Zukunft der ARD Auch digital das Erste?

Das "Tatort"-Team um Jasna Fritzi Bauer geht vorab digital auf Sendung, Prestige-Serien wie "Oktoberfest 1900" sind zuerst online zu sehen: Die ARD will "größtes frei zugängliches Streamingangebot" sein.

Das neue Bremer "Tatort"-Team: Jasna Fritzi Bauer (l.), Luise Wolfram und Dar Salim
Georg Wendt/ DPA

Das neue Bremer "Tatort"-Team: Jasna Fritzi Bauer (l.), Luise Wolfram und Dar Salim


Einen 44-prozentigen Anteil von Informationsprogrammen, hohe Glaubwürdigkeit laut einer WDR-Studie und eine "verdammte Verantwortung für den Geisteszustand dieser Republik" bescheinigte ARD-Programmdirektor Volker Herres seinem Sender bei der Vorstellung des Jahresprogramms 2020 in Hamburg. Neben der erprobten Methode, "die emotionale Kraft des Fiktionalen in Kombination mit Dokus oder Talk einzusetzen", kündigte Herres an, die ARD werde künftig "mehr und mehr Sendungen vorab online stellen". Schon auf der Intendanten-Tagung letzte Woche, hatte Herres gesagt, dass die Mediathek als Streaming-Plattform fungiere solle.

Das lineare Fernsehen sei "immer noch dominant", es gelte aber, "in der digitalen Welt präsenter" zu werden. "Mit großer Wucht" werde man das Projekt angehen, Inhalte auch exklusiv für die Mediathek zu produzieren. Diese, so Fernsehfilm-Koordinator Jörg Schönenborn, sei schon jetzt "das größte frei zugängliche Streamingangebot in Deutschland".

Im Bereich Information nannte Chefredakteur Rainald Becker den Klimawandel, 75 Jahre Kriegsende und die Wahlen in den USA als zentrale Themen des kommenden Jahres. So wird "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni für die Doku "Meine amerikanische Familie und ich" durch die Vereinigten Staaten reisen und der Zerrissenheit des Landes unter Donald Trump nachspüren.

Zu 75 Jahre Kriegsende plant der Sender im zweiten Quartal ein multimediales "Oral-History-Projekt", in dem die letzten Zeitzeugen zu Wort kommen sollen. Im Zentrum dieses Schwerpunkts steht die Dokumentation "Kinder des Krieges" von Jan Lorenzen. Außerdem wurden die Dokumentarfilme "Das Forum" von Marcus Vetter über die Weltwirtschaftskonferenz in Davos angekündigt sowie "Die Grünen und die Macht" über die vor 40 Jahren gegründete Öko-Partei.

Kampf der Bierbrauer

Im fiktionalen Bereich wurden vier zeitgeschichtliche Stoffe vorgestellt, die unter dem Label "Große Geschichte(n) im Ersten" laufen und allesamt in der Mediathek Premiere feiern sollen: Der Dreiteiler "Unsere wunderbaren Jahre" (Regie: Elmar Fischer) erzählt nach dem Roman von Peter Prange eine Familiengeschichte im Nachkriegsdeutschland, "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt behandelt in ebenfalls drei Teilen einen über 30 Jahre ungelösten Kriminalfall. Der Zweiteiler "Der Überläufer" nach Siegfried Lenz wurde von Florian Gallenberger adaptiert; der Sechsteiler "Oktoberfest 1900" (u. a. mit Martina Gedeck, Maximilian Brückner, Misel Maticevic) handelt vom Kampf zweier Brauerei-Clans im München des Jahres 1900.

Zur neuen Online-Strategie passt, dass sich auch das neue Bremer "Tatort"-Ermittlerteam um Jasna Fritzi Bauer noch vor der ersten linear ausgestrahlten Folge in der ARD-Mediathek präsentieren wird: mit der sechsteiligen Mockumentary "How to Tatort", die den Weg vom Casting bis zum Dreh satirisch überspitzt nachzeichnet. In Sachen "Tatort" steht 2020 außerdem das 50-jährige Jubiläum der Krimireihe an: Zu diesem Anlass produzieren BR und WDR einen zweiteiligen Fall, in dem die Teams aus Dortmund und München erstmals gemeinsam ermitteln. Regisseure des Crossovers: Dominik Graf und Pia Strietmann.

Experimentell gibt sich sogar auch die ARD-Filmproduktionsfirma Degeto: Mit "Der Feind - Recht oder Gerechtigkeit" nach Ferdinand von Schirach soll ein Kriminalfall aus zwei Perspektiven erzählt werden - in zwei Filmen, die zeitsynchron im Ersten und in den Dritten Programmen laufen sollen. Mit der Oliver-Berben-Produktion - in den Hauptrollen: Bjarne Mädel und Klaus Maria Brandauer - wolle man dazu beitragen, das Verständnis der Zuschauer dafür zu erhöhen, "dass man eine andere Meinung haben kann", so Degeto-Geschäftsführerin Christine Strobl.



insgesamt 4 Beiträge
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mimas101 03.12.2019
1. tststs
Dachte ich mirs doch: Jetzt kommt unverlangt die strunzlangweilige Einheitssoße auch schon angestromert. Das Einstellen in die ARD Mediathek hätte es auch getan. Da paßt das ewigliche Wiederkäuen von längst bekanntem bestens rein. Übrigens - ich möchte den sehen der mit 2MB/sec DSL, möglichst noch per Volumentarif, sich das reinzieht. Das wird für Nichtflatrate-Nutzer ein überflüssig teures Vergnügen. Unter Einbeziehung des GEZ-Zwangs, und der Tatsache das die Übertragungstechnik mit über die Gebühren abgedeckt ist, müßte die ARD daher jedem monatlich 60 DM (Flachrate) für das Internet überweisen, Mobil & Co bei weitem höher.
HerbertMayer 03.12.2019
2. ARD-Mediathek: "digitale Kurzwarenabteilung"
Die Mediathek der ARD ist für mich ein ungeordnetes Sammelsurium, in dem man etwas genau so schnell findet, wie in einer kaufhäuslichen Kurzwarenabteilung. Möchte man gegen 20:30h die Tagesschau von 20:00h sehen ist das offensichtlich nicht möglich - als letzte Ausstrahlung wird die von 17:00h angeboten - egal ob "pure" ARD Mediathek oder Tagesschau-App. Hat man sich nach verschiedenen Suchanläufen damit abgefunden und möchte nun den 20:15h angefangenen Tatort sehen, findet man leider nur einen Trailer und verschiedene "making-of". Auch wenn die "Arbeitsgemeinschaft" auf verschiedenen Partnern besteht, die sicher schwer unter einen Hut zu bringen sind, ist die Mediathek des ZDF soweit aufgeräumter, dass man durchaus was findet...
ripley99 gestern, 06:59 Uhr
3. Wow...
Was da alles angekündigt wird, macht das ZDF schon seit gefühlt 10 Jahren ganz selbstverständlich. Aber besser spät als nie. Jetzt bitte noch das Thema Depublizieren angehen.
moriar gestern, 10:28 Uhr
4. ARD, die schlechteste
Mediathek im Angebot. Aktuelle Serien, wie z.b. Dr. Who sind nur eine Woche nach Ausstrahlung zu sehen, alte Folgen älterer Staffeln aber viel länger. das sieht alles sehr ungewohnt und lustlos aus. die schon nicht benutzerfreundliche Mediathek des ZDF ist da bereits besser und die ist auch unter aller Kanone. warum ist nicht der gesammte Inhalt immer abrufbereit?
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