NRW-Debatte bei Plasberg Loriot übernimmt die Macht

Die NRW-Wahl wühlt Deutschlands Politiker auf. Hannelore Kraft und ihre Rivalen stritten bei Plasberg so verbissen über Machtoptionen, dass man sich fragte, wer da wirklich noch mit wem kann - ein Schauspiel wie von Loriot, gipfelnd in dem Satz: "Nun warten wir doch erst mal ab!"

Norbert Röttgen (CDU) und NRW-SPD-Chefin Kraft: "Nun warten wir doch erst mal ab"
WDR/Klaus Görgen

Norbert Röttgen (CDU) und NRW-SPD-Chefin Kraft: "Nun warten wir doch erst mal ab"

Von Reinhard Mohr


Eigentlich hätte es sich das Erste ganz einfach machen können: Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Chefredaktion des "Stern", erklärt die Euro-Krise, macht Lösungsvorschläge zu ihrer Überwindung, weist einer neuen Regierung in Nordrhein-Westfalen unter der SPD-Vorsitzenden Hannelore Kraft den Weg und schlägt zugleich neue Parteivorsitzende für CDU und FDP vor.

Bedauerlicherweise saß am Mittwochabend bei "Hart aber Fair" aber noch eine Handvoll anderer Diskutanten am Tisch, die unkontrolliert dazwischenredeten, zum Teil derart wirr und unhöflich, dass man nichts mehr verstand.

Typisch Demokratie.

Wie junge Hunde im Tierheim verbissen sich Kraft, Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), FDP-Vorstandsmitglied Daniel Bahr und die Grünen-Vizefraktionschefin Bärbel Höhn beim Platzkampf zur Koalitionsbildung im einwohnerstärksten deutschen Bundesland.

Das äußerst dehnbare Thema des Abends "Keine Macht für niemanden - wer führt Deutschland in der Krise?" bot jede Menge Gelegenheiten, noch einmal darauf hinzuweisen, dass die jeweils eigene Partei "schon vor Jahren" immer wieder "darauf bestanden" und sogar "konkrete Anträge gestellt" habe, die allerdings von der Gegenseite schnöde "zurückgewiesen" worden seien. "Sie haben doch..." - "Ach, reden Sie nicht...!" - unwillkürlich musste man bei solchen Wortwechseln an Nonsens-Vorträge von Loriot denken, in denen allerdings das neue Zauberwort von der "Finanztransaktionssteuer" noch nicht vorkam, die nun alles regeln soll.

Von vorn. Exakt 6200 Zweitstimmen hat die CDU am vergangenen Sonntag mehr erhalten als die SPD, ein Hauch von einem Vorsprung. Bei den Parlamentssitzen herrscht Gleichstand, und in diesem Patt wird nun zwischen fünf Parteien um eine neue Regierungsmehrheit gestritten. Der amtierende Ministerpräsident Jürgen Rüttgers von der CDU hat sich anscheinend in die innere Emigration zurückgezogen, denn er "ist sowieso aus dem Spiel", sagte Jörges und rief Röttgen schon mal zum neuen CDU-Chef des Bundeslands aus: "Der ist einer der Klügsten in der Berliner Politik." Ministerpräsident werde er aber vorerst nicht, denn da sei nun die SPD gefragt.

Und schon schwebte so etwas wie der Geist von Andrea Ypsilanti durchs Studio, das rot-rot-grüne Gespenst von Tarnen und Täuschen, von Linksbündnis, Verrat und schmählicher Niederlage. Was Kraft zu dem Thema zu sagen hatte, reduzierte sich auf das Mantra: Abwarten und "Sondierungsgespräche führen". Erst mit der FDP, dann mit der Linkspartei und, wer weiß, am Schluss noch mit der CDU, falls Rüttgers auftauchen sollte oder jemand Neues (siehe oben).

Röttgen saß gleich neben Kraft und versuchte, nicht zu grinsen, denn tatsächlich wird es so einfach nicht sein. Schon weil die FDP mit der SPD nicht reden will, wenn diese danach auch noch mit der Linken redet: "Das hat dann ja keinen Sinn", sagte Bahr fast ein wenig beleidigt. Wieso - diese Erklärung blieb er schuldig. Jörges ermunterte die FDP, die Chance zur rot-gelb-grünen "Ampelkoalition" aktiv zu nutzen: "Sie können doch Druck ausüben, indem Sie sagen: Wir verhindern Rot-Rot-Grün!"

Für Kraft wäre Rot-Gelb-Grün die bequemere Wahl. Was ihr mit Rot-Rot-Grün blüht, führte Moderator Frank Plasberg vor: Er präsentierte ein halbes Dutzend Mal die Selbstverteidigungs- und Allzweckformulierung der SPD-Landeschefin aus dem Wahlkampf, die Linke in NRW sei "nicht regierungs- und koalitionsfähig". Und zeigte auch noch mal einen Interviewausschnitt von "Report Mainz", in dem eine Landtagsabgeordnete der Linken, von Beruf Gymnasiallehrerin, die DDR vor allem in ihren "antifaschistischen und demokratischen Anfängen" zu einer feinen Sache erklärte. Einen Unrechtsstaat konnte sie partout nicht erkennen.

Kraft dazu: "Nun warten wir doch erst mal ab."

Röttgen erwiderte: "Wir alle wissen doch, was das für Leute sind!" Hier gehe es um ein "reines Machtspiel". Bahr sekundierte, man dürfe sich nicht in "Abhängigkeit von Chaoten" begeben. Und dann begann die Debatte, sich im Kreis zu drehen. Loriot übernahm die Macht. Kraft warf der CDU vor, selbst mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten, die nun zum Beispiel in Thüringen den Vizepräsidenten des Landesrechnungshofs stelle. Jörges erinnerte an die Alt-Grünen Joschka Fischer und Otto Schily, die in ihrer politischen Frühzeit auch nicht astrein gewesen seien. Bahr rief Kraft zu: "Sie eiern doch nur rum. Wir führen keine Alibigespräche!" Die erwiderte: "Sie wollen sich doch nur der Verantwortung entziehen!" Plasberg fragte schließlich noch nach "Pleitegriechen", Milliardenkrediten und der Krise des Euro - plötzlich ging es um Banken und Spekulanten, den Euro als "kopfloses Huhn" (Oberspekulant John Taylor) und eine Insolvenz Griechenlands, die der Wirtschaftsprofessor und Freizeitspekulant Max Otte dem europäischen Milliardentransfer vorgezogen hätte, weil dann auch Großbanken hätten bluten müssen. Weitere Themen: die Regulierung der ausufernden Märkte, der Schuldenabbau, natürlich die Finanztransaktionssteuer. Und Gold, die derzeit sicherste Anlage.

Es war Jörges, der zum Ende in Hamletscher Wucht die Frage aller Fragen stellte: "Wer regiert die Welt?"

Vielleicht sollte man erst mal klären, wer Nordrhein-Westfalen regieren wird.



insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
antonhimbert 13.05.2010
1.
Wenn ich das Krisenmanagement unserer Kanzlerin und der "etablierten" Parteien in Sachen Euro sehe, frage ich mich, wer die "Chaoten" in Wirklichkeit sind. In Wirklichkeit regiert in diesem Land doch schon lange Ackermann + Co., wurde ja auch deutlich mit seiner Geburtstagsfeier auf Steuerzahlerkosten im Kanzleramt. Was mich aber sehr betrübt, ist die sehr einseitige Berichtserstattung: Wer gegen die Eurorettung ist wird verdammt, wer Banken klare Spielregeln aufgeben will wird verdammt, "immer nur maximalen Exportüberschuß machen" etc. Schlimm, daß hier ALLE etablierten Medien mitspielen, auch Herr Jörges vom Stern. Alternativen gibt es nur im Internet, z.B. www.Nachdenkseiten.de, www.duckhome.de usw.
mooringman, 13.05.2010
2. Hart aber Fair
Hart aber Fair ist der Titel der Sendung.Ja,die Politiker waren hart und leider nicht fair gegen den Wählerwillen.Der Geist von Hessen (Ypsilanti) lag über der Sendung.Und genau so wird es auch ausgehen.Die Sozis haben sowieso noch nichts begriffen,die dürften überhaupt nicht über 20 % kommen.Die Grünen können vor Kraft nicht laufen,wollen aber unbedingt an die Macht.Die FDP muß sich erstmal von dem Schock erholen und kann nun ihr einziges Programm,was sie hat,nämlich Steuersenkungen, nicht machen.Die CDU sitzt alles aus und wird wie Phönix aus der Asche kommen.Die Linken haben keine Chance gegen die Macht der Medien und wollen auch nicht alle mitregieren. Frau Merkel hat nur innerparteiliche Gegner. Die Diskussion war keine,es war die Fortführung des Wahlkampfes,besonders von Frau Kraft,die sichtlich nervös war....sie sitzt in der Falle,und es war ein durcheinander Geschreie und Wichtiggetue. Was glaubt eigentlich Herr Jörges,was er ist?Glaubt dieser Typ wirklich,das er der einzige ist,der Poltik erklären kann und nebenbei noch die Parteien und die Zuschauer beraten kann?Der Mann sitzt in jeder Talkshow und meint,er ist der Messias der deutschen Politik und des Staates.Das ist billige Meinungsmache einer Person aus den Medien und kaum noch erträglich.
beobachter1960 13.05.2010
3. Der FDP geht einfach "die Klammer"
wie man bei uns sagt. Sie hat panische Angst davor als Zünglein an der Waage endgültig unnötig zu werden. Ansonsten wäre doch eine Regierungsbeteiligung der Linken ideal als schlechtes Beispiel, aber halt, die gibt es ja schon und funktioniert ganz gut. Ich meine Berlin wurde ja nicht von den Linken finanziell in den Sand gesetzt, bitte daran erinnern. Und die Angst vor "Chaoten", nun eine einseitig orientierte, ideologiebessene Chaostruppe gibt es doch schon in vielen Regierungen, die FDP. Zur Erinnerung: Auch Marktradikalismus und Marktanbetung in eine Ideologie und das Mantra der Steuersenkung zeigt auch nicht unbedingt geistige Freiheit und Frische.
tanu 13.05.2010
4. Abwarten und Teetrinken
Zitat von sysopDie NRW-Wahl wühlt Deutschlands Politiker auf. Hannelore Kraft und ihre Rivalen stritten bei Plasberg so verbissen über Machtoptionen, dass man sich fragte, wer da wirklich noch mit wem kann - ein Schauspiel wie von Loriot, gipfelnd in dem Satz: "Nun warten wir doch erst mal ab!" http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,694645,00.html
Damit hat Kraft doch völlig recht. Wenn der Landtag den Ministerpräsidenten demnächst wählt, wird niemand mehr Stimmen bekommen als sie. Spätestens im vierten Wahlgang ist sie dann gewählt und kann ihr Kabinet bilden. Wozu also die Aufregung? MfG tanu
baloo55 13.05.2010
5. Immer wieder Ypsilanti
Seit dem Ausgang der NRW Wahl wird immer wieder Frau Ypsilanti und der Wahlausgang in Hessen 2008 ins Spiel gebracht. Schon der Blick auf die blanken Zahlen zeigt, dass das Unsinn ist. In Hessen hätte rot/rot/grün 57 Sitze und schwarz/gelb 53 Sitze im Landtag gehabt. In NRW ist das Verhältnis 101 zu 79. Oder anders ausgedrückt eine der elf Stimmen der Linken würde für eine Mehrheit ausreichen. Auf der anderen Seite bräuchte es mindestens elf Abweichler bei rot/rot/grün um die Mehrheit von Frau Kraft zu gefährden. Jeder Vergleich mit Hessen ist von wenig Sachverstand getrübt.
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