Olympia-Eröffnungsfeier Weck mich, wenn der Mann aus Tonga kommt

Vier Stunden Olympia-Eröffnungsfeier gucken, das ist Hochleistungssport. Was also waren die Highlights? Natürlich die Modenschau der SportlerInnen - und ein Olympionike in Öl.

Pita Nikolas Aufatofua aus Tonga
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Pita Nikolas Aufatofua aus Tonga

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Vier Stunden Eröffnungsfeier - oh Schreck, das ist sogar noch eine Stunde länger als das letzthin so quälend-quarkig breitgetretene RTL2-Promikegeln, die neue Referenzgröße in Sachen Sind-wir-endlich-da?-Fernsehen. Und das fühlte sich schon an wie der längste Tag des Lebens, um einmal den leidgeprüften Overachiever Jack Bauer zu zitieren.

Gut, wenn man natürlich eine Erzählung wirklich ganz von vorn, bei der quecksilbrigen Ursuppe nämlich, beginnt, ist klar, das sich das Ganze etwas ziehen würde: Zum Auftakt der olympischen Festlichkeiten gab es eine Choreografie mit Silberstoffen, ein gigantisches Massenorigami, das von oben wie das kollektive Wärmedecken-Zusammenfalten aussah, wie man es von verkaterten Abreisemorgen bei Schlechtwetter-Festivals kennt.

Auf die Dauer des Budenzaubers im Maracanã-Stadion konnte man sich also einstellen, nicht aber auf die mehrfachen abrupten Stimmungswechsel, die einen jedes Mal wie kalte Güsse aus dem Wassereimer aufschreckten.

Erst war da also die metaphorische Mammutchoreografie (inszeniert von Fernando Mereilles, dem brasilianischen Regisseur von "City of God"), die die Geschichte Brasiliens in teils tollen, selbsterklärenden Bildern und digitalen Trompe-l'œil-Projektionen, die scheinbar pilzig aus dem Boden wachsende Gebäudeströme auf den flachen Stadionboden simulierten-, teils reichlich verklausuliert erzählten: Warum kamen die Portugiesen in Schiffskörpern aus Reifröcken angefahren, und was hatte es mit der Marschformation auf sich, die riesige rote Hasenohren an langen Stöcken umhertrug?

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Gut verständlich dann wieder der Auftritt der begabten Geherin Gisele Bündchen, die zum Lied "Girl from Ipanema" einmal quer durchs Stadion lief. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass sie dabei unterwegs eigentlich von einem geschauspielerten Raubüberfall unterbrochen werden sollte, wie man wohl bei frühen Proben hätte sehen können. Nun aber hüftpendelte sie doch lieber in ereignislosem Wohlgefallen einmal quer drüber, gefolgt von Tanzeinlagen und einer Massenszene, die für Clownphobiker das optische Äquivalent zum Fingernagelquietschen auf einer Schultafel gewesen sein dürfte: bunte Lockenperücken, so weit das Auge reicht.

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Hat der Hund den TV-Sender gewechselt?

So langsam rutschte man wie auf einem leicht bremsenden Schuhlöffel stimmungsmäßig doch rein in diese Spiele, dann der erste kalte Guss: Eine Art Infografik erklärt überraschend die fortschreitende Erderwärmung, so plötzlich, dass man glauben könnte, man sei kurz eingeschlafen und der Hund habe heimlich den TV-Sender gewechselt, weil er sich naturgemäß mehr für Umweltsendungen interessiert.

Wobei es natürlich sehr zu begrüßen ist, dass das Umweltthema so zentral in den Fokus der Feier gerückt wurde, die mit weniger als zehn Millionen Euro Produktionskosten auch deutlich weniger Geld verprasste als die Feierbiester 2008 in Peking (83 Millionen Euro) und 2012 in London (34 Millionen Euro).

Kaum hatte man sich allerdings in den Telekolleg-Modus gegroovt, begann der auf zwei Stunden angelegte Einmarsch der Sportlerdelegationen, in seiner Epik also nur getoppt durch die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest.

Traditionell darf Griechenland nach dem Wer-hats-erfunden-Prinzip als Erstes einmarschieren, und zum ersten Mal erfreuen sich die deutschen Kommentatoren Tom Bartels und Ralf Scholt an dem "super Zeichen", dass da erstmals eine Frau die Fahne trägt. Bitter eigentlich, dass diese Tatsache im Jahr 2016 noch als derart bahnbrechend abgefeiert werden muss.

Danke, Mädels, dass ihr das Dirndl verweigert habt

Das deutsche Team ist schon als fünftes dran, und wie alleweil sind die Athleten und Athletinnen wunderlich gekleidet: kurze Hosen und Röcke mit Leggins drunter, schrecklich praktisch-patent, als bräche man zu einer Wanderung mit ungewisser Wetterlage auf und wolle für alle Eventualitäten gewappnet sein. Die Kombination sieht aus, als habe eine findige Verkäuferin im Modehaus Schlöppke sie als "frech" und "peppig" angedient. Da lobt man sich schon fast die In-your-Facehaftigkeit der österreichischen Delegation, die genderübergreifend in Ziegenvelourlederhosen einläuft. Props an die Frauen, dass sie das angedachte Dirndl verweigerten.

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Erfahrene Überbrückungsschläfer gönnen sich nach dem Einmarsch von Burkina Faso ein kleines Nickerchen bis etwa Buchstabe P, viel verpasst man nicht, aus modischer Sicht. Highlights sind die Ahornblatt-Applikationen auf den kanadischen Jackenrücken, die Papageienhemden aus Honduras und der kecke Schlafanzugstyle aus Litauen.

Hauptsache, man schreckt spätestens wieder hoch, als der umfangreich eingeölte, halbnackte Fahnenmann aus Tonga ins Bild marschiert, und am besten schlummert man strategisch noch mal weg, bevor Bartels und Scholt als landeskundliche Vignette zu Venezuela nur einfällt, es gebe dort das billigste Benzin und die schönsten Frauen.

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Als vorletzte Mannschaft läuft ein länderübergreifendes Flüchtlingsteam ein, das sehr bejubelt wird, und schließlich die Delegation der brasilianischen Gastgeber. Schön, wie sie sich freuen, wie auch viele Fahnenträger zuvor schier platzten vor Gefühlsüberschwang, und so ist man selbst ganz softig ein- und aufgelegt, bis dann leider - Kaltwasserguss! - der politische Teil beginnt.

Carlos Nuzman, Chef des brasilianischen olympischen Komitees, findet, kurz zusammengefasst, alles ziemlich spitze, und sich selbst auf jeden Fall auch, denn er gehöre zu den besten Athleten des Universums. Okay.

IOC-Präsident Thomas Bach lobt in einer ziemlichen Pathospredigt die "moderne Metropole Rio", was angesichts eines gerade noch mit Tränengas niedergerungenen Protestmarsches doch freundlich als reichlich romantisierend bezeichnet werden kann, und kapriziert sich ansonsten vor allem auf die positive Flüchtlingsbotschaft. Kein Wort zum Thema Doping.

Immer schön das Licht ausmachen

Dann wird noch eilig der amtierende brasilianische Interimspräsident Michel Temer ausgepfiffen, die Fahne hereingetragen und ein paar Eide geschworen - köstlich dabei die aufgedrehten Rotzgören im Hintergrund, die den staatstragend feierlichen Moment mit ein paar von Fußballer Paul Pogba abgeschauten Dab-Moves begleiteten.

Dann knipste Langstreckenläufer Vanderlei de Lima noch schnell das Feuer an - er hatte 2004 in Athen die Goldmedaille eigentlich schon sicher, als er etwa sieben Kilometer vor dem Ziel von einem verwirrten Mann von der Strecke gedrängt wurde. Mit untypischem Understatement flackert die eher klein und energiesparend ausgefallene Flamme nun inmitten eines von Wärmeenergie bewegten Scheibenmobiles, da war er noch einmal, der Umweltgedanke, den zum guten Abschluss dann auch noch einmal Gerhard Delling im "Sportschau"-Studio aufgriff:

Er gab den guten Rat, immer das Licht auszumachen, wenn man Hotelzimmer verlässt. Na, okay: Um diese neuartige, nie gehörte Botschaft adäquat rüberzubringen, kann man schon mal vier Stunden Halligalli machen.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
einzigerwolpertinger 06.08.2016
1. Die deutsche Mannschaft
eingekleidet von Rudis Resterampe. Wir sind halt sparsam. Na ja, bei den Bezügen der Funktionäre machen wir mal eine Ausnahme.
esther_gruenwald 06.08.2016
2. Misereor-Modus
Maximal banalisierte Emotionen und eine never-ending freak show sportiv Ungeschlachter. Im Misereor-Modus sah ich den Aufstieg einer Nation. Die Gräzisten unter uns dachten noch einmal an Sisyphos. Danach war nur noch Hypnos.
neue_mitte 06.08.2016
3.
Die Eröffnungsfeiern von Olympia, EM, WM & Co. zu schauen, ist in der Tat anstrengender, als es die Wettkämpfe je sein könnten ;) Das Thema dieses Artikels lässt mich jedoch an der Stirn kratzen: "Hauptsache, man schreckt spätestens wieder hoch, als der umfangreich eingeölte, halbnackte Fahnenmann aus Tonga ins Bild marschiert" Ist das Okay, wenn man soetwas schreibt, weil es ein Mann ist? Wenn ein männlicher Autor von einer ähnlich gestylten Frau in dieser Weise geschrieben hätte, wäre ihm Teeren & Federn gewiss gewesen. Gilt die vielbeschworene Degradierung zum Objekt für Männer nicht? Es mag den Bericht aufpeppen, es hinterlässt aber einen faden Beigeschmack.
lautleise 06.08.2016
4. Eigentlich ...
... bin ich froh, dass ich ins Bett gegangen bin und mir nicht die Nacht um die Ohren gehauen habe. Denn dann hätte ich diesen Artikel nicht gelesen mit seiner stimmigen Kritik an diesem Spektakel. Danke.
weem 06.08.2016
5.
Herrlich, die Beschreibung der deutschen Einlaufklamotten..'eine findige Verkäuferin vom Modehaus Schlöppke'..mich zerreißt es gerade. Zudem freut es mich als Tierschützer, dass offensichtlich dieses Mal beim ankokeln des Feuers, kein Schwung Friedenstauben gegrillt das zeitliche segnete.
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