Finale von "Orange Is the New Black" So nah wie noch nie

Mit der Netflix-Serie "Orange Is the New Black" haben wir Binge-Watching gelernt - und was Vielfalt im Fernsehen wirklich bedeutet. Ein Dankeschön zum Start der siebten und letzten Staffel.

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Die orangen Hosen und Oberteile waren natürlich ein Trick. Ein nur auf den ersten Blick stoffgewordenes Urteil, das im Kontrast zu den Uniformen des Gefängnispersonals suggerieren sollte, es sei leicht zu erkennen, wer hier Strafe verdient hatte und wer unschuldig war.

Dass "Orange is the New Black", die Serie über ein US-Frauengefängnis, in ihren nun 91 Folgen immer wieder mit einem feuchten Schwamm durch diese klar definierte Schwarz-Weiß-Ausmalbuch-Welt fuhr, Grenzen verschmierte und einen ganzen Regenbogen aus Grautönen mischte, ist vielleicht der größte Verdienst dieser Serie. Ihre siebte, finale Staffel ist nun auf Netflix verfügbar.

"Orange is the New Black", kurz OITNB, debütierte 2013 als eine der ersten Serien überhaupt, die der heutige Streaming-Gigant Netflix in Auftrag gab. Zusammen mit "House of Cards" brachte OITNB seinen Zuschauern die neue Kulturtechnik des Bingewatchings bei, bei dem man sich anfangs fühlte wie ein Kind, dem man den gesamten Erdbeereis-Vorrat für die Sommerferien auf einmal anvertraut hatte.

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"Orange Is The New Black": Was bringt die Zukunft?

Vielleicht hat man auch deshalb selbst in ihren weit fortgeschrittenen Staffeln und trotz der Beballerung mit frischer Serienkonkurrenz immer noch eine besondere Bindung zu OITNB, weil man mit ihr zum ersten Mal dieses maßlose, glückselige Wegglotzen erlebte. Und weil die Gefängnisgeschichten, anders als beim zunehmend zerdellten "House of Cards", immer noch interessant sind.

Dramaturgisches Wimmelbild

In seinen Anfängen erzählte OITNB die Geschichte von Piper Chapman (gespielt von Taylor Schilling), einer bourgeois-bohemianischen Seifenmanufakteurin aus Brooklyn, die wegen einer Drogensache zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Dass sie ausgerechnet in Seifen machte, passte ausgezeichnet, denn Piper war so quietschsauber weiß und proper privilegiert, wie man es sich nur denken konnte. An ihrer Hand betrat man die Gefängniswelt, die in Pipers bisherigen Lebensrealität tatsächlich nur als Serienkulisse existiert hatte.

Im Rückblick ist es kaum mehr vorstellbar, dass sich die erste Folge von OITNB fast exklusiv um ihren ersten Tag in der Frauenbesserungsanstalt drehte - kein Vergleich zu dem personellen und dramaturgischen Wimmelbild, zu dem die Serie längst expandiert ist. Im Laufe der Staffeln konnte man zuschauen, wie die einst sorglose Upper-Middle-Class-Frau im Knast immer neue Versionen von sich hervorschälte: Erst verschrecktes Bambi, dann Entrepreneurin, die in getragene Slips machte, und schließlich gar versehentliche Anführerin einer nazimäßigen White-Power-Gruppe.

Und vor allem konnte man zuschauen, wie sie zu nur einer Figur unter vielen anderen, teilweise deutlich interessanteren, schrumpfte. Von Anfang an war Piper von Serienschöpferin Jenji Kohan als trojanisches Pferd gedacht gewesen, eine harmlos scheinende Verkaufshilfe für ein ensemblebetontes, so viel größeres soziales Schlachtengemälde.

In konventionellen Serien mit zumeist weiblichem Cast beschränkten sich die Unterschiede zwischen den Figuren bis dahin zumeist auf ihre Haarfarben, nun wurden sämtliche Schubladen aufgerissen und ihr Inneres durcheinandergeworfen: In Litchfield sitzen junge und alte Frauen ein, schwarze, weiße, normschöne und nicht-normschöne, sanfte und harte, breite und schmale, psychisch stabile und durchgeschüttelte, welche mit Kindern und solche ohne, lesbische, heterosexuelle und alles dazwischen.

Ruckelfreie Storymaschine

OITNB war auch noch eine der ersten TV-Serien mit einer Transgender-Figur, Sophia Burset wurde zudem von der echten Trans-Aktivistin Laverne Cox gespielt und musste nicht für Effekthascherei herhalten, sondern hatte im Gefängnis ihre eigenen, maßgepackten Päckchen zu tragen, etwa den Kampf um die ihr zustehende Hormongabe.

Mit Figuren wie Sophia verschob OITNB auch die Vorstellungen davon, welche Geschichten - und vor allem wessen Geschichten - als kommerzielles Serienmaterial taugen. Die Serie verschraubte knochenharte Themen wie Missbrauch und Rassismus sowie Sexgeschichten ohne Softfilter, politische Kommentierung und Humor zu einer meist ruckelfreien Storymaschine. In ihren besten Momenten spuckte sie Szenen wie jenen Dialog in Staffel 7 aus, in der sich zwei Charaktere darüber unterhalten, was die britische Trash-Serie "Love Island" mit dem Brexit zu tun hat. Oder Momente poetischer Schönheit, etwa den Ausbruchs-Kurzurlaub der Knastbelegschaft zu einem See, ein wortloses Treibenlassen.

Szenen wie diese waren kurze Verschnaufer in einer Erzählung, die vor allem die Illusion zerstörte, es gebe so etwas wie eine große, alles überstrahlende Gerechtigkeit. Gibt es nicht, das machte OITNB klar wie keine Serie zuvor - zumindest nicht in einer Welt mit korrupten Institutionen, in der manche Vergehen mit Gefängnis bestraft, andere mit Beförderung belohnt werden.

Zu nah dran an der Wirklichkeit?

Und einer Welt, in der es eben eine blonde Piper brauchte, um diese Geschichten erzählen zu können. Die Schlussstaffel fährt ihren Fokus zunächst auf sie zurück, die nun entlassen, aber alles andere als frei in einem ungenutzten Zimmer bei der kleinen Familie ihres Bruders haust, obwohl ihr immer offensiver bedeutet wird, dass man ihre Kammer lieber über AirBnB vermieten würde.

Im Gefängnis schreibt sich derweil der große, alles überspannende Erzählbogen weiter: Wie das Gefängnissystem selbst die größte Gefahr für das Leben seiner Insassinnen darstellt. Sein dramatischer Höhepunkt war das Ende von Staffel vier, als ein stiller Protest der Insassinnen niedergerungen werden soll und ein Wärter Poussey Washington (Samira Wiley) versehentlich erstickt.

Staffel sieben führt auch die Storyline weiter, in der einige Wärter in einem ausgedachten Spiel namens "Fantasy Inmate" (einer Pervertierung von "Fantasy Football") darum wetteifern, die meisten Punkte zu sammeln, indem sie auf die nächste Schlägerei, Überdosis oder den nächsten Suizidversuch unter den Insassinnen wetten.

Das ist grausam, aber noch grausamer ist der Verdacht, dass diese Spielhandlung nicht so weit von der echten, nicht fernsehreif zurechtdramatisierten Wirklichkeit sein könnte, weil OITNB eben nie nur ausgedacht war. In Staffel sieben gibt es Sexismusvorwürfe gegen Ex-Gefängnischef Joe Caputo, und illegale Immigrantinnen werden unter schlimmsten Bedingungen in einem Internierungslager festgehalten. Vielleicht muss OITNB nun auch deshalb nach sechs Jahren enden, weil ihre Geschichten immer realistischer wurden - und es darum immer schwieriger, diese mit dem sehr eigenen OITNB-Humor abzufedern.


"Orange Is The New Black": Die siebte Staffel ist seit dem 26. Juli bei Netflix verfügbar

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3daniel 27.07.2019
1. Was hab ich gelacht
"bei dem man sich anfangs fühlte wie ein Kind, dem man den gesamten Erdbeereis-Vorrat für die Sommerferien auf einmal anvertraut hatte" DIE Erklärung für Bingewatching forever. Ich habe die Serie nie gesehen, befürchte aber sie könnte uns interessieren.
ambulans 27.07.2019
2. heute und hier,
verehrte frau rützel, überraschen sie mich doch: praktisch wie im schon-waschgang, quasi mit gebremsten schaum, über OITNB bei netflix? ich hab mal das orakel - vogelflug am himmel, mein tagesgericht (fegato) beim griechen - befragt, und das urteil ist eindeutig: geben sies zu, sie mögen die serie. eine neue erfahrung ...
liwe 27.07.2019
3.
Danke für diesen Beitrag! Genau aus den genannten Gründen ist OITNB für mich eine der besten Serien ever!
ripley99 27.07.2019
4. Free-TV?
Ist etwas bekannt über Ausstrahlungen im Free-TV? ZDF neo hat vor Jahren 4 Staffeln gesendet und dann noch eineinhalbmal wiederholt, würde gerne ab Staffel 5 weitergucken, aber aus prinzipiellen Gründen nicht via Netflix.
frida1209 27.07.2019
5.
Tatsächlich ist OITNB eine der absolut besten Serien, nicht nur auf Netflix, obwohl sich nach Pousseys Tod der Humor endgültig verliert. Hab jetzt mit der 7. Staffel angefangen, kann man wie die 6. nur noch in kleinen Häppchen ertragen. Aber nicht, weil sie etwa schlecht ist. Ganz im Gegenteil. Die USA ein untergehendes Reich, wie weiland Rom. Trump macht es noch alles schlimmer. Wir, Europa, sollten uns schleunigst abgrenzen. Abgesehen davon, unbedingte Empfehlung.
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