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Armstrong bei Oprah Winfrey: Eine Hand wäscht die andere

Foto: Chris Carlson/ AP

Armstrong beim TV-Geständnis Oprahs Beicht-Imperium

Lance Armstrong hat TV-Beichtmutter Oprah Winfrey für sein Doping-Geständnis gewählt. Kein Zufall: Die Talk-Queen herrscht über eine Vermarktungsmaschine aus Schuld, Sühne, Profit. Und auch sie braucht das Interview.

Es begann auf Hawaii. Dort verbrachten Lance Armstrong und Oprah Winfrey zufälligerweise beide ihren Weihnachtsurlaub - der Ex-Radprofi auf dem Big Island, die Talk-Queen auf Maui. Winfrey hatte den gestürzten Armstrong schon länger um ein Interview gebeten, nun nutzte sie die Chance, nachzuhaken: Lunch gefällig?

So jedenfalls stellte Winfrey das am Dienstag dar, im Gespräch mit "CBS This Morning", der Frühstücksshow des US-Networks CBS. Mit dem morgendlichen Live-Auftritt rührte sie die Werbetrommel für das Exklusiv-Interview, das sie Armstrong schließlich abgerungen hat und das nun auf zwei Abende verteilt ausgestrahlt wird - auf ihrem eigenen Kabelsender OWN.

"Er hat mich auf Maui besucht", sagte Winfrey auf die Frage, wie sie diese begehrte TV-Beichte denn bekommen habe - das "größte Interview" ihrer Karriere, wie sie es aufgeregt formuliert. Um Diskretion zu wahren, habe sie ihre anderen hawaiianischen Urlaubsgäste schnell ausquartiert: "Geht zum Strand!" Der Trick funktionierte, Armstrong willigte ein, und das zweieinhalbstündige Gespräch wurde am Montag im texanischen Austin aufgezeichnet.

Eine Hand wäscht die andere. Armstrong braucht eine Bühne, Winfrey braucht Quoten. Gemeinsam verklären sie Dopingbetrug zum Hollywood-Drehbuch - Happy End inklusive.

Alle profitieren

Eigentlich wollte CBS mit dem entehrten Tour-de-France-Star selbst sprechen. Doch es zog den Kürzeren gegen Winfrey, eine alte Cheerleaderin Armstrongs, deren OWN zur Hälfte dem Medienkonzern Discovery gehört, welcher einst Armstrongs Rennstall US Postal sponserte. Den "exklusiven" Teaser gönnte Winfrey jedoch "CBS This Morning", dessen Co-Moderatorin ihre beste Freundin Gayle King ist. Die hatte mal eine Talkshow auf OWN und ist "Editor-at-Large" bei Winfreys Magazin "O".

Man merkt: Bei dieser Kungelei werden viele Hände gewaschen. Alle profitieren. Armstrong beginnt das Doping-Comeback. Winfrey dopt ihren schwächelnden Sender. Und CBS sendet die Promo-Clips seines Winfrey-Interviews über das Armstrong-Interview in Dauerrotation.

In der katholischen Kirche verheißt das Sakrament der Beichte Erlösung von "Todsünden und lässlichen Sünden", per priesterlicher Lossprechungsformel. Im US-Mediengeschäft verheißt das Sakrament der TV-Beichte Erlösung von VIP-Sünden und PR-Desastern - und die Hohepriesterin, die die Sünder losspricht, heißt Oprah Winfrey.

"Du gehst nicht zu Oprah, um zu gestehen", weiß Don Van Natta, der den Fall Armstrong als Reporter des US-Sportsenders ESPN eng begleitet. "Du gehst zu Oprah, um Vergebung zu finden." Oder zumindest inszenierten Schulderlass und ein letztes Millionenpublikum.

Es ist ein altes Ritual. Doping, Drogen, Ehebruch, Betrug, Korruption, sogar Mord und Totschlag: Ein gestürzter Star darf sich vor laufenden Kameras freikaufen. Die Medien spielen Sittenwächter, kassieren aber selbst mit ab, zweimal sogar - beim Sturz und bei der Wiederauferstehung. Sünde? Sühne? Der Unterschied verschwimmt in Krokodilstränen.

"Wir lieben es, zu vergeben und zu vergessen", sagt der PR-Experte John David. Sicher, alle fühlten sich von Lance Armstrong betrogen - doch keiner wolle ihn wirklich "hängen" sehen: "In Amerika gebührt jedem ein Comeback."

Sie brachte selbst Michael Jackson zum Reden

Dahinter steckt eine gigantische, profitable Vermarktungsmaschine. Ein medial-industrieller Beichtkomplex, der Milliarden bewegt. Winfrey ist dessen Herrscherin, auch zwei Jahre, nachdem ihre tägliche TV-Präsenz im Kabeluniversum verhallte. Die anderen US-Tränenkünstler reichen nicht an sie heran - Barbara Walters, Diane Sawyer, Katie Couric.

Als Winfrey 2011 die letzte Folge ihrer Talkshow zelebrierte, nach 25 Jahren und mehr als 5000 Episoden, gaben ihr die Superstars das letzte Geleit: Madonna, Tom Cruise, Katie Holmes, Beyoncé, Halle Berry, Will Smith Jamie Foxx. Alle hatten sich selbst mal auf ihrer Couch ausgeheult - und halfen der einst bettelarmen Winfrey damit, ihr Talent in ein Milliardenvermögen umzumünzen.

Alaskas Ex-Gouverneurin Sarah Palin durfte sich bei Winfrey "weltexklusiv" von der Wahlniederlage 2008 reinwaschen. Elizabeth Edwards, die betrogene, an Krebs sterbende Frau des Präsidentschaftskandidatin John Edwards, bekam bei Winfrey eine Art letzte Medien-Ölung - Selbstentblößung und Selbstvermarktung zugleich. Ihr öliger Gatte entblößte sich derweil auf NBC und ABC.

Winfrey half Whitney Houston, ihre Drogensucht zu gestehen, doch Crack-Gerede zu dementieren - und wiederholte das Interview nach Houstons Drogentod als OWN-Special. Sie brachte den pressescheuen Michael Jackson zum Reden (vor 36,5 Millionen Zuschauern) - und sicherte sich nach dessen Medikamententod den ersten Hausbesuch beim Hinterbliebenen-Clan.

Derselbe PR-Berater wie bei Bill Clinton

Tom Cruise hüpfte auf Winfreys Couch herum, um seine ewige Liebe für Katie Holmes zu beteuern, von der er sich sieben Jahre später scheiden lassen würde. Winfrey habe ihr "Wahrheit gegeben", sagt Maria Shriver, gehörnte Noch-Gattin des ehebrechenden Ex-Gouverneurs Arnold Schwarzenegger. Der wiederum ging im September seinerseits auf Beicht- und Lesereise, statt Winfrey vertraute er sich jedoch der CBS-Dame Lesley Stahl an. Mit Erfolg: Schwarzeneggers neuer Action-Film "The Last Stand" kommt am Freitag ins Kino.

Der "Oprah-Effekt" verblasste, als Winfrey auf ihr eigenes Network umstieg. OWN kam nicht aus dem Quotenkeller. Erst als sie den Promi-Beichtstuhl wieder aufbaute, mit der Interview-Serie "Oprah's Next Chapter", kehrten Schlagzeilen, Zuschauer und Stars zurück: George Lucas, David Letterman, Bette Midler, Whitney Houstons Tochter Bobbi Kristina.

Lance Armstrong ist da nur die logische Folge. Aufstieg, Fall, Wiedergutmachung: Darauf hoffte im Jahr 2008 auch Marion Jones, die des Dopings überführte Ex-Olympiasiegerin, die Winfrey schluchzend ihr erstes Interview nach der Haft gab: "Ich habe mich selbst nicht genug geliebt, um die Wahrheit zu sagen."

Jones erntete damals nur gemischte Reaktionen. Armstrong hat sich nun mit dem selben PR-Berater vorbereitet, der Bill Clinton während der Lewinsky-Affäre durch das telegene Geständnis steuerte. Winfrey - die einmal ein Guacamole-Rezept von Armstrongs Mutter Linda Armstrong Kelly in "O" veröffentlichte - verspricht den großen Offenbarungseid: "Am Ende waren wir beide ziemlich erschöpft."

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