Olaf Scholz bei Linda Zervakis In guten, sicheren Händen. Leider

ProSieben setzt seine Info-Offensive mit SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz im Interview fort. Fast spannender allerdings die Frage: Wie macht sich die ARD-Abtrünnige Linda Zervakis bei den Privaten?
Olaf Scholz zu Gast bei »ProSieben Spezial Live«, mit Linda Zervakis und Louis Klamroth

Olaf Scholz zu Gast bei »ProSieben Spezial Live«, mit Linda Zervakis und Louis Klamroth

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Richard Hübner / dpa

Die gute Nachricht zuerst: Olaf Scholz hat sich daran erinnert, dass er mit Linda Zervakis und Louis Klamroth zum ProSieben-Spezial am Mittwochabend verabredet war. Mit anderen Treffen hat der SPD-Kanzlerkandidat in der Vergangenheit ja seine Schwierigkeiten gehabt, hat sie vergessen oder nur anhand von Kalendereinträgen rekonstruieren können. Wenn Sie das nun als eine Anspielung auf den Cum-Ex-Skandal, in den Scholz aktuell verwickelt ist, erkannt haben, aber gern noch mal googeln würden, was es damit konkret auf sich hatte, können Sie versichert sein: Olaf Scholz würde die Suchergebnisse zu seinen bemerkenswerten Gedächtnislücken nicht löschen.

Die schlechte Nachricht: Das gehörte zu den überschaubaren Erkenntnissen des 45-Minuten-Specials, das der Privatsender nach der Auftaktsendung mit Annalena Baerbock nun mit dem SPD-Politiker ansetzte. Die flatterigen Nerven, die in der ersten Runde allen Beteiligten, auch dem Moderationsduo Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind  anzumerken waren, suchte man diesmal vergebens. Stattdessen smart-verdrehte Fragen (wie die nach dem möglichen Löschen unvorteilhafter Suchergebnisse) und vor allem Abgeklärtheit allenthalben, sogar bei Linda Zervakis, die mit der Sendung ihren Einstand bei ihrem neuen Heimatsender ProSieben gab.

Dass die langjährige »Tagesschau«-Sprecherin vielfältige Interessen und Talente hat, konnte man seit Jahren verfolgen, anhand ihrer Bücher, ihres Podcasts und vieler Auftritte in Talkshows. Wie souverän Zervakis in diesen Jahren in ihrer medialen Präsenz geworden ist, war an diesem Mittwochabend trotzdem überraschend. Denn außer einem »Ich bin die Neue«-Begrüßungssatz und einer um eine Handlänge gekürzten Frisur verriet nichts an der 45-Jährigen, dass sie hier gerade den großen Neuanfang nach 20.15 Uhr wagte.

Und wieder: Warum so humorlos, warum so dröge?

Unaufgeregt-konzentriert befragte sie Scholz zu Diversität, Regierungsbilanz und aktueller Außenpolitik, und als Zuschauerin bekam man sehr schnell das Gefühl, in guten, sicheren Händen zu sein. Leider bekam aber auch Scholz schnell dasselbe Gefühl, denn er war wie immer: ohne größere Regungen als einem Zwinkern in den Augen und ohne größere Verheißungen als dem fortwährenden Regierungswillen der SPD.

Persönliche Fragen gab es wie bei Baerbock zuvor zwar auch, doch diesmal ohne die deftige Sprache und vor allem ohne jede Notwendigkeit. Mindestens so oft wie die Pläne der Sozialdemokraten zur Hartz-IV-Reform hat Scholz schon sich selbst erklären müssen, warum er so humorlos daherkommt, warum er so dröge wirkt. Wieder danach gefragt, setzte er wieder zur Selbsterklärung an und das mit einer erschütternden Ergebenheit an die medialen Umstände, die von ihm das Immergleiche fordern und die von ihm das Immergleiche bekommen. There is scheinbar no alternative, jedenfalls nicht im deutschen Polittalk-TV.

Da stand die verspannte Nervosität, die von Co-Moderator Klamroth ausging, der Sendung fast gut zu Gesicht. Klamroth ist zwar selbst schon erfahrener Polittalker mit eigener Sendung auf n-tv, steuerte hier aber den Furor eines Neulings bei, der jede abgedroschene Phrase und jede ausweichende Antwort seines Gegenübers persönlich zu nehmen schien. Von beidem gab Scholz aber auch grauenhaft viele von sich. Keine Angaben zur Höhe des Bürgergeldes, das Hartz-IV ersetzen soll, dafür Schwurbeleien über einen sozial und ökologisch verträglichen Flugticketpreis.

Ungewolltes Adrenalin

Dazu kommt seine schlechte rhetorische Angewohnheit, auf viele Fragen zu antworten, als würde er zu einer Grundsatzrede ansetzen. »Der Kohleausstieg ist ein großes Thema« verlautbarte er etwa, als er konkret nach der Handhabung eines CO₂-Budgets gefragt wurde. Das soll wohl Klarheit und Grundsätzlichkeit signalisieren, nimmt aber Gesprächen jegliche Dynamik, da sich beständig Fragen und Antworten voneinander abkoppeln und ohne Bezug im Raum zu stehen scheinen.

Eine kurze Fragerunde mit Entweder-oder-Option (»Instagram oder TikTok?«, »FDP oder Linke?«) sorgte zum Ende hin noch einmal für etwas Adrenalin, allerdings eher ungewollt, da Scholz schnell anfing, in Kurzreferate abzuschweifen, statt Kurzantworten zu geben. Erst stieg Klamroth vor Ärger darüber das Blut ins Gesicht, dann wurde auch Scholz ein wenig rot, weil er merkte, wie gereizt sein Gegenüber von dem Gesprächsverlauf war. Zu einer fiebrigen Diskussion taugten aber selbst diese Momente nicht, maximal zu leicht erhöhter Temperatur.

Ob sich ProSieben mit Sendungen wie dieser nachhaltig als neue Quelle für politischen Fernsehjournalismus etablieren kann, ist nach diesem Mittwochabend noch nicht geklärt. Darüber dürfte das nächste Spezial mit CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet am kommenden Montag wieder mit Zervakis und Klamroth mehr Aufschluss geben. Die Erwartungen sollte man aber eher gering halten.

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