Kanzler Scholz bei »Maybrit Illner« Der Herr der Mangellage

Bundeskanzler Scholz beantwortet in der ZDF-Sendung »Maybrit Illner« Fragen besorgter Bürgerinnen und Bürger – und versichert zu fast jedem Thema mit scheuem Konfirmanden-Charme: »Da arbeiten wir dran!«
Bundeskanzler Olaf Scholz bei Maybrit Illner

Bundeskanzler Olaf Scholz bei Maybrit Illner

Foto: Svea Pietschmann / dpa

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Es gibt einen Boris-Johnson-Moment an diesem Talkshowabend. »Das glaub ich Ihnen nicht«, sagt die für Generationengerechtigkeit engagierte Studentin Rifka Lambrecht da zum amtierenden deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. Unser Kanzler, ein Lügenbaron wie der vielfach der Schwindelei überführte britische Premier?

Nein. Scholz hatte beteuert, er sei persönlich entschieden gegen den Beschluss des EU-Parlaments gewesen, Erdgas und Atomstrom ziemlich wahrheitswidrig als klimafreundliche Energien einzustufen. Er habe ihn aber nicht verhindern können. Wörtlich sagt der Kanzler: »Ich fand das immer falsch.« Weil Scholz kein Hasardeur ist, dem man mit ein paar frischen Zeugenaussagen oder alten Videoaufnahmen mühelos das Gegenteil beweisen könnte, wird der Lügenvorwurf der Studentin Lambrecht in der ZDF-Sendung »Maybrit Illner« von der Moderatorin und vom Bundeskanzler einfach gemeinsam weggelächelt.

»Krieg, Corona, Klima – eine Krise zu viel, Herr Kanzler?«, heißt die Show, in der besorgte Bürgerinnen und Bürger mit dem Kanzler plaudern dürfen. Vor blaustichigen, mit ein paar rosa züngelnden Krisenflammen vollgemusterten Studiowänden trägt Olaf Scholz dunklen Anzug und blaue Krawatte mit weißen Verzierungen. Ganz ähnlich wie Boris Johnson am selben Tag bei seiner Rückzugsankündigung in London. Warum muss ich während des einstündigen ZDF-Krisengesprächs, in dem auf sehr gemächliche Weise staatsbürgerliche Sorgen um Gaspreise, Armutsängste und Klimaelend verhandelt werden, auch sonst oft an Johnson denken? Weil es für die Behauptung, die Deutschen seien mit ihrem wenig temperamentvollen Staatslenker Scholz ganz gut bedient im Vergleich zu den Briten mit dem selbst im Abgang schamlos flunkernden Popstar Johnson, ein paar eindrucksvolle Belege gibt.

Talkerin Illner mahnt Scholz im Ton einer Kindergärtnerin

Ob bei »Maybrit Illner« ein Thüringer Bäckermeister nach den horrende steigenden Energiekosten fragt und danach, was Scholz dagegen unternehmen will; ob es um Mindestlohn, Arbeitskräftemangel, drohende Rezession oder ums Klima geht: Scholz ist ein Virtuose der Fleißfloskeln »Da arbeiten wir dran!« und »Wir haben uns vorgenommen, dass …«. Er gibt nicht den großkotzigen Macher und schon gar nicht den Visionär, sondern stets den eifrigen Dranarbeiter.

Manchmal hilft ihm die Talkerin Illner, ungeduldig wie eine Kindergärtnerin, die einem Schützling beim Memoryspiel einsagt, ein wenig auf die Sprünge. Sie mahnt ihn, sich nicht in der endlosen Benennung von Interessengruppen zu verschwafeln. Sie treibt ihn bei der Beschreibung der Regierungsaktivitäten an, indem sie treuherzig-ungläubig einschiebt: »Und daran sind Sie dran?« Und sie stellt ihm nur scheinbar dramatische, knallharte Moderatorinnenfragen: »Stehen wir vor dem Staatsbankrott?« oder »Warum hauen Sie nicht auf den Tisch, Herr Scholz?«

Herr Scholz aus dem Bundeskanzleramt haut nicht auf den Tisch, weil er auf seine leise, zögerliche, nachdenkliche, aber eben auch halbwegs durchdachte Politik der letzten Wochen und Monate einigermaßen stolz ist. Das wurde an diesem Talkshowabend klar. Es war übrigens zuvor in dieser Woche auch schon im Bundestag zu sehen, wo der Kanzler, für viele überraschend, mal entschlossen und souverän auftrat.

Auch auf Übles vorbeireitet sein, das ist das Kanzlermantra

Mit scheuem Lächeln berichtet Scholz nun der Talkshowrunde, dass ein Staatsbankrott natürlich eher nicht bevorsteht. Und davon, welchen Angriffen er ausgesetzt war, weil er zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nicht auf Forderungen nach einem sofortigen Stopp aller Gaslieferungen eingehen wollte. Jene Medien und Menschen, die ihn damals wegen der Fortsetzung der Gas-Importe aus Russland zornig attackierten, sind oft die gleichen, die der Regierung heute übellaunig vorwerfen, sie habe längst nicht genug gegen den im Winter möglicherweise bevorstehenden Gasmangel unternommen.

Der Mangel ist das große Schreckgespenst der deutschen Politik in diesem Sommer. Aber, so machte Scholz in der Rolle des freundlich-sorgenvollen Chefbeschwichtigers klar, »die Mangellage« ist noch gar nicht da. Mag Robert Habeck schon Energiespartipps geben, was einem der Studiogäste, einem Ex-Soldaten und Intensivpfleger, besonders gut gefällt. Olaf Scholz sagt: »Noch ist die Lage nicht passiert.« Ob Russland nach der mit Reparaturarbeiten begründeten Unterbrechung der Gaslieferungen, die in wenigen Tagen angesetzt ist, nicht doch wieder Gas nach Deutschland pumpt, wisse niemand.

Und wenn die Mangellage aber kommt? Dann wird ihr kein anderes Land und keine andere Regierung so gut vorbereitet begegnen wie die Frauen und Männer um den obersten Politikarbeiter der Deutschen. Scholz präsentiert sich an diesem Fernsehabend als grundsolider, ehrlicher Abrackerer. Ein Mann, der sich für praktisch jede am Horizont dräuende Unbill gerüstet sieht. Der für uns alle wacht und das große Ganze im Blick hat, darin schon beinahe Super-Olaf und nicht bloß Scholzomat. Wenn es ganz schlimm kommt, sagt Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz, dann müssen wir uns »für die Zukunft unterhaken«. Im »Maybrit Illner«-Studio schienen die Bürgerinnen und Bürger unterhakbereit.

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