Pakistans TV-Star Ali Saleem Flirt mit der falschen Begum

Millionen Menschen schauen fasziniert zu, selbst Politiker reißen sich um eine Einladung: Der Pakistaner Ali Saleem moderiert seit fünf Jahren eine Talkshow - als Frau. Die Geschichte der steilen Karriere eines 30-Jährigen, der in dem islamischen Land einen öffentlichen Tabubruch inszeniert.

Kathrin Wahrendorff

Aus Karatschi und Islamabad berichtet


Begum Nawazish stöckelt über Kopfsteinpflaster. Sie knickt mit einem Fuß um, ihr Gesicht verzerrt sich vor Schmerz. "Shit!", sagt sie. "Hoffentlich humple ich jetzt nicht!" Sie zupft sich ihren Sari zurecht, das traditionelle Wickelkleid der Frauen in Südasien, dann ruft sie nach ihrer Visagistin: "Ich schwitze!" Eine junge Frau eilt mit einem Schminkkoffer herbei, sie kramt ein Tuch aus dem Koffer und tupft das Gesicht der Begum ab. Abrupt dreht die sich um und verschwindet in einem Gebäude. "Studio" steht auf einem kleinen Schild.

Begum Nawazish, die Frau in Sari und Pumps, ist in Wahrheit Ali Saleem, ein Mann. Sie ist eine Kunstfigur - und eine Berühmtheit in Pakistan: eine junge, schöne, reiche Witwe, die ihr Leben im islamischen Pakistan lebt, wie sie will. Vornehm, aber ein bisschen durchgeknallt, und immer einen flotten, manchmal unverschämten Spruch auf den Lippen. Seit fünf Jahren spielt Ali Saleem diese Rolle, in der Urdu-sprachigen "Late Night Show" auf dem Nachrichtensender Aaj-TV. Ein Millionenpublikum schaut zu, wenn die Begum, in Südasien der Ehrentitel für Frauen aus der Oberschicht, mit Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten, Künstlern, sogar islamischen Geistlichen spricht. Die Sendung wird in der südpakistanischen Metropole Karatschi aufgezeichnet, stets sind zwei Gäste geladen.

Der Psychologe konnte auch nichts machen

Ali, 30, hat schon immer gerne Frauenklamotten getragen. "Ich war fünf, als ich das erste Mal die Kleider meiner Mutter anprobiert habe. Am meisten liebte ich ihre Saris", erinnert er sich. Später stieg er auch in ihre hochhackigen Schuhe, probierte ihre Schminksachen aus.

Ali wohnt in einer rosafarbenen Villa am Stadtrand von Islamabad, mit seiner Mutter, seinem Bruder, der Katze Masti und dem Pudel Gucci, der aussieht wie ein braunes Wollknäuel und ständig nach Alis Aufmerksamkeit heischt. Die Eltern sind geschieden, der Vater, ein pensionierter Armeeoffizier, lebt in Karatschi. An den Wänden im Wohnzimmer hängen Fotos aus Deutschland, das Brandenburger Tor, der Rhein, die Kölner Innenstadt, Ali als Kleinkind. Die Familie lebte Anfang der achtziger Jahre in Oldenburg. Der Vater war dort stationiert, er hatte mit deutschen Waffenlieferungen nach Pakistan zu tun.

"Ach, Deutschland war wunderschön", sagt Farzana Saleem. Sie schaut ihren Sohn an, der neben ihr auf der Couch hockt, jetzt ungeschminkt, in Jogginghose, die schulterlangen Haare ungekämmt. Wenn sie redet, schweigt Muttis Junge.

"Anfangs fand ich es lustig, wenn mein kleiner Ali in Frauenkleidern herumlief", sagt sie. Ali schaut sie skeptisch an. "Aber dann hast du mich zum Psychologen geschleppt." Die Mutter lächelt verlegen. "Na ja, irgendwann hast du ja nicht mehr damit aufgehört." Der Psychologe erklärte, mit dem Jungen sei alles normal, er könne auch nichts machen.

Benazir Bhutto war begeistert

Die Familie gewöhnte sich an Alis Vorliebe für Frauenkleidung, er trat fortan sogar vor Freunden und Bekannten mit kleinen Sketchen auf. Einmal schaute die inzwischen ermordete Ex-Premierministerin Benazir Bhutto zu, erzählt Ali. "Ich habe sie parodiert, und sie hat Tränen gelacht. Anschließend kam sie zu mir und sagte: Wenn ich mal krank bin, kannst du mich vertreten." Farzana Saleem lacht, als ihr Sohn das erzählt. Sie ist stolz auf ihn. "Er bringt den Menschen Freude", sagt sie. "Selbst Männer mit langen Bärten und verschleierte Frauen sprechen uns an und sagen, dass sie es toll finden, was Ali macht."

Ali erzählt, was für ein tolles Land Pakistan doch sei. "Hier gibt es nicht nur Terror", sagt er. "Sondern viele Millionen normaler Menschen." Erst als die Mutter kurz das Zimmer verlässt, sagt er mit gedämpfter Stimme, im oberflächlich sittenstrengen Pakistan gebe es auch "eine Menge Partys" und "viel mehr ungezwungenen Sex und freie Liebe, als man glaubt". Vor allem in der Millionenmetropole Karatschi gehe es "richtig zur Sache".

Er selbst sei "trisexuell": "Ich bin ein durch und durch sexueller Mensch, ich mag Männer, Frauen, alles!" Er ist eine multiple Persönlichkeit, manchmal männlich, oft sehr feminin, immer schrill und mit starker Meinung, die aber, je nach Laune, mal so, mal so ausfällt. Dann kommt es vor, dass er plötzlich sagt, Pakistan gehe ihm "furchtbar auf die Nerven, diese ganze heuchlerische Gesellschaft, diese Politiker, die nur ihren eigenen Nutzen im Sinn haben!" Im nächsten Moment sagt er wieder: "Ich liebe dieses Land! Guck, was hier möglich ist!" Damit meint er seinen eigenen Lebenslauf. Dank seiner liberalen Familie und befreundeter Förderer aus der Künstlerszene hat er es weit gebracht, hat Zugang zu Fernsehleuten bekommen und durfte seine eigene Fernsehshow auf die Beine stellen.

"Ich kann mir alles erlauben in diesem Land"

"Mal bin ich Ali Saleem, dann wieder Begum Nawazish. Ich kann mir alles erlauben in diesem Land, weil ich so berühmt bin. Das ist nicht anders als zum Beispiel in Amerika." Wie ein kleines Kind freut er sich dann über seinen Erfolg, kichert und redet von seinen künftigen Plänen, zum Beispiel, dass er demnächst eine Autobiografie schreiben will. Und durch Pakistan reisen. Und für die sexuelle Befreiung kämpfen. Gerade war er Teilnehmer in der indischen Version der "Big Brother"-Sendung, ist aber schon nach kurzer Zeit rausgeflogen. Seine Teilnahme und die einer weiteren Pakistanerin waren in Indien zum Politikum geworden; eine hindunationalistische Partei hatte dagegen protestiert, dass Stars aus dem Feindesland an der Sendung teilnehmen. "Ich muss mit denen mal einen Tee trinken und über ihre Probleme reden", sagt Ali Saleem. Damit ist das Thema für ihn erledigt.

Das "dritte Geschlecht" ist in Südasien weit verbreitet, allein in Pakistan gibt es Schätzungen zufolge mehrere tausend Transvestiten - wohl auch, weil Homosexualität verboten ist, jedoch nicht, dass ein Mann zur Frau wird. In Städten wie Islamabad, Rawalpindi, Lahore und vor allem in Karatschi begegnet man ihnen überall. Manchmal betteln sie aufdringlich um Geld und belegen Passanten mit derben Flüchen, wenn sie leer ausgehen. Sie tauchen uneingeladen auf Hochzeitsfeiern auf oder bei Familien mit Neugeborenen - dann tanzen sie, sagen Sprüche auf, die Glück bringen sollen, und verlangen dafür ein paar Rupien.

Stundenlang im stickigen Schminkraum

Ali Saleem lebt in einer ganz anderen Welt. Er zelebriert den öffentlichen Tabubruch - und wird dafür gefeiert. Die Verwandlung vom Mann zur Frau ist jedes Mal ein mehrstündiger Prozess, dem sich Ali in einem schlecht gelüfteten Schminkraum neben dem Studio in einem staubigen Industriegebiet von Karatschi unterzieht. Alle paar Wochen kommt noch die Enthaarung von Brust, Armen und Beinen hinzu.

Und weil das so aufwändig ist, weil Ali jedes Mal aus dem zwei Flugstunden entfernten Islamabad anreist und das Auftragen des Make-ups eine halbe Ewigkeit dauert, wird nur einmal im Monat gedreht. Dann aber gleich vier Sendungen auf einmal, die dann wöchentlich ausgestrahlt werden.

Der Regisseur kommt in den Schminkraum, begrüßt Ali mit einem Schulterklopfen und sagt: "Ich finde, du brauchst einen dünneren Bauch. Dein Bauch ist zu fett. Mach Sport oder lass dich operieren." Zu einer Assistentin sagt er: "Wir könnten ihn auch in einen hautfarbenen Ganzkörperanzug pressen, was meinst du?"

Ali tut so, als höre er all das nicht. Er betrachtet sich im Spiegel und ist zufrieden mit sich und seinem Aussehen. Noch etwas Wimperntusche, einige Striche zur Betonung der Augen, dann ist die Verwandlung perfekt. Die Dame erhebt sich, legt den Sari an, wechselt die Turnschuhe gegen Pumps - und stöckelt in Richtung Studio davon.

"Ich darf doch Pervez sagen, oder?"

Der Schmerz am umgeknickten Fuß lässt rasch nach, Begum Nawazish strahlt, als sie ihre Bühne betritt - ein Wohnzimmer, wie es in jeder Villa der pakistanischen Oberschicht eingerichtet sein könnte.

Diesmal sitzt der in Pakistan berühmte Nuklearphysiker Pervez Hoodbhoy auf dem Sofa. Er hat sich mit Essays in Tageszeitungen zu politischen und sozialen Themen einen Namen gemacht und gilt als Kritiker der nuklearen Aufrüstung Pakistans. Weil viele Pakistaner stolz auf die Atombombe sind, ist Hoodbhoy nicht unumstritten.

Jetzt weiß er nicht, wohin mit seinen Händen, er schlägt die Beine übereinander, dann wieder zurück. Er spricht über den Terrorismus in Pakistan, über die Talibanisierung des Landes und was die Regierung dagegen tun müsste. Die Begum nickt höflich, lächelt ihn an. Kaum hat er zu Ende geredet, legt sie ihre Hand auf sein Knie.

"Pervez, ich darf doch Pervez sagen, oder?"

Der Professor nickt, ein bisschen zögerlich, aber was bleibt ihm anderes übrig vor laufender Kamera.

"Also Pervez, sagen Sie, woher haben Sie eigentlich Ihr so jugendliches Aussehen und Ihre exzellente Figur?"

Die Fernsehzuschauer lieben diese Flirts, diese anzüglichen Bemerkungen, diese sexualisierte Atmosphäre der Show. Eine echte Frau könnte sich niemals erlauben, was die Begum sich herausnimmt. Hoodbhoy räuspert sich.

Die kuriose Seite Pakistans

"Ach, wissen Sie, ich bewege mich oft im Freien und treibe sehr viel Sport", sagt er, und man merkt ihm an, dass er lieber wieder über Terroristen sprechen würde. Doch die Begum hat genau auf diese Antwort gewartet. "Oh, Pervez! Wie gerne würde ich mit Ihnen Sport im Freien treiben!"

Um die Verlegenheit nicht allzu groß werden zu lassen, wendet sie sich an den anderen Gast, einen Dichter, spricht mit ihm über die politische Lage, witzelt, kommt dann aber doch wieder auf Pervez Hoodbhoy zurück, an dem sie ganz offensichtlich Gefallen gefunden hat.

"Was für ein Mann!", sagt sie. Hoodbhoy lächelt verlegen.

Später, nach der Sendung, sagt er: "Das ist die kuriose Seite Pakistans." Es ist kein Lob, aber auch keine Kritik, einfach eine Feststellung. Er hat die Einladung gerne angenommen, schließlich bot sie ihm die Chance, vor einem Millionenpublikum auftreten zu können. Dafür nimmt man einen kleinen Flirt mit Begum Nawazish in Kauf.

Ali Saleem und der Sender sind sich einig, dass es die Sendung nicht ewig geben wird. Die Quoten sind in letzter Zeit gefallen. Ali will gerne etwas Neues machen, "vielleicht eine andere Sendung, mal sehen". Ein paar Sendungen soll es aber noch geben.

Danach wird er sich neu erfinden. Wieder einmal.



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Seite 1
h.e.n.r.y 05.11.2010
1. Nicht doch!
Liebe Spiegel-Online Redaktion, wie können sie nur solche Propaganda schreiben? Hier wird doch ein völliges Zerrbild der islamischen Welt gezeigt - was soll denn da ein ordentlicher überzeugter Islamhassender Sarrazinist denken, wenn er hört, dass in einem muslimischen Land sexuelle Freizügigkeit möglich ist? Ich bitte sie inständig, in Zukunft nur noch Beiträge über böse islamistische Terroristen und Zwangsheiraten zu bringen - alles andere wäre für den Absatz des Buches von Sarrazin sehr schädlich. mfg henry
J_Müller, 07.11.2010
2. .
Zitat von h.e.n.r.yLiebe Spiegel-Online Redaktion, wie können sie nur solche Propaganda schreiben? Hier wird doch ein völliges Zerrbild der islamischen Welt gezeigt - was soll denn da ein ordentlicher überzeugter Islamhassender Sarrazinist denken, wenn er hört, dass in einem muslimischen Land sexuelle Freizügigkeit möglich ist? Ich bitte sie inständig, in Zukunft nur noch Beiträge über böse islamistische Terroristen und Zwangsheiraten zu bringen - alles andere wäre für den Absatz des Buches von Sarrazin sehr schädlich. mfg henry
Na dann lesen Sie den ganzen Artikel einfach nochmal, vor allem den Teil mit der verbotenen Homosexualität. :-)
MDen 07.11.2010
3. Typisch Deutsch
Zitat von h.e.n.r.yLiebe Spiegel-Online Redaktion, wie können sie nur solche Propaganda schreiben? Hier wird doch ein völliges Zerrbild der islamischen Welt gezeigt - was soll denn da ein ordentlicher überzeugter Islamhassender Sarrazinist denken, wenn er hört, dass in einem muslimischen Land sexuelle Freizügigkeit möglich ist? Ich bitte sie inständig, in Zukunft nur noch Beiträge über böse islamistische Terroristen und Zwangsheiraten zu bringen - alles andere wäre für den Absatz des Buches von Sarrazin sehr schädlich. mfg henry
Entweder Islamhasser oder sexuelle Freizügigkeit, immer nur Extreme! Wie uninformiert und denkfaul muss man sein, um einen solchen Kommentar abzulassen? Dass hier das Kind einer reichen Elitefamilie - und Eliten können sich immer sehr viel mehr leisten, im doppalten Sinne des Wortes - in der bunten Welt der Unterhaltung zumindest zeitweilig eine Nische gefunden hat, und dass das gar nichts mit den Lebensbedingungen der allermeisten Menschen in Pakistan zu tun hat, das wird vom kleinen h.e.n.r.y hier Punkt für Punkt ausgelassen. Dieser Artikel berichtet von einer Facette des pakistanischen Alltags und gibt noch jede Menge Hinweise auf die Probleme von Homosexuellen und Transvestiten, ohne den Unterhaltungswert zu schmälern.
h.e.n.r.y 18.11.2010
4. dumdideldum, ohohoh
Zitat von J_MüllerNa dann lesen Sie den ganzen Artikel einfach nochmal, vor allem den Teil mit der verbotenen Homosexualität. :-)
Es geht ja gar nicht um die Frage, ob der Islam (genauso wie das Christentum) eine unsinnige Sexualmoral haben - das steht meines Erachtens außer Zweifel. Die Frage ist vielmehr, ob sich auch andere sexuelle Neigungen, die nicht dem Muslimischen Ideal entsprechen, durchsetzen können, als nur die Heteroehe. Und da gibt es auch in einem islamischen Land offenkundig Spielraum. Die Sarrazinanspielung war natürlich eine kleine Provokation. Das Pakistan weit von einem säkulären und aufgeklärtem Land wie der BRD entfernt ist, versteht sich von selbst.
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