Das Turnier des Zaren Bittere Landung

Skispringer Severin Freund: Bitterer vierter Platz auf der Großschanze

Skispringer Severin Freund: Bitterer vierter Platz auf der Großschanze

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Die Skifahrer sind so etwas wie die Könige im Olympia-Aufgebot. Die Skispringer waren das auch mal. Doch heute sind sie vielen egal. Zur besten Sendezeit wird das Springen von der Großschanze zügig abgearbeitet. Ein Jammer.

Radetzky war immer. Die anderen Namen wechselten: Erst war es Jens, dann Dieter, später Hanni und Martin. Immer der gleiche Tag, aber andere Zeiten. Als ich aufwuchs, begann das Jahr mit dem Radetzky-Marsch im Neujahrskonzert und dem Neujahrsspringen der Vierschanzentournee. Mitklatschen und "ziiieeeh" schreien, mein Biathlon der Neunziger.

Jens Weißflog, Dieter Thoma, Sven Hannawald und Martin Schmitt, dazu Nykänen, Ahonen, Goldberger - wir kannten auch jeden B-Springer aus Kasachstan. Wäre Skispringen ein Schulfach gewesen, wir hätten in Teamstärke eine Klasse übersprungen.

Heute wäre eine ganze Nation versetzungsgefährdet. Als Martin Schmitt kürzlich seine Karriere beendete, durfte er im SWR noch einmal auftreten. Er sieht immer noch aus wie ein Teenager, die Zuschauer schrien "ziiieeeh". Es war ein Ruf aus ferner Vergangenheit. Die Sendung hieß "Sport im Dritten". Da sind sie inzwischen gelandet. Ohne Telemark.

A g'mäts Wiesle

Jetzt aber Olympia. Beim ersten Wettbewerb waren die Einschaltquoten zur besten Sendezeit am deutschen Abend schon mehr als vernünftig. Nun die Großchance, Samstagabend, volle Aufmerksamkeit - "a g'mäts Wiesle" hätte Martin Schmitt gesagt. Das ZDF mäht ein wenig mit und liefert schon vier Stunden vor Beginn die ersten Schalten zum Skisprungturm. Schwiegermutter-Darling Sven Voss gibt alles, doch die richtige Spannung will nicht aufkommen. Zu viel Darling, zu wenig Schwiegermutter. Und den Experten haben sie ihm auch weggenommen.

Emotionale Fallhöhe bieten vorerst nur die Österreicher. Dort soll es kriseln, die ZDF-Reporterin konfrontiert deren Trainer Alexander Pointner mit Beckmann'scher Aufdringlichkeit: "Immer noch keine österreichische Medaille im Skispringen." Sie lehnt sich nach vorn. Der Angesprochene schaut in den Himmel: "Naja, wir hatten erst ein Springen..." Mit einem Satz hat er den Wind aus den Reportersegeln genommen.

Apropos Wind. Der bläst kräftig in der russischen Nacht, kleine Verzögerung. Es bleibt Zeit, auch die deutschen Chancen mal auszuloten. Das ist aber so schnell vorbei, dass "die wunderbare" Maria Höfl-Riesch im Studio noch ihre Silbermedaille präsentieren darf. Felix Neureuther beherrscht die Schlagzeilen, bevor er überhaupt in Sotschi ist. Die Skifahrer sind so etwas wie Könige im deutschen Olympia-Aufgebot, das war auch schon anders. Doch Biathleten und Skispringer wollen gerade nicht so.

Filterkaffee unter den Wintersportarten

Auf die Biathleten hauen sie nun gerne drauf. Das ist schlimm. Die Skispringer sind vielen schon egal. Das ist schlimmer. Dabei muss es doch kein Nachteil sein, der Filterkaffee unter den Wintersportarten zu sein. Ein Sport, der einmal so einfach wie genial war (vor dieser ganzen Punkteorgie), dazu voll Tradition, ohne Schischi. Perfekt für den ZDF-Kunden. Doch Attraktivität wird heutzutage in Verträgen mit einem österreichischen Brausehersteller, Drehungen in der Luft und Medaillen gemessen. Da ist Skispringen gerade raus.

In Sotschi tröpfelt dann auch alles wie durch einen Melitta-Filter. Für leicht erhöhte Herzschläge sorgt erst Severin Freund, der "einen raushaut", wie das im aussterbenden Skispringerdeutsch heißt. Der Kommentator sieht prompt einen "heißen Tanz auf den vorderen Plätzen". Bis dahin darf Marinus Kraus, ein anderer Deutscher, geschätzte 32 Mal in die Kamera winken, weil der Wind seinen guten Sprung bis fast in die Tribünen geweht hat und er im zweiten Durchgang an geschätzt 32 Konkurrenten vorbeispringt. So deutsch war ein olympisches Skispringen schon lange nicht mehr. Gibt es Hoffnung?

Dann kommt Freund, in "Monsterform", hören wir. Wir denken: "Ziiieeeh!" Es reicht nicht. Sein vierter Rang, das ist wie Kaffeesatz - gut zu lesen aber ziemlich bitter. Die Luft ist raus, sofort. Wieder kein Hannawald-Gefühl, nix mit Stockerl.

Die Silbermedaille holt der 41-jährige Japaner Noriaki Kasai. Der gewann auch schon mal das Neujahrsspringen nach dem Radetzky-Marsch. Das war 2001, auf dem Höhepunkt der Beziehung zwischen Deutschland und den Skispringern. Damals berichtete das Fernsehen so lang es ging. Heute verabschiedet sich das ZDF Sekunden nach dem letzten Sprung.

Frieder Pfeiffer
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