Pädagogen-Thriller Dein Lehrer, das unbekannte Wesen

Pauker, wie hältst du's mit dem Gen-Test? In dem furiosen ZDF-Krimi "Tod einer Schülerin" stürzt der Mord an einem Mädchen ein Lehrerpaar in die Ehekrise: Corinna Harfouch und Matthias Brandt brillieren in einem Kammerspiel aus den Seelenkellern des deutschen Bildungsbürgertums.

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Eine Ehe kann eine sonderbare Angelegenheit sein. Während die Fragen, die man sich im Lauf der Jahre stellt, immer konkreter ausfallen, wird das Verhältnis zwischen Mann und Frau diffuser: Wer ist das eigentlich, mit dem man jede Intimität teilt, ohne dass wirkliche Vertraulichkeit aufkommt? Dein Ehepartner, das unbekannte Wesen.

Man nehme nur Alex Berger (Matthias Brandt) und seine Frau Susanne (Corinna Harfouch): 20 Jahre sind sie verheiratet; ein fast erwachsener Sohn wohnt oben auf dem ausgebauten Dachboden, ein jüngerer Sohn mit Down-Syndrom ist liebevoll in den linksliberalen Lehrerhaushalt integriert. Man engagiert sich für dieselben Sachen - beim Kampf um das familiäre Glück im Speziellen und um die soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen ist allerdings die Liebe ins Hintertreffen geraten.

Oft wissen die Bergers gar nicht, was den anderen so treibt. Besser also, wenn man fragt. Und das tut Susanne dann auch: "Hast du ein Kondom benutzt?", bohrt sie nach, als sie erfährt, dass ihr Mann fremdgegangen ist. Nach dessen Verneinung konstatiert sie trocken: "Dann haben sie deine DNA."

Der Ehebruch fand nämlich unter ungünstigsten Umständen statt: Mit einer 18-jährigen Schülerin aus seinem Deutsch-Leistungskurs schlief der Lehrer nach einem Grillabend am See, kurz darauf wurde das Mädchen erschlagen. Eine von der Hauptermittlerin (Lavinia Wilson) angedachte DNA-Reihen-Untersuchung droht nun nicht nur, Alex' Beischlafaktivitäten auffliegen zu lassen - sie könnte ihn auch als Mörder ins Gefängnis wandern lassen.

Dass ihr Mann der Täter sein könnte, dieser Verdacht beschleicht Susanne erst einmal nicht. Dass seine Verhaftung ihre gesamte gemeinsame Lebenswelt zerstören würde, weiß sie aber sehr genau. Und so kommt es ausgerechnet vor dem Hintergrund des grausamen Gewaltverbrechens zur Restauration des bildungsbürgerlichen Glücks: Zusammengeschweißt durch die Bedrohung verschmelzen die Eheleute wieder zur Einheit.

Der Zuschauer indes gerät ins Zweifeln über die Integrität des Lehrers. Wie weit möchte man schon einem Typen vertrauen, der auf der Rückbank des Familienkombis seine Schülerin vernascht?

Unterm selbstgewissen Weltbild wuchert die Lebenslüge

Eine riskante Erzählkonstruktion haben Regisseur Mark Schlichter und Autorin Silke Zertz (" Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen") gewählt: hitchcockscher Spannungsaufbau, gesellschaftspolitische Brisanz und familientherapeutische Tiefenschärfe werden von ihnen zum Ehe-Thriller verdichtet. Dass der Film aufgeht, liegt auch an den Hauptdarstellern, die klug genug sind, ihre Figuren umso leiser agieren zu lassen, je größer der äußere Druck wird.

Ohrfeigen oder umarmen? Gerade Corinna Harfouch verleiht der vom Mann Betrogenen und dann die Polizei Betrügende eine stille Nervosität. Getrieben wird sie dabei offensichtlich von der Frage: Was weiß ich über meinen Partner - und was will ich überhaupt wissen?

Die Infos bleiben spärlich, es gibt in "Tod einer Schülerin" über lange Strecken keine moralischen Eindeutigkeiten, der Zuschauer muss genau hinschauen. Zum Teil wird das Pädagogenmilieu samt seinen Verhaltenscodes und Heilslehren ad absurdum geführt. Etwa wenn Alex der Polizei während der Untersuchungen erzählt, dass seine Frau die Internet-AG leitet, um den Schülern "ein kritisches Verhältnis zum Internet zu vermitteln". In der AG war auch die Ermordete - die allerdings ein eher unkritisches Verhältnis zum neuen Medium hatte und darin mit Nacktbildern für sich warb.

Auch des Lehrers Begründungen für seine Weigerung, bei dem DNA-Massenscreening mitzumachen, wirken mit dem Wissen, dass er mit der Toten geschlafen hat, nur noch aberwitzig. Mit Hinweis auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte verweigert er seine Teilnahme an der Reihenuntersuchung; seine Frau souffliert ihm im Lehrerzimmer sogar noch und verweist auf Versicherungskonzerne, die Schindluder mit den bei solchen Gen-Massentests gewonnenen Informationen treiben könnten. Und weil Alex und Susanne mit Feuer und Flamme ihre Bürgerrechte verteidigen, könnte man fast annehmen, sie glaubten sich selbst.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Billiges Bildungsbürger-Bashing wird in der ZDF-Produktion "Tod einer Schülerin", die am Dienstag beim Digital-Ableger Neo seine Vorpremiere feiert und nächsten Montag regulär im Zweiten läuft, nicht betrieben. Vielmehr erzählt das furios zugespitzte Kammerspiel davon, wie auch und gerade im Pädagogen-Biotop unter einem selbstgewissen Weltbild die Lebenslüge wuchern kann: dein Lehrer, das unbekannte Wesen.


"Tod einer Schülerin", Dienstag, 28. September, 21.00 Uhr, ZDF Neo + Montag, 4. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Hortuspalatinus 28.09.2010
1. Lehrer sind heute keine Bildungsbürger mehr!
Es wäre schön, wenn es anders wäre. Aber das Niveau in den Lehrerzimmern ist leider seit Jahrzehnten beständig am sinken. Dafür werden die Schülernoten immer besser. Ob da ein Zusammenhang besteht, weiß ich leider nicht...
superbiti 28.09.2010
2. !
Zitat von HortuspalatinusEs wäre schön, wenn es anders wäre. Aber das Niveau in den Lehrerzimmern ist leider seit Jahrzehnten beständig am sinken. Dafür werden die Schülernoten immer besser. Ob da ein Zusammenhang besteht, weiß ich leider nicht...
Na klar, das Niveau gleicht sich an. Wenn man sieht, mit welchem Wissensstand heute viele Abiturienten das Gymnasium verlassen, kann einem Angst und Bange werden.
pietro-del-cesare 28.09.2010
3. ....
Zitat von superbitiNa klar, das Niveau gleicht sich an. Wenn man sieht, mit welchem Wissensstand heute viele Abiturienten das Gymnasium verlassen, kann einem Angst und Bange werden.
Ich hätte da ein Beispiel: Ein aus Essen stammender Geschichtsstudent weiß nicht, wer Gustav Heinemann war. So geschehen an der Ruhr-Universität Bochum im Jahre 2005.
ometepe 28.09.2010
4. Häh?
Schüler blöd, Lehrer blöd - und früher war alles toller? Was seid Ihr denn für alte Knacker?
spiegelauguste 28.09.2010
5. Sprachniveau von Forenschreibern
[QUOTE=Hortuspalatinus;6320793 Aber das Niveau in den Lehrerzimmern ist leider seit Jahrzehnten beständig am sinken. [/QUOTE] Auch ein anspruchsvoller "Bildung" vorspiegelnder Name schützt offensichtlich nicht vor grauenvollen deutschen Grammatikkonstruktionen!
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