGEL- und (Medien-)Stammtischkritik stösst, dann wird kein noch so spannweitenmächtiger Albatros es schaffen, nach mitunter holprigem Start in die Luft zu kommen. Nein, ich habe 'Countdown' noch nicht gesehen, aber die TV-Produktion mit dem 'Til-Schweiger-Double', täte, wie andere, gut daran, wie Schweiger mit der Journaille umzugehen: keine Vorab-Präsentationen mehr, stattdessen allenfalls Publikumstests. In einigen Dingen sind uns die Amerikaner offensichtlich tatsächlich voraus: sie geben Neustarts eine Chance und geben nicht so viel auf Medienkritik. Deshalb haben sie wohl auch ein paar gute Serien ....
yogibimbi 15.01.2010
3. Schweiger-Fetisch?
Also, irgendjemand hat da doch immer noch einen Schweiger-Fetisch. Der Mann macht einfach Filme, die offenbar ankommen, warum es ihm neiden? Soll er etwa den intellektuellen Überflieger mimen und dabei kommerziell auf die Schnauze fallen? Das macht doch einfach keinen Spass. So, jetzt habe ich was zum Thema Schweiger geschrieben, dabei sollte die Kritik ja eigentlich über ein Programm gehen, wo Herr Schweiger nicht mal mit den Zehenspitzen drin vorkommt...
LePromeneur 15.01.2010
4. Countdown
...erstaunlich, dass die "geistreichen und kompetenten" Beiträge von C. Bartels überhaupt noch Beachtung finden!
qype 15.01.2010
5. Leider schlecht!
Ich habe den "Serienstart" gesehen - m.E. werden nicht einmal die abgedrehten ersten 8 Folgen ausgestrahlt werden. Schade um Chiara Schoras (Kriminaloberkommissarin Leonie Bongartz) sich für so einen Müll hergegeben zu haben, ich schätze sie sehr. Naja, wieder etwas für den RTL-Müllcontainer.
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