Das Turnier des Zaren O Gott, was macht der Felix?

Skistar Neureuther: Autounfall, Schleudertrauma, Rippenprellung

Skistar Neureuther: Autounfall, Schleudertrauma, Rippenprellung

Foto: Giovanni Auletta/ AP

Gold, Silber, Bronze, einfach Sport? Reicht nicht mehr, um die Zuschauer in den Bann zu ziehen. Zickenzoff und der Unfall eines Skiläufers zeigen: Das Fernsehen kommt bei Olympia ohne zusätzliches Drama nicht mehr aus.

O Gott, was macht der Felix? Diese Frage elektrisiert seit Freitag ganz TV-Olympia-Deutschland. Felix Neureuther, für die Zielgruppe der Öffentlich-Rechtlichen meistens "der Sohn von der Rosi und dem Christian", für Sportinteressierte einer der Medaillenfavoriten im Slalom und Riesenslalom, hatte einen Autounfall. Noch vor Abreise nach Sotschi. Blitzeis. Schleudertrauma, Rippenprellung, Zerrung des Bandapparats. Verdacht auf Fahrerflucht. Und die bange Frage: Kann er überhaupt starten?

In dieser Hinsicht sieht es ganz gut aus. Der Vorfall beweist jedoch vor allem: Ein bisschen Drama kann nie schaden. Sonst hätte vermutlich hier in Deutschland kein Mensch mitgekriegt, dass überhaupt noch Slalom und Riesenslalom bei den Herren ansteht. Und dass Markus Wasmeier nicht mehr fährt. Denn Platz eins im Medaillenspiegel ist ganz gut und schön, aber erinnert sich jemand in zwei Wochen noch an die Namen der Rodler, die Gold am laufenden Band gewonnen haben? Die meisten tippen wahrscheinlich auf Georg Hackl.

Dabei zeigten gerade die Rodler: Drama unter Frauen ist immer gut. "Zickenzoff" ist so ein wunderschönes Wort, das sofort wieder auftauchte, als Silbermedaillengewinnerin Tatjana Hüfner Olympiasiegerin Natalie Geisenberger verbal attackierte, weil sie sich vom Verband benachteiligt fühlte.

Unvergessen noch die "Mutter aller Zickenkriege" im Eisschnelllauf zwischen der kühlen Claudia Pechstein aus dem Osten und der lockeren Anni Friesinger aus dem Westen. Was da alles für offene und unterschwellige Konflikte ausgetragen wurden! Und das Fernsehen und der Zuschauer mittendrin, dicke Einschaltquoten inklusive.

Denn das Fernsehen weiß genau: Sport allein reicht nicht mehr, der Zuschauer will eine emotionale Ansprache. Vorreiter war wieder mal der Fußball. Statt nur Tore und Punkte zu zeigen, gibt's in der Sportschau immer mehr Geschichten über den Glückspullover eines Trainers, den er seit drei Monaten trägt, oder die Jubelchoreografien der Torschützen. Dort erfährt der Zuschauer, dass Stürmer XY damit seinem Bruder Genesungswünsche ausrichten wollte, weil der sich eine Sehnenreizung im Daumen beim Smartphone-Surfen zugezogen hatte.

Das Drama rund um den Sport macht aber an der deutschen Grenze nicht halt. Ganz Russland diskutiert immer noch über das verletzungsbedingte Aus für Eiskunstlauf-Star Jewgenij Pljuschtschenko. Die eine Hälfte des Landes hält ihn für einen Helden, der mit künstlicher Bandscheibe und vier Schrauben im Rücken noch mal Gold für sein Land holen wollte. Die andere Hälfte sieht in ihm einen Verräter, der nur an sich dachte und lieber dem jüngeren Konkurrenten den Vortritt hätte lassen sollen.

Aber sehen wir es mal positiv: Was wäre das heutige Eishockey-Spiel Russland gegen die USA ohne die ganze Vorgeschichte wie Kalter Krieg oder "Miracle on Ice"? Nur ein Spiel unter vielen. Geben wir uns also dem Drama hin. Bangen wir um Felix. Wer es ruhiger haben will, kann sich ja weiter die Pullover von Katrin Müller-Hohenstein angucken.

Dirk Brichzi
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