Spott über ZDF-Show "New York Times" lästert über "Wetten, dass..?"
Hamburg - "Stupid German Tricks, Wearing Thin on TV" ist der Artikel betitelt, der am Mittwoch auf der Webseite einer der weltweit einflussreichsten Zeitungen veröffentlicht wurde. Doch statt wie üblich über Angela Merkel zu berichten, widmet sich Nicholas Kulish, der Berlin-Korrespondent der "New York Times", dieses Mal der deutschen Kultur. Genauer: der deutschen Fernsehkultur. Noch genauer: "Wetten, dass..?".
Kulish sieht die Diskussion über die Show als Teil einer größeren Problemlage: Warum hat Deutschland, trotz großer literarischer und filmischer Traditionen, den Anschluß an anspruchsvolle, komplexe Fernsehformate nicht geschafft? "Wetten, dass..?" nimmt er dabei als Gradmesser für die allgemeine Zuschauer-Zufriedenheit - und sieht die Kritik an der Show als Kern der Qualitätsdebatte über das hiesige öffentlich-rechtliche Fernsehen. Denn obwohl die TV-Landschaft von Reality-Shows wie "Dschungelcamp" und "Germany's Next Topmodel" geprägt sei, sei das Gejammer beim Thema "Wetten, dass..?" eben am lautesten.
In dem Artikel bekommen alle - Markus Lanz, die Wetten und auch die Live-Dolmetscher - ihr Fett weg. Vor allem über das Herzstück der Show, die Wetten, mokiert sich Kulish: "Schrullig" nennt er sie und vergleicht sie mit "Stupid Human Tricks", einem bekannten Element aus David Lettermans "Late Night Show", das allerdings dort eine weniger große Bedeutung hat - und ironisch gemeint ist.
Lanz - ein "fleißiger Schuljunge"
Die wegen seltsamer Wetten und dem bisweilen ungelenk agierenden Neu-Gastgeber Lanz zuletzt zu beobachtenden, irritierten Reaktionen von Hollywoodstars, die auf der "Wetten, dass..?"-Couch Platz nahmen, scheinen Kulish besonders zu amüsieren. So habe Tom Hanks elend ausgesehen, als er - mit Katzenhut auf dem Kopf - verfolgen musste, wie Moderator Lanz in einem Sack um ihn herum hopste. Auch den vernichtenden Kommentar des Oscar-Preisträgers - in den USA würden die Verantwortlichen für so eine Show gefeuert werden - wiederholt Kulish genüsslich.
Lanz selbst muss in dem Artikel mit eher wenig Platz auskommen - und ohne ein Zitat. Er scheint sich für den US-Journalisten hauptsächlich durch eifrigen Einsatz hervorzutun; ein "fleißiger Schuljunge", wie Kulish die deutsche Kritik zusammenfasst. Mit seinen "ausgefallenen Anzügen" und seinem Hang zur Exzentrik beschreibt er Thomas Gottschalk hingegen als einen der größten Stars Deutschlands.
Negativ fiel Kulish auch der Dolmetscher auf, den das ZDF für Denzel Washington einsetzte. Seine Stimme habe gewirkt wie ein "körperloses Echo", das sogar dann mit "Ja" oder "Nein" geantwortet habe, wenn Washington nur genickt oder mit dem Kopf geschüttelt habe. Der Artikel greift auch die in Deutschland häufig laut werdende Kritik auf, "Wetten, dass..?" sei die hohen Produktionskosten nicht wert - zumal die neue Rundfunkgebühr ja nun von allen deutschen Haushalten gemeinsam bezahlt werden müsse. Das Roadshow-Konzept führe dazu, dass eine riesige Crew das Set vor jeder Vorstellung neu errichten müsse - in Deutschland und sogar auch im Ausland.
Neben mehreren deutschen Medien - auch DER SPIEGEL wird ausgiebig zitiert - kommt in dem "NYT"-Artikel auch Film- und TV-Regisseur Dominik Graf zu Wort, als einziger Branchenmacher. Er erklärt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zwar einem hohen künstlerischen Anspruch gerecht werden müssten. Doch um die eigene Finanzierung zu rechtfertigen, schielten die Verantwortlichen zugleich immer auf die Einschaltquoten.
Die Frage, wie lange "Wetten, dass..?" in dieser Form noch weiterbestehen kann, wird nun also sogar in New York gestellt.
"Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz und Assistentin Cindy aus Marzahn: Nun kennt man die beiden selbst in den USA! Denn ein Artikel in der "New York Times" analysiert das kriselnde Wett-Spektakel als Symbol für die deutsche Fernsehkultur. Und für deren Niedergang.
Besonders amüsiert hat sich Nicholas Kulish, Berlin-Korrespondent der "New York Times", offenbar über die irritierten Reaktionen von Hollywoodstars, die auf der "Wetten, dass..?"-Couch zuletzt Platz nahmen - so wie Denzel Washington, der im Januar bei Lanz zu Gast war.
Hollywoodstar Washington und der deutsche Comedian Ralf Schmitz: Ist das lustig? Oder nur komisch?
Lanz und Washington: Seltsame Wetten und ein bisweilen ungelenk agierender Neu-Gastgeber Lanz - so nimmt man den deutschen Show-Tanker offenbar mit den Augen eines US-Journalisten wahr.
Halle Berry, Tom Hanks - und Oliver Welke. Nach der November-Ausgabe der Show sagte Hanks dem RBB-Sender 88,8, noch nie zuvor habe er sich gewünscht, dass etwas schneller vorbeigehe als der US-Wahlkampf. Ein...
...zumindest nachvollziehbarer Wunsch, denn Hanks musste sich mit einer recht ungewöhnlichen Kopfbedeckung schmücken.
Atze Schröder stieg in der "Wetten, dass..?"-Ausgabe vom November 2012 in den Cindy-typischen rosa Frottee-Strampler, um sie zu vertreten und ihr Grußvideo anzukündigen. Was ein amerikanischer Zuschauer wohl denkt, wenn er so etwas sieht?
Cindy aus Marzahn bei Lanz' erster "Wetten, dass..?"-Sendung in Düsseldorf: Obwohl sie nur 60 Sekunden für ein wackliges Videofilmchen durch ihre Wohnung kroch, Lakritzschnecken in sich hineinstopfte und schließlich verkündete, dass sie jetzt mal aufs Klo robben werde, beherrschte eigentlich sie den Samstagabend. Ob das aber gut ist?
Bringt Farbe in die Sendung: Atze Schröder mit Markus Lanz und der US-amerikanischen Schauspielerin Berry.
Der Artikel in der "New York Times" greift auch die in Deutschland häufig laut werdende Kritik auf, "Wetten, dass..?" sei die hohen Produktionskosten nicht wert - zumal die neue Rundfunkgebühr ja nun von allen deutschen Haushalten gemeinsam bezahlt werden müsse.
In die Kategorie "fleißiger Schuljunge" falle Moderator Lanz - so bringt "New York Times"-Autor Kulish die Kritik hierzulande auf den Punkt.
Der britische Sänger Robbie Williams eröffnete die Show. Und Markus Lanz begleitete ihn auf dem Klavier. Stars hat die Show ja immerhin im Angebot.
Warum hat Deutschland, trotz großer literarischer und filmischer Traditionen, den Anschluss an anspruchsvolle, komplexe Fernsehformate nicht geschafft? Diese von der "New York Times" aufgeworfene Grundsatzfrage ist den "Wetten, dass..?"-Gästen Barbara Schöneberger und Halle Berry vermutlich egal.
Die Berliner Proll-Performerin Ilka Bessin wurde mit ihrer Rolle der Cindy aus Marzahn berühmt. Auch sie hat es übrigens schon zu einem Artikel in der "New York Times" gebracht.
Sieger mit Jojo: Dennis Schleußner wurde im November Wettkönig. Die bisweilen etwas seltsamen Wetten scheinen den "New York Times"-Autor ebenfalls zu irritieren - er vergleicht sie mit einem ähnlichen Element bei David Letterman - das allerdings ironisch gemeint ist.
Ganz schön anstrengend und schweißtreibend: Tupfer, bitte! Lanz schuftet.
Die 400-Meter-Hürden-Wette: Tom Öhler gewinnt mit seinem Trial-Bike gegen den amtierenden deutschen Meister im Hürdenlauf Georg Fleischhauer. Da lohnt sich doch die Rundfunkgebühr!
Gestatten, Lanz. Der Mann war schon der ZDF-Vorzeigemoderator, noch bevor er 2012 "Wetten, dass..?" übernahm.
Wer hätte das damals geahnt? "Wetten, dass..?"-Moderator Thomas Gottschalk und sein Nachfolger Markus Lanz trafen bereits 2005 in der ZDF-Live-Sendung "Gottschalks großer Bibel-Test" aufeinander.
Der Neue und der Alte der großen ZDF-Samstagabend-Show: Lanz mit Gottschalk bei einer "Wetten, dass..?"-Ausgabe im März 2011.
Lanz zu Gast bei Gottschalk im März 2011: Als Moderator von "Wetten, dass...?" werde er das Publikum bestimmt überzeugen, sagte ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut.
Seine ersten drei "Wetten, dass..?"-Sendungen stießen jedoch auf ein geteiltes Echo - Kritiker bemängelten, der Moderator wirke unsouverän. Auch der Quotenerfolg der Debütshow wiederholte sich nicht (hier Lanz in der dritten Ausgabe vom Dezember 2012).
Viele Muskeln, wenig Eleganz: Ein symbolisches Bild für viele Kritiker, die Lanz (hier mit Alfons Schuhbeck und Alexander Herrmann) vorwerfen, zu ehrgeizig an seinen Job heranzugehen, so dass der flockige Show-Spaß flöten geht.
Das bin ja ich! Der Moderator posiert im Hamburger Studio seiner Talkshow "Markus Lanz", die seit 2010 im ZDF läuft.
Politik? Klar, kann der auch! Markus Lanz und Bettina Schausten in der Wahlsondersendung des ZDF zur US-Präsidentenwahl.
Ein Mann für wirklich jede Show: Lanz beim Prime-Time-Format "Das will ich wissen" 2008 im ZDF.
Auch sozial engagiert: Lanz bei einer Quiz-Sendung zugunsten der Welthungerhilfe 2008.
Ausflug ins Reportage-Fach: Lanz bei seinem ZDF-Film "Wettlauf zum Südpol", der 2010 ausgestrahlt wurde.
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