NSU-Dreiteiler "Mitten in Deutschland" Ein Bild sagt mehr als tausend Akten

Mitten in den Münchner Monsterprozess hinein sendet die ARD einen Dreiteiler über die Mordserie des NSU. Die Serie kommt mit großer emotionaler Wucht daher - und verwischt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion.

SWR/ Stephan Rabold

Bundesanwalt Herbert Diemer, der im NSU-Prozess die Anklage vertritt, sagte zu Beginn des Verfahrens vor bald drei Jahren auf die Frage, wie zuversichtlich er denn sei, dass die Anklage auch zur Verurteilung führen werde: "Das wird eine Frage der Bewertung sein."

Im Klartext bedeutet das: Wir haben viele Einzelteile, die man so oder auch anders zusammensetzen kann; welches Bild am Ende der Senat für wahr erkennen wird, hängt von seiner Bewertung ab.

Es geht um die Einschätzung der Richter, ihre Interpretation und wie sie die gewonnenen Erkenntnisse miteinander verknüpfen werden. Das Ergebnis lässt sich inzwischen ahnen - mit der Einschränkung allerdings, dass durchaus noch Unvorhergesehenes passieren kann.

Denn bislang ist ein Ende des Monsterprozesses nicht abzusehen, wenn sich auch die Beweisaufnahme langsam dem Ende zu nähern scheint.

Völlig ungewiss ist, was Verteidigung und Nebenklage noch zu beantragen beabsichtigen und ob und wie sich dadurch der Prozessverlauf möglicherweise verändert.

In diese Ungewissheit hinein sendet die ARD einen Dreiteiler über den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU), aufgeteilt in drei Perspektiven: "Die Täter", "Die Opfer" und "Die Ermittler". Zumindest der erste Teil, der am vergangenen Mittwoch ausgestrahlt wurde, beeindruckte bereits derart durch offensichtliche Authentizität, dass es schwer fällt, dem Vorspann zu glauben. In dem wird - als rechtliches Feigenblatt - versichert, es handle sich nicht um einen Dokumentar-, sondern einen Spielfilm.

Drei ostdeutsche Jugendliche, ohne Halt und Orientierung

Aber was ist in dem Film Fiktion, was dokumentarisch? Dem Zuschauer, der sich nicht täglich mit der Materie beschäftigt, bleibt das ein Rätsel. Sind Personen etwa Fiktion, die da "Beatchen", "Böhni" und "Mundi" heißen, also Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos? Sind die Orte in Thüringen Fiktion, in denen ein rechter Mob antisemitische Lieder grölt? Nein, es stimmt alles haargenau, vergleicht man es mit den Ergebnissen der Hauptverhandlung.

Der Film beginnt zur Wendezeit 1989. Im Zentrum stehen diese drei ostdeutschen Jugendlichen, ohne Halt und Orientierung, aufbegehrend gegen das Leben ihrer Eltern, aber gleichzeitig auch ohne Perspektive. Das ganze Elend eines Landes, dessen Vergangenheit einem Scherbenhaufen gleicht und dem eine blühende Zukunft versprochen wird, von der außer sich langsam füllenden Regalen im Supermarktallerlei und billigem Freibier von Geschäftemachern aus dem Westen nichts zu spüren ist, wird mit ausgesucht eindrucksvollen Bildern vorgeführt.

Die drei entwickeln sich unmerklich in einer Mischung aus Wut und Rebellion, Ohnmachtsgefühlen und Unsicherheit zu menschenverachtenden Neonazis. Fiktion? Vieles kennt man aus dem Prozess, nur weniges ist verstörend neu.

Die Darsteller sehen aus, wie die echten Protagonisten Anfang der Neunzigerjahre ausgesehen haben mögen. Anna Maria Mühe als junge Beate Zschäpe, grandios. Und auch Albrecht Schuch und Stefan Urzendowsky entsprechen den beiden Uwes bis in die Sprache hinein, den Tonfall der Jenaer rechtsradikalen Jugend. Böhnhardt, der von manchen Zeugen als "Zeitbombe" beschrieben wurde; Mundlos als intelligenter Aufwiegler und schmeichelnder Stratege. Und Zschäpe, die das Trio zusammenhält. Das alles ist nicht Fiktion.

Der Vorverurteilung sind keine Grenzen gesetzt

Die Hauptangeklagte soll zu ihrer Mutter kein gutes Verhältnis gehabt haben. Das bestätigten mehrere Zeugen vor Gericht. Auch der Auftritt der Mutter vor dem Münchner Gericht, als sie ihrer Tochter Beate auf der Anklagebank keinen Blick schenkte und die Aussage verweigerte, sprach Bände. Aber ging die damals Siebzehnjährige tatsächlich mit jener wütenden Aggressivität auf die Mutter los, wie es der Film suggeriert? Das ergab die Hauptverhandlung in dieser Drastik nicht.

Und das ist das Problematische solcher Filme. Programmdirektor Volker Herres verband laut eigener Aussage mit der Trilogie die Hoffnung, "zur Aufklärung beizutragen". Ist dies die Aufgabe des Ersten Deutschen Fernsehens in einem Spielfilm? Nein, es ist einzig und allein Aufgabe des Gerichts, die Wahrheit herauszufinden. Und dabei sollte es in Ruhe gelassen werden.

Denn wie spielt sich diese filmische "Aufklärung" ab? Man sucht sich aus dem Material die zur Idee des Drehbuchs passenden Szenen und Zitate heraus und setzt sie mit hervorragenden Schauspielern um. Hat die echte Zschäpe je so verschlagen dreingeschaut wie Anna Maria Mühe? Ist sie das primitive Miststück, als das sie im Film daherkommt? Der Vorverurteilung sind keine Grenzen gesetzt.

Es gibt eine Szene, die beschreibt ohne Worte Zschäpes angebliche Rolle im NSU-Trio: Die drei sitzen mit anderen, bewacht von Polizisten, nach einer Festnahme auf dem Boden und warten, wie es weitergehen soll. Zschäpe zwischen den beiden Uwes. Sie legt ihre Hand in die Böhnhardts. Und ihren Kopf lehnt sie an die Schulter von Mundlos. Alles klar?

Der Film zeigt Zschäpe als Monstrum

Gewiss sind Berufsrichter wie die Mitglieder des 6. Strafsenats des Münchner Oberlandesgerichts mit dem Vorsitzenden Manfred Götzl nicht mit einer Jury amerikanischen Stils zu vergleichen, die, ihrem Bauchgefühl und Emotionen folgend, über Schuld und Unschuld befindet. Doch auch Richter leben in unserer Welt. Ein Bild lässt sich nicht widerlegen. Es setzt sich im Kopf fest. Schließlich hat man es mit eigenen Augen gesehen.

Bilder sagen mehr aus als Akten, tausendmal mehr. Mag sein, dass viele inhaltliche Details, die der Film verwendet, in den Gerichtsakten und den Protokollen der Untersuchungsausschüsse nachzulesen sind. Es hat Zeugen gegeben, die erinnerten sich an Zschäpe als eine "ordinäre, primitive" Person. Andere wiederum rühmten ihre Freundlichkeit, ihre Kinderliebe und hausfraulichen Vorzüge. Der Film zeigt sie als Monstrum, als brutal zuschlagenden, sexgeilen, verrohten Weibsteufel. Der Sog der Bilder lässt eine andere Interpretation nicht zu.

Zogen "Die Täter" den Zuschauer in ihren Bann, lassen ihn "Die Opfer", deren Geschichten heute Abend gesendet werden, nicht mehr los. Von den Opfern des NSU kannte man bis Prozessbeginn höchstens Passfotos. Sie waren bis dahin Opfer Nummer eins, zwei bis zehn. Nun gibt ihnen Semiya Simsek, Tochter des Nürnberger Blumenhändlers Enver Simsek, ein Gesicht. Sie schrieb ein Buch, auf dem das Drehbuch von Laila Stieler beruht.

Es eröffnet den Blick auf die peinlich einseitigen Ermittlungen der Polizei sowie die Erniedrigungen und Ungerechtigkeiten, die die Hinterbliebenen des Blumenhändlers zu erleiden hatten, wie später auch die Angehörigen weiterer Opfer des NSU. Der Film tut dies mit einer emotionalen Wucht, die die Auftritte der Zeugen vor Gericht bei Weitem übertrifft.

Filmemacher haben ein berechtigtes Interesse, nach einer Erzählform für das Phänomen NSU zu suchen und den Stoff mit ihren Mitteln zu interpretieren. Fatal ist es nur, wenn sie damit dem Gericht in die Quere kommen. Denn im Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung, bis die Angeklagten rechtskräftig verurteilt sind. Wer sich auch nur ein bisschen auskennt mit der Wirkungsmacht von Bildern, weiß, dass sie hier grob verletzt wird. Obwohl es sich ja "nur" um Spielfilme handelt.

"NSU: Mitten in Deutschland" - Die Opfer, Montag, 20.15 Uhr ARD
"NSU: Mitten in Deutschland" - Die Ermittler, Mittwoch, 20.15 Uhr ARD

Die Autorin arbeitete als Fachberaterin bei dem ZDF-Film "Letzte Ausfahrt Gera" über Beate Zschäpe mit.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bondurant 04.04.2016
1. Sehr guter Artikel
Programmdirektor Volker Herres verband laut eigener Aussage mit der Trilogie die Hoffnung, "zur Aufklärung beizutragen". Ähnlichen Unsinn hat auch der Regisseur des ersten Teils in die Kamera gesagt.Wir haben es hier mit einer spezifischen Überheblichkeit der "Medienschaffenden" zu tun. Wieso sollte ein Fernsehmensch den Fall besser aufklären können als das zuständige Gericht? Diese Fernsehserie ist kontraproduktiv. Ganz offensichtlich, jedenfalls im ersten Teil, werden hier die Einschätzungen des Regisseurs oder Drehbuchautors der handelnden Personen abgefilmt. Vielleicht sind die realistisch, man weiß es nur nicht und kann es auch nicht überprüfen, weil naturgemäß keine Beweise und Indizien vorgelegt werden, anhand derer man den Realitätsgehalt der Gesamtdarstellung überprüfen könnte. Das kann ganz schön danebengehen.
mikesch0815 04.04.2016
2. Mag gut sein...
...aber ich kann es mir nicht anschauen: Verwackelte Kameraführung ohne Ende. Das ist einfach nicht mehr erträglich. Sorry Leute, aber das ist einfach eine Frechheit - solch eine Kameraführung. Geht überhaupt nicht.
achnee! 04.04.2016
3. Nazi-Deutschland?
Bei Bild 8 ist als Unterschrift zu lesen: "Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) mit seinem Rücken-Tattoo. Es zeigt die Grenzen Nazi-Deutschlands." Das ist als Geschichtsverdrehung kaum zu überbieten. In Wahrheit ist es das Gebiet, dass nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten Deutschland zuerkannt worden war und von der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das offizielle und völkerrechtlich anerkannte Staatsgebiet Deutschlands war. Das hat mit Nazi-Deutschland überhaupt nichts zu tun. Aber vielleicht ist eine korrekte Berichterstattung bzw. Beschriftung von Abbildungen aus der Vergangenheit auch schon zu viel verlangt von Spiegel-Journalisten. Womöglich auch korrektes Deutsch? Oder warum hat die Autorin bzw. der Redakteur bei der Bildunterschrift von Foto 9 "Neonazis während eines Aufmarsch" am Genetiv gespart?
leserich 04.04.2016
4.
Es ist schon bemerkenswert, wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Mehrteiler über einen Fall gesendet wird, der noch längst nicht mit einem Urteil endete und bei dem bislang nichts ausermittelt und bewiesen wurde, außer das da vieles so nicht stimmen kann. Leider hat Frau Friedrichsen selbst auch schon ihr Urteil gefällt, und damit wird jede weitere Berichterstattung wertlos. Zum Glück gibt es ja nicht nur in Panama Leakvorkommnisse, sondern auch in Kambodscha - Fatalist hat da mehr zur Wahrheitsfindung beigetragen als alle diese Artikel hier und bei Kollegen zusammen.
StefanXX 04.04.2016
5. Nein, danke.
Die anfangs täglichen und mittlerweile immer noch wöchentlichen Wasserstandsmeldungen zu diesem Prozess in der Realität sind schon mehr als genug .. und jetzt soll ich mir dazu auch noch einen Film reinziehen? Nein danke, da hab ich in meiner Freizeit wahrlich besseres zu tun.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.