Olaf Scholz bei RTL Erst »Bauer sucht Frau«, dann »Kanzler sucht Volk«

Olaf Scholz wollte den Menschen endlich seine Politik erklären – und wählte dazu ausgerechnet RTL. Interessanter Move, auch weil ihn Pinar Atalay souverän in seinem Rhetorik-Yoga bremste.
Olaf Scholz und »RTL Direkt«-Moderatorin Pinar Atalay

Olaf Scholz und »RTL Direkt«-Moderatorin Pinar Atalay

Foto: Andreas Friese / RTL / dpa

Die ersten fünf Minuten von Olaf Scholz' Auftritt bei RTL ließen das Schlimmste befürchten. Pinar Atalay hatte den Regierungschef unter der Frage »Kann der Kanzler Krise?« zu einer Extraausgabe von »RTL Direkt« eingeladen. Scholz' anfängliche Ausführungen legten drastisch nahe, dass er Krise eben nicht kann. Und Krisenkommunikation schon mal gar nicht.

Auf die Frage von Atalay, ob das historisch schlechte Ergebnis der SPD bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen auch mit dem Kurs der von ihm geführten Bundesregierung bezüglich der Ukraine zu tun hatte, behauptete der Kanzler glatt, er habe beim Wahlkampf »ganz tief gespürt«, dass sein Kurs »von einer großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger unterstützt wird«.

Olaf macht Om

Das ist das Scholz-Feeling der letzten Wochen: Seine Partei stürzt ab , aber der Kanzler fühlt, dass er alles richtig gemacht hat. Das ist die Scholz-Weltflucht seit zwei Monaten: Zweifel und Fragen prasseln auf ihn ein, aber Olaf macht Om.

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Doch gerade als man beim RTL-Talk befürchtete, Scholz würde sich wie bei seinen anderen Fernsehauftritten seit Beginn des Ukrainekriegs in seinem berüchtigten selbstbeschwörerischen Rhetorik-Yoga ergehen, passierte etwas Überraschendes: Er sprach. Er antwortete. Er interagierte. Oder er versuchte es zumindest. Was war geschehen? Was hatte sich da gelöst? Oder lag es an der ungewöhnlichen Gesprächssituation jenseits aller bekannten Talkformate?

Mit RTL und Scholz haben sich an diesem Montag zwei gefunden, die einander nötig haben. Der Privatsender soll ja laut Management schon seit letztem Jahr ein »journalistisches Powerhouse« sein, doch trotz aller Ankündigungen, Umbauten und Journalisten-Einkäufe ist ein neues publizistisches Profil bislang nicht zu erkennen. RTL ist noch immer ein Rummelplatz bunter Ablenkungen und menschlicher Nöte – aber das ist ja vielleicht gar nicht so der falsche Ort für einen Kanzler, der seine Politik endlich zu den Leuten bringen muss.

Deshalb lautete das RTL-Programm an diesem Montagabend: Erst »Bauer sucht Frau«, dann »Kanzler sucht Volk«.

Und man muss den Verantwortlichen des Senders ein Kompliment dafür machen, wie sie es für den Kanzlerbesuch schafften, die Lebenssituationen von Menschen, die sonst zum Beispiel bei »Stern-TV« verhandelt werden, vor den größeren Zusammenhang des Ukrainekriegs zu stellen, ohne dass das rührselig oder gar zynisch wirkte.

Am Anfang präsentierte Pinar Atalay eine von RTL in Auftrag gegebene Forsa-Studie, laut derer 68 Prozent der Befragten angaben, dass Scholz seine Politik nicht genug erklärte. Nun hatte er Gelegenheit dazu, das Erklären im direkten Austausch mit den »Bürgerinnen und Bürgern« zu tun, von denen er bei seinen Talkshowauftritten immer so feierlich und folgenlos redete. Eine Flucht nach vorn aus der Komfortzone seiner Mediensolos, bei denen Scholz sonst immer alles unter Kontrolle hat.

Vier Menschen, vier Meinungen

Da war ein Stahlwerkarbeiter aus Eisenhüttenstadt, der in der Freizeit ein schweres Motorrad fährt und sich nun fragte, wo er bei all den Embargos Brennstoff für Hochofen und Bike herbekommen sollte, und der außerdem von seiner Angst sprach, dass durch Waffenlieferungen der Krieg noch weiter eskalieren könnte. Da war die gebürtige Ukrainerin, für die das Embargo gar nicht weit genug gehen kann und die im Gegensatz zum Stahlwerker erst recht wissen wollte, wo denn nun die angekündigten schweren Waffen für die Ukraine blieben. Da war die alleinerziehende vierfache Mutter, die nicht wusste, wie sie angesichts der steigenden Preise durch das Jahr kommen soll. Und da war schließlich der Versicherungsvertreter, der sich darum sorgte, wie denn all die versprochenen Geschenke an Leute wie eben die alleinerziehende Mutter finanziert werden sollen.

Vier Menschen, vier Meinungen, und der Kanzler mittendrin: Für Fluchten ins Abstrakte, für das Aufsagen von Beschwichtigungsformeln war da kein Platz. Nicht dass es Scholz damit nicht immer wieder versuchte, aber Pinar Atalay baute sich stets rigoros als Anwältin neben die Sprechenden auf und hakte in deren Sinne nach.

Irgendwann stand die Frage nach den viel beschworenen schweren Waffen massiv im Raum; die ukrainische Talkteilnehmerin hatte sie gestellt. Als Scholz nicht darauf einging, mahnte Atalay den Kanzler wie einen Schüler, der bei einer mündlichen Prüfung abdriftet: »Herr Scholz, noch mehr schwere Waffen?« Als Scholz sich dann wieder im Scholz-Yoga übte und summte, dass man alles tun werde, was möglich ist, um die Ukraine zu unterstützen, trommelte die Moderatorin ihn ein weiteres Mal aus der Selbstbeschwörung raus: »Es geht um schwere Waffen! Können Sie sagen, ob die Panzer in drei Wochen da sind?« Und als Scholz erwiderte, man habe doch alles in Bewegung gesetzt, hakte sie nach: »Wann?« Langsam kam Scholz ins Schwitzen, er sagte, man arbeite dran, dass der Gepard geliefert werde, und zwar zügig.

So ging das eine Zeit munter hin und her – bis Atalay schließlich die Ukrainerin, deren Familie in Odessa lebt, direkt in den Dialog zurückholte und bezüglich Scholz' Zaudern fragte: »Wenn Sie das jetzt Ihrer Mutter sagen, fühlt die sich dann sicherer?«

»Ich unterschätze gar nichts!«

Scholz und RTL hatten da für den Abend einen interessanten Deal zum beiderseitigen Vorteil geschlossen. Dass der Kanzler geschont würde, stand offenbar nicht drin. Er konnte im Gespräch Punkte machen (etwa als er sich nachdenklich zu der auch von ihm lange mitgetragenen Abhängigkeit von russischen Energieträgern äußerte), er wurde aber auch hart mit den Unzulänglichkeiten seiner Politik konfrontiert.

Noch eine Frage von Atalay an die Ukrainerin: »Würden Sie sich wünschen, dass Olaf Scholz nach Kiew reist?« Die Angesprochene bejahte vehement, sie sehe darin ein Zeichen der Solidarität. Scholz verwies darauf, dass er bereits ganz viel mit den Repräsentanten der Ukraine am Telefon gesprochen hat. Bockig fügte er hinzu: »Ich werde mich nicht einreihen in eine Reihe von Leuten, die für einen Fototermin rein- und rausgehen.«

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Als der Versicherungsmann entgeistert nachhakte, ob Scholz denn nicht den Symbolcharakter einer solchen Reise unterschätze, bockte er nur noch mehr: »Ich unterschätze gar nichts! Ich habe dafür gesorgt, dass die Außenministerin dahin fährt .« Das waren gegen Ende dann noch mal fünf schlimme Scholz-Minuten.

Mit dem Besuch des RTL-Rummels hat der Kanzler am Montag den Versuch begonnen, den Menschen seine Politik zu erklären. Der Anfang ist getan. Es ist aber noch ein sehr langer Weg, bis er wirklich bei den Menschen angekommen ist.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes war der Wochentag, an dem die Sendung ausgestrahlt wurde, nicht korrekt angegeben. Wir haben die Passage korrigiert.