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ARD-Kinderbuchverfilmung: Flieg, Bengel, flieg!

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"Nils Holgersson" in der ARD Gans oder gar nicht

Das Weihnachtsglück mit Gänsen muss nicht immer nur aus dem Backofen kommen: Zu den Feiertagen legt die ARD eine Aktualisierung des Kinderbuchklassikers "Nils Holgersson" vor, die mit Ironie und subtiler Tricktechnik die poetische Vorlage ergänzt. Ganz großes Gänse-Kino.
Von Nikolaus von Festenberg

Tiere und Kinder sind bei Regisseuren und vor allem bei Produzenten gefürchtet: Sie halten sich nicht unbedingt an szenische Anweisungen, ihre Leistungen sind unberechenbar, das Risiko ist immer mit am Set. Der NDR hat vor Weihnachten ein Making-of zu einer der aufwendigsten Jugendfilmprojekte gezeigt, das je unternommen wurde: die 230 Minuten lange Verfilmung des legendären Romans von Selma Lagerlöfs "Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" über einen Jungen, der Tiere quält, in einen Gnom verwandelt wird und auf dem Rücken einer Gans nach Norden reist. Ein Stoff also, bei dem reichlich auf Kinder und Tiere gesetzt werden musste. Das Erste zeigt den Zweiteiler am ersten und zweiten Weihnachtstag.

Der Drehbericht erzählte nun von den Mühen der Tiertrainer und Filmschaffenden: Gänse sind dabei noch relativ pflegeleichte Stars. Spätestens seit den Erkenntnissen des Verhaltensforschers Konrad Lorenz weiß ja jeder, dass das aus dem Ei schlüpfende Gänseküken dem zuerst erblickten Lebewesen - und sei es ein Mensch - als treu ergebenes Tierkind hinterherläuft.

Aber Füchse? Oje! Lagerlöfs Bösewicht heißt Smirre, und der spielt im Film eine Hauptrolle. Die schlauen Tiere - man braucht am Set immer mehrere Exemplare - sind schauspielerisch Problemfälle. Die Trainer zogen drei Tiere vom Babyalter an mit der Flasche auf. Aber die blieben trotz Gewöhnung an den Menschen misstrauisch. Da half den Trainern das Internet: In Novosibirsk züchtet man seit 50 Jahren Füchse, um sie zu zähmen - mit den aus Sibirien importierten Kuschel-Reinickes ließ sich also das Besetzungsproblem lösen.

Das Internet stellen hier die Maulwürfe

So sorgsam wie die Auswahl der Tiere war die Arbeit mit dem Romanstoff für das Fernsehen. Die ausgebildete Grundschullehrerin und 1910 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Lagerlöf erfüllte mit ihrem Holgersson-Roman einen Auftrag der schwedischen Schulbehörde. Pädagogisches Ziel war außer der Erziehung zu Anstand und Tierliebe die Beschreibung der unterschiedlichen Landschaften des skandinavischen Landes. Deshalb benutzte das Schulmärchen die geografisch nützliche Vogelschau vom Gänserücken herab, deshalb ist der Roman von der Lust an Beobachtung geprägt, deshalb bleibt das Verhältnis zwischen Abenteuerspannung und (nie moralinsaurer) Belehrung ausgewogen.

Ein Fernsehen, das junge Menschen fesseln soll, gehorcht der Unterhaltung, darf aber nicht im Ansatz schulmeisterlich daherkommen. Es muss sein Publikum in der Gegenwart abholen, aber den Kern des Romans bewahren. Und der ist auch heute, im Zeitalter hektischer Psychologisierung und melodramatischer Reizüberflutung, äußerst modern: Nils Holgersson bestärkt voller erzieherischem Optimismus den Mut junger Menschen, der Natur beim Erwachsenwerden zu vertrauen. Das braucht längeren Atem, als ihn die übliche TV-Schnipselwelt zur Verfügung stellt.

Der Regisseur Dirk Regel, dessen zeitaktuelle jüdische TV-Liebesgeschichte "So ein Schlamassel" gerade auf Festivals überall auf der Welt gefeiert wurde und der sich mehr als drei Jahre mit dem Holgersson-Projekt beschäftigte, hat mit dem Autorenteam einige flotte Aktualisierungen in die Erzählung gebracht - ohne dabei jemals die poetische Vorlage zuzulärmen: Ein Internet aus leibhaftigen Maulwürfen erleichtert hier zum Beispiel die Kommunikation. Den Troll (Hanns Zischler) behelligt die berufsständische Bürokratie der zauberhaften Gnome: Der Kabarettist Kurt Krömer spielt den Sekretär Formula, der, wie es sein Rollenname besagt, nervig Termindruck verbreitet.

Mitfliegen ist nur eine Frage der Phantasie

Die Handlung ist indes entwicklungsmäßig in Richtung Pubertät vordatiert: Das verliebte Mädchen Asa (Pauline Rénevier) reist dem verschollenen Gänserückenpassagier Nils (Justus Kammerer) in Richtung Norden nach. Und nein - das ist keine freche Erotisierung eines Stoffes aus der Kinderwelt, sondern zeigt dank der Darsteller eine Zuneigung von bezaubernder Unschuld.

Das Wichtigste, was sich über die Tricks der Animation sagen lässt: Nichts fällt auf, alles dient der Story. Immer bleibt der Film auf der realen Ebene. Gans bleibt immer Gans, Mensch, ob fliegend oder gnomenhaft, immer Mensch. Dass in manchen Großaufnahmen in den sprechenden Tieren Puppenspielerhände stecken, in anderen Szenen die originalen Tiertrainer-Tiere agieren - man merkt es kaum. Regisseur Regel hat ein genaues Gefühl für eine dienende Technik. Manchmal, besonders wenn Nils auf seinem Gänse-Freund Martin hinter Leitgans Akka von Knebnekaise herdüst, lässt er bildnerische Selbstironie zu: Der Zuschauer wird daran erinnert, dass eigentlich alles im Film Illusion ist.

Wer je mit Kindern zusammen Kinderprogramme gesehen hat, der ist vor allem von den Schauspielern begeistert, die die Tierrollen sprechen. Dem treuen, ewig verunsicherten und ein bisschen begriffsstutzigen Gänserich Martin leiht Bastian Pastewka seine Stimme. Den Fuchs spricht Udo Schenk, die Schnuckelgans Daunenfein herzzerschmelzend Yvonne Catterfeld und die Gänsearistokratin Akka Katja Riemann.

Was für eine Wohltat, wenn eine Schauspielerelite den Off-Ton angibt und nicht die Knattermimenschar des üblichen Synchrons, aus der man die kostensparende Lieblosigkeit so mancher Kinderproduktion heraushören kann. Kein Disney-Kitsch versüßt die Tiergesichter und lenkt die Einfühlung.

Wenn Akka dem rückverwandelten Nils Lebewohl sagt, hat der Zuschauer das Gefühl, in tränende Gänseaugen zu blicken. Aber das ist nur die eigene Phantasie.


"Nils Holgerssons wunderbare Reise", Teil eins: erster Weihnachtstag, 16.00 Uhr / Teil zwei: zweiter Weihnachtstag, 16.15 Uhr, ARD

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