Das Turnier des Zaren Götterdämmerung in der Loipe

Silbermedaillengewinner Lesser: "Ach, die Experten, die haben immer gut reden"

Silbermedaillengewinner Lesser: "Ach, die Experten, die haben immer gut reden"

Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV/ AFP

"Wir sind die Besten der Welt." Der Boulevard jubelt. Ja, wir sind Olympia, wir sind Wintersport. Gut ein Drittel aller Medaillen sind vergeben und die meisten goldenen hat das deutsche Team ersprungen, erlaufen und vor allem errodelt. "Deutsche sind Rodeltiere", konnte man auf Twitter lesen. Platz eins im Medaillenspiegel. Aber.

Alles wäre großartig, würde nicht die vermaledeite Presse die Fehler im Edelmetall suchen. So schreibt die "Bild"-Zeitung: "Wir könnten im Medaillenspiegel noch höher führen, wenn nicht Langläufer, Eisschnellläufer und vor allem Biathleten bisher versagt hätten." Vor allem die Biathleten. Versagt. Frechheit aber auch. Was ist da los? Untergang des Neunerlandes? Von wegen. Beobachtungen aus einem Krisengebiet, das plötzlich keines mehr ist.

Außenseiter, gepfeffert: Erste Schalte ins Biathlon-Stadion, zwei Stunden vor dem Einzel-Rennen der Männer. ZDF-Experte Sven Fischer blinzelt mit kariertem Hüttenhemd in Sonne und Kamera. Die langsamen Deutschen sind dem Wetter egal, es ist prächtig. Fischer, mit nackter glänzender Stirn, wo sonst gerne das Werbeschildchen auf der Wollmütze prangt, macht sich Sorgen um die Techniker, die mit dem weichen Schnee zu kämpfen haben. Der Reporter findet die perfekte Überleitung: "Salz für die Strecke, Pfeffer für die deutschen Männer." Es geht nicht um Geburtenrückgang, Medaillen müssen her. Fischer sieht eine Chance auf deutsche Überraschungen. Was er nicht sagt: Wir sind nur noch Außenseiter.

Mitjubeln, wo geht: Die Verfolgung der Damen am Dienstag ist kurz vor der Entscheidung, da erinnert der Reporter noch einmal: Goldmedaille in der Verfolgung 2006 für Kati Wilhelm. 2010 für Magdalena Neuner. Und nun? Es führt Darja Domratschewa. Die deutsche Serie ist gerissen, meint man, als sich die Weißrussin auf der Zielgeraden ihre Landesfahne reichen lässt. Doch halt: "Irgendwie ist der Erfolg auch ein wenig ein deutscher", lernen wir. Domratschewas Trainer kommt aus Deutschland. Ja, Gott sei Dank. Auf ihren letzten Metern jubeln wir mit.

Geschichte, wie gemalt: Das ZDF zeigt einen Beitrag zur Geschichte des "Sorgenkindes" (Katrin Müller-Hohenstein) Biathlon. Der Film springt zwischen Schwarz-Weiß-Unterrichtsfilm und Cartoon hin und her und verbindet Adolf Hitler, der Biathlon 1936 ins Olympische Programm holte, und lockeres Luftballonschießen. Wichtigste Erkenntnis ist aber, dass Deutschlands Biathleten immer noch die erfolgreichsten der Geschichte sind. Na also, geht doch. Darüber hinaus sind die lockeren Cartoon-Abschnitte aus deutscher Sicht aber die heitersten Biathlon-Minuten der Winterspiele bislang. Wenn wir uns das heutige Rennen nur auch malen könnten.

Biathlon, tierisch: Doch von wegen Malstunde. Dieses 20-Kilometer-Rennen werde das "schwerste aller Zeiten", heißt es zum Start. Nicht nur für die Deutschen. "Unzählige Dramen spielen sich da ab", weiß Co-Kommentator Herbert Fritzenwenger, "das ist zum Mäusemelken, dieses Biathlon". Drei Deutsche sind schon raus aus dem Medaillenrennen, der Biathlon-Experte kommentiert: "Nicht Fisch, nicht Fleisch." Der Hunger auf Edelmetall wächst.

Seele, geheilt: Und plötzlich ist Aufschwung. Erik Lesser schießt die Krise aus Sotschi und trifft jede Scheibe. "Er ist voll dabei", "tolle Körpersprache", "Mensch, das wäre ja was", die Boxen übersteuern. Das Bangen beginnt, "wir dürfen nicht zu gierig werden", doch die Medaille soll es nun schon sein. "Jawoll, treib ihn hoch!", die Aufforderung auf den letzten Metern ist auch die Hoffnung, nicht immer nur schimpfen zu müssen. Umso größer der Jubel, als es Silber wird, die beste Medizin gegen die "geschundene Seele. Da erscheinen die Ergebnisse in ganz neuem Licht." Wieso eigentlich?

Am Ende des langen Tages steht Silbermann Erik Lesser am Mikrofon und holt sich gleich noch die Goldmedaille im Klartext: "Ach, die Experten, die haben immer gut reden." Und: "Es war uns fast ...egal, was der Medaillenspiegel sagt." Gesunder Realismus trifft auf Goldfieber. Am Ende erkennt der ZDF-Kommentator vor Ort einen Abendhimmel in Schwarz, Rot und Gold. Erik Lesser wird das egal sein.

Frieder Pfeiffer

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.